Über Bord gefallen: Wie ein Seemann 16 Stunden im Wasser ohne Rettungsweste überlebte

"Er spricht jetzt viel über Gott"

Niemand merkte als Vidam Perevertilov (52) über Bord ging. Sein Schiff fuhr weiter und er trieb einsam in der Wasserwüste. Mit dem Leben hatte er schon abgeschlossen. Dann fügten sich die Dinge für eine unglaubliche Überlebensgeschichte.

Vidam Perevetilov und seine Boje, die ihm beim Überleben half. Der Ring wurde ihm von den Rettern zugeworfen.

Vidam Perevertilov kann sich nicht erinnern, wie er über Bord gegangen ist. Möglicherweise war er bewusstlos. Der 52-jährige Ingenieur aus Litauen hatte eine Nachtschicht im Maschinenraum des Versorgers “Silver Supporter” hinter sich, der auf dem Weg vom neuseeländischen Tauranga zur Insel Pitcairn war.

Nach dem Ende seiner Schicht, um etwa vier Uhr morgens habe er sich heiß und schwindelig gefühlt, sagt er der neuseeländischen Medien-Unternehmen Stuff. Möglicherweise haben ihn Dämpfe beim Pumpen von Treibstoff beeinträchtigt. Er sei auf das Achterdeck gegangen, um sich zu erholen. Dabei muss er gestürzt sein. Erst an den Moment im Wasser kann er sich wieder erinnern. Hilflos sah er zu, wie das 51 Meter lange Schiff in der Dunkelheit verschwand.

Der 51 Meter lange Versorger “Silver Supporter” pendelt zischen Tahiti und der Insel Pitcairn. © Pitcairn Islands Tourism

Ohne Rettungsweste trieb er im Pazifik. Was für ein Horror. Zwei Stunden lang hielt er sich über Wasser und langsam begannen die Kräfte zu schwinden. Dann sah er mit dem ersten Licht einen kleinen schwarzen Punkt am Horizont und begann zu schwimmen. Diese Entscheidung rettete ihm das Leben.

Perevertilov fand eine alte Fischerboje, die als Müll im Meer trieb. Er klammerte sich daran, kam wieder zu Kräften und versuchte, sich nun gegen sengende Sonne zu schützen. Würde man sein Fehlen merken? Suchte ihn jemand? Wie lange konnte er sich noch halten? Mochte er die Nacht überstehen? Seine Hoffnung schwand immer mehr im Verlauf des Tages.

Nach sechs Stunden an Bord vermisst

An Bord der “Silver Supporter” dauerte es etwa sechs Stunden, bis die Besatzung ihren Kollegen vermisste. Der Kapitän wendete das Schiff und meldete den Notfall über Funk. Das Rettungszentrum JRCC Tahiti sendete Notrufe an alle Schiffe in der Umgebung.

Der Wetterdienst Meteo-France berechnete die wahrscheinlichen Driftmuster des Über-Bord-Gegangenen. Flugzeuge der französischen Marine starteten in Polynesien, um bei der Suche zu helfen.

Die “Silver Supporter” traf als erste im Suchgebiet ein und begann am Abend damit, die vorgegebenen Suchmuster abzuarbeiten. Perevertilov hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben, weil das Licht zu schwinden drohte. Dann sah er das Schiff, winkte und schrie verzweifelt.

Vidam Perevetilov (52) aus Litauen hatte schon mit dem Leben abgeschlossen.

Einer der Passagiere meinte schließlich, einen schwachen, menschlichen Schrei auf der Steuerbordseite des Schiffes gehört zu haben. Aber niemand an Bord konnte den Schiffbrüchigen im Wasser sehen. Der Kapitän prüfte den Bereich weitere zehn Minuten, dann brach er ab, um das ursprüngliche Suchmuster wieder aufzunehmen. Er war im Begriff, das Schiff zu drehen, als ein Ausguck eine erhobene Hand über der Meeresoberfläche entdeckte.

“Unglaublich, dass jemand eine Stimme hörte, oder glaubte, sie zu hören”, sagt Sohn Murat gegenüber Stuff. Sein Vater habe nach der Rettung 20 Jahre älter ausgesehen, aber er war nicht verletzt. “Er hat da draußen sehr viel über sein ganzes Leben nachgedacht. Jetzt spricht er viel über Gott. Dabei war er vorher kein sehr religiöser Mensch”.

Er habe seinen Vater gefragt, warum er die Boje nicht als zur Erinnerung mit an Bord genommen habe. “Es ist komisch. Er sagte, er wolle sie dort lassen, damit sie noch einem anderen Menschen das Leben retten kann.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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