Umwelt: „Maersk“ schickt Containerriesen in die Nordostpassage – sind Segler schuld?

Büchse der Pandora geöffnet?

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Sieht cool aus, kann aber auch lebensgefährlich werden: Yacht im Treibeis © voyage d’yvenic

Die arktischen Regionen werden immer häufiger von Handelsschiffen befahren. Zudem setzt eine Art Abenteuertourismus für Langfahrtsegler ein. Wird es zu Reglementierungen kommen? 

Eine Meldung mit Zündstoff: Die weltgrößte Containerlinienreederei „Maersk“ will in den nächsten Tagen mit einem Neubau der sogenannten Eisklasse erstmals die Nordostpassage befahren. In einem offiziellen Statement bestätigte die dänische Reederei ihr Vorhaben: Man wolle um den 1. September die Beringstraße passieren und bis Ende des Monats in St. Petersburg ankommen.

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Mit einem Containerriesen der Eisklasse will “Maersk” die Nordostpassage befahren © maersk

Nun ist das Befahren arktischer Regionen wie die Nordost- oder Nordwestpassage mit einem Handelsschiff längst keine Premiere mehr. Weltweit beschäftigen sich bereits zahlreiche Reedereien mit diesen Alternativen zu südlichen Routen, von deren Nutzung man sich kurz bis mittelfristig große wirtschaftliche Vorteile verspricht.

Aufgrund der klimatischen Veränderungen in den letzten Jahren kann in immer länger andauernden Wetterfenstern mit weitgehend eisfreien Routen gerechnet werden. So können gegenüber dem traditionellen Seeweg von Europa nach Asien (etwa Rotterdam – Tokio durch den Suezkanal = 21.100 km) auf der Nordwestpassage (15.900 km) immerhin 5.200 km eingespart werden. Und die Nordostpassage ist mit nur 14.100 km Länge nochmals über 2.000 km kürzer. 

Der Wettlauf hat begonnen

Nachdem die Bremer Beluga-Reederei (lange Jahre Sponsor von Boris Herrmann bei seinen Class-40-Aktivitäten) im Jahre 2009 damit begann, die Nordostpassage als Route zu nutzen, folgten mehrere Tanker russischer Reedereien (begleitet von Eisbrechern), Handelsschiffe (mit und ohne Eisberecher-Begleitung), Kreuzfahrtschiffe (Hanseatic/Hapag Lloyd) etc. Mittlerweile hat die russische Regierung Förderung und Ausbau der Nordostpassage zu einer bedeutenden Verkehrsader als eines der wichtigsten Ziele der kommenden Jahre erklärt. Dennoch haben im vergangenen Jahr nur ca. 35 Handelsschiffe die vollständige Nordostpassage befahren. 

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Neue arktische Routen – auch für die Handelsschifffahrt © wikipedia

Dass nun die Reederei Maersk mit einem ihrer Eisklasse-Containerriesen die Nordostpassage befährt, wird international als Startschuss für den Wettlauf um die Nutzung arktischer Routen für den Containertransport eingeschätzt. Nicht zuletzt, weil die Reederei klarstellt, man wolle „unbekannte Routen für die Containerschifffahrt erforschen und wissenschaftliche Daten sammeln. Und in Innovationen auf allen Ebenen investieren.“

Im Umfeld solcher News geraten auch Segler in die Kritik. Ihnen wird mitunter vorgeworfen, mit einer Art „Expeditions- und Abenteuer-Tourismus“ in Arktischen Regionen das Interesse an den letzten Wildnissen unserer Erde auf senstionslüsterne Weise angeheizt zu haben.

Vor allem der regelrechte „Run“ auf die Nordwestpassage durch abenteuerlustige Segler steht hier in der Diskussion. Jährlich versuchen Dutzende Yachten, die größtenteils speziell für die Eiszonen präpariert wurden,  im Spätsommer ihr Glück und starten zur Reise durch die Passage – die meisten scheitern am Treibeis und müssen umkehren oder werden gar vom Packeis eingeschlossen. 

Arktischer Abenteuertourismus unter Segeln

So sank vor drei Tagen etwa die Yacht „Anahita“, eine Ovni 345, nachdem sie nach Growler-Berührung leck schlug. Die Crew, zwei Argentinier, konnte rechtzeitig aufs Eis „umsteigen“ und einen Notruf absenden. Die Beiden wurden von anderen Yachten, die in der Nähe ebenfalls mit dem Treibeis kämpften, unter Lebensgefahr gerettet. 

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Eisberg voraus © Boris Herrmann

Auch Boris Herrmann, deutscher Blauwasser-Vorzeigesegler, wird seinen Anteil am Aufleben des allgemeinen Interesses für arktische Regionen gehabt haben. Er durchsegelte 2015 an Bord des 30-Meter-Trimarans „Quingdao China“ unter Skipper Guo Chuan als Navigator erstmals die Nordostpassage nonstop (SR-Bericht). Der Törn fand weltweite Beachtung und machte auch in Seglerkreisen darauf aufmerksam, wie gefährdet doch die arktischen Regionen etwa im östlichen Bereich sind. 

Denn die Meeresbewohner der Arktis stehen mit einem Anwachsen der Schifffahrt einer für sie neuen Bedrohung gegenüber. So sind viele Walarten, darunter auch die extrem seltenen und scheuen Narwale (Einhörner der Meere) ausgerechnet in den Gewässern der potentiellen Schifffahrtsrouten in der Nordwest- und Nordostpassage anzutreffen. Zudem sind die Nordpolargebiete reich an Nährstoffen und Fischbeständen – eine Gefährdung dieses Ökosystems durch zunehmenden Schiffsverkehr liegt also nahe und würde schwerwiegende Auswirkungen auf das weltweite Ökosystem haben

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Narwale leben vor allem in Gewässern der zukünftigen Arktischen Schifffahrtsrouten © laidry/university of washington

In einigen Medien wird sogar behauptet, die Segler hätten mit ihren vielbeachteten Rekordfahrten oder Klein-Expeditionen „die Büchse der Pandora“ geöffnet. Ein Vergleich, der etwas weit hergeholt scheint. Denn die kommerziellen Interessen großer Reedereien werden mit Sicherheit nicht von abenteuerlustigen Seglern beeinflusst. Und Segelyachten sind in jeder Hinsicht umweltfreundlicher als Hochseeriesen. 

Wird bald strikt reglementiert?

Und dennoch erwägen amerikanische und kanadische Regierungen zumindest für Teile der Nordwestpassage eine strengere Durchfahrt-Reglementierung für Yachten. Damit es in bestimmten Gebieten der NW-Passage nicht – wie etwa in diesem Spätsommer – zu regelrechten Staus vor Treibeisfeldern komme. Und weil die Rettungsaktionen immer aufwändiger und weitreichender werden: Ein Kostenfaktor und infrastrukturelles Problem, das die Regierungen so nicht mehr tragen wollen. 

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Yvan Bourgnon hat die NW-Passage mit dem offenen Strandkat bewältigt. © bourgnon

Doch gibt man in kanadischen Kreisen zu, dass diese Reglementierung auch aus umweltspezifischen Gründen erfolgen werde. Es sei bereits jetzt wissenschaftlich nachvollziehbar, dass die Tierwelt im Hohen Norden entlang der Nordwestpassage massiv gestört werde. Die Wildnis in den Arktischen Regionen müsse gewahrt bleiben. 

Und davon einmal ganz abgesehen: eine derartige Reglementierung wird auch dem Schutz der Segler dienen. Nicht vor Eisbären – sondern vor sich selbst! 

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Andere schieben lieber ihren Katamaran Richtung Nordpol ©

 

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Michael Kunst

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