Unfall: Motorboot rammt Segelyacht mit 30 Knoten – Mobo-Passagier erzählt, wie es dazu kam

"WATCH OUT!!!!"

Das Foto des Motorbootes quer auf der Segelyacht sieht aus wie eine Photoshop-Konstruktion. Aber es ist real. Ein Passagier beschreibt den Hergang. Kommentare sehen eine Schuld beim Segler.

Motorboot, Segelyacht, Crash, Unfall

Glück, dass sich niemand unter Deck befand. © Maryland Natural Resources Police

Klare Sicht, nicht besonders viel Wind, und die J/105 kreuzt am Wochenende gemütlich mit einer Zweimann-Crew auf der Chesapeake Bucht umher. Da ist es kaum zu glauben, dass sie von einem Motorboot erwischt wird.

Im SeaRay-Forum hat ein Passagier des 34-Fußers beschrieben, wie er den Vorfall erlebte. (Post wurde inzwischen gelöscht).

Es habe sich um einen Angel-Ausflug gehandelt. “Wir haben den ganzen Vormittag gefischt und fuhren gegen Mittag wieder rein. Es war ein brandneues Boot, das auf der ersten Fahrt im Charterbetrieb mit dem Kapitän unterwegs war. Sechs Passagiere waren an Bord. Auf der Rückfahrt waren wir etwa 10 Minuten unterwegs. Ich schätze, unsere Geschwindigkeit lag bei etwa 30 Knoten. Die Sicht war klar.

Die meisten Passagiere hingen herum und genossen die Fahrt, und niemand achtete wirklich auf die Situation auf dem Wasser. Ich saß auf der Backbordseite mit Blick nach achtern. Plötzlich schreit ein Mann: “WATCH OUT!!!!” Ich drehte mich um, blicke nach vorne, und alles, was ich sehe, ist ein weißes Segel durch die Windschutzscheibe.

Harter Aufprall

Es gab einen harten Aufprall. Wir sind quer in ein Segelboot mit zwei Typen im Cockpit gefahren. Wir fallen auf das Deck. Das Schiff landet auf dem Segelboot.

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Volle Breitseite. Angler trifft J/105 bei Annapolis. © Maryland Natural Resources Police

Unser Kapitän ist etwas benommen. Als erfahrener Bootsfahrer sage ich jedem, er solle sich eine Schwimmweste schnappen. Wir zählen die Leute durch und checken, ob jemand verletzt ist. Nichts Ernstes außer Schnitten, Kratzern und Prellungen. Was auf dem Segelboot passiert ist, konnte ich nicht sehen.

Ich schaltete das Funkgerät ein und gab einen Mayday-Ruf ab. Die Coast Guard antwortete und ich gab die GPS-Koordinaten durch. Die Crew auf der Segelyacht ist geschockt aber Okay. Alle waren geschockt, aber es herrschte keine Panik.

Jetzt sitzen wir also auf dem Segelboot, und unser Heck ist fast überflutet. Ich fand den Schalter der Bilgepumpe und schaltete ihn auf “auto”, aber er schien nicht zu funktionieren. Erst im manuellen Modus wurde Wasser über Bord gepumpt. Ich musste den Schalter die ganze Zeit gedrückt halten, damit die Pumpe funktioniert.

Wenn wir jetzt volllaufen…

Ich bin also am Steuerstand, halte diesen verdammten Schalter gedrückt, und wir sind gefährlich nah am Überfluten. Ich denke, wenn wir jetzt volllaufen und kentern, werde ich im Cockpit gefangen sein.

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Das aufgeschlitzte Deck der J/105. © Maryland Natural Resources Police

15 Minuten später trifft die Küstenwache ein und bringt die Segler auf ein anderes Boot. Dann haben sie uns geborgen. Sie machten einen tollen Job. Als alle in Sicherheit waren fuhren sie tatsächlich zum Motorboot zurück und holte unsere Kühlboxen!

Also, soweit ich weiß, gab es keine schweren Verletzungen. Wir hatten in dieser Hinsicht so viel Glück. Es hätte viel schlimmer kommen können.

Am hellichten Tag

Dabei kann ich wirklich nicht verstehen, wie das passiert ist. Am helllichten Tag. Der Kapitän hat nicht getrunken. Jemand sagte, dass er dachte, das Segelboot hätte den Kurs geändert. Ich schätze, meine große Lektion ist diese: Bloß genug Abstand zu allen Booten halten, weil man nie weiß, wie sie im nächsten Moment manövrieren.

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Das Ergebnis des Crashes.

Ich habe diese Geschichte hier nur widerwillig geteilt, denn der Kapitän ist ein guter Kerl. Aber sie ist sowieso überall in den Nachrichten. Vielleicht kann man das daraus lernen: Solche Dinge passieren schnell. Als Skipper muss man immer wachsam sein. Man sollte anderen Booten nicht zu nahe kommen. Und als Passagier kann man ein zweites Paar Augen für den Bootsführer sein.

Dieser Unfall hat eine gewisse Angst bei mir ausgelöst. Aber nun werde ich zu meinem 27 Fuß Sun Dancer runtergehen und etwas Pflegearbeit erledigen. Ich bin sicher, ich werde darüber hinwegkommen, aber ich werde diesen Unfall nicht vergessen.”

Kurzfristig den Kurs geändert?

Der Beitrag hat im US-Motorboot-Forum einige erstaunliche Reaktionen hervorgerufen. So wollen Kommentatoren auf den Bildern erkennen, dass bei der J/105 der Motor läuft. Damit habe es nicht automatisch Vorfahrt. Außerdem habe es sich bei der Segelyacht um ein Vereinsboot gehandelt. Daraus wird geschlossen, dass die Crew wohl nicht sehr erfahren gewesen sein könne. Vermutlich habe sie kurzfristig den Kurs geändert.

In einer Stellungnahme des Chesapeake Boating Club heißt es: “Unsere Mitglieder betrieben das Boot auf sichere Weise, an einem Tag mit klarer Sicht und 10-12 Knoten Wind. Die J/105-Crew versuchte, das herannahende Boot vor der Kollision anzurufen und zu winken, um die Kollision zu vermeiden.”

Es ist schon sehr erstaunlich, wie man auf die Idee kommen kann, dass Segelcrews irgendetwas bewirken könnten, wenn sie sich mit etwa 5 Knoten durch das Wasser bewegen, und sich ein Motorboot mit 30 Knoten Speed auf Kollisionskurs befindet. Kein schönes Gefühl, dass so etwas überhaupt passieren kann. Der Tipp: Ausguck halten, ist für den Mobo-Skipper jetzt nicht so wehr weit hergeholt. Man könnte denken, dass man sich bei so einer Geschwindigkeit durchaus damit beschäftigt, wo der Bug hinzeigt.

Dennoch passieren solche Unfälle wie hier (Video) oder hier. Besonders der Fall von Reinhard Fahlbusch in der Lübecker Bucht hat die Gefahr deutlich gemacht. Der Surfer verlor damals ein Bein. In der Untersuchung wurde unter anderem deutlich, dass der Motorboot-Skipper vom Steuerstand aus wegen baulicher Hindernisse auf seinem Schiff nicht ausreichend nach vorne sehen konnte.

In dem Fall auf der Chesapeake Bay dürfte das Segel der Yacht aber gut sichtbar gewesen sein. Deshalb liegt die Vermutung nahe, dass er abgelenkt war. Ein solches Problem bekommt man auch beim Autofahren kaum in den Griff. Es wird sich auch auf dem Wasser schwer lösen lassen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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5 Kommentare zu „Unfall: Motorboot rammt Segelyacht mit 30 Knoten – Mobo-Passagier erzählt, wie es dazu kam“

  1. avatar alikatze sagt:

    Moin,

    ich lese gerne auf SR und bin zahlender Leser. Meist finde ich das SR-bashing in den Kommentaren überzogen. Hin und wieder lese ich aber Beiträge (Artikel) bei denen hinterfrage ich aber schon den Sinn meines Abos und glaube, dass mit einem Zusammenschluss diverser Blogs/Magazine (sail24.com), mehr Reichweite und auch mehr Qualität erreicht werden könnte.

    Ich habe mich bei diesem Artikel gefragt, was er mir geben soll. Der Post/Augenzeugenbericht ist eine nette Stunde Anglerlatein aber letztendlich hat er nix gesehen und weiß nicht, wie es zum Unfall gekommen ist. Danach kommt eine Zusammenstellung von Vermutungen.

    Die Aussage die bleibt: “Es kann auf dem Wasser zu Unfällen zwischen Booten kommen. Haltet stets Auskuck.”

    Diese Qualität von Text finde ich dann doch kaum bezahlenswert.

    Mast- und Schotbruch

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 6 Daumen runter 5

    • avatar andreas borrink sagt:

      Erstaunlich, da eine Schuld beim Segler auch nur zu erwägen. Da fährt ein Haufen verantwortungsloser Angler (oder Jäger, siehe Bootsname) mit hoher Geschwindigkeit und offenbar ohne Ausguck (so blind kann doch keiner sein) Amok, das ist doch offensichtlich. Selbst eine wie auch immer geartete Kursänderung des Seglers (Panik? Manöver des letzten Augenblicks?) kann da doch keine Schuldhaftigkeit begründen!?

      An die 30kn glaube ich nicht. Das sind über 50km/h; da hätte das Mobo doch deutlich über den Segler hinausschießen müssen. Macht die Nummer aber nicht weniger verwerflich. Ein Wunder, dass da keiner bei draufgegangen ist.

      Führerscheine einziehen; die sollen sich an den Angelteich setzen und Rotaugen stippen!

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 27 Daumen runter 2

  2. avatar Karsten sagt:

    Ich habe selten so eine Schlechten Bericht gelesen.
    Auch nur im Ansatz dem Segler die Schuld zu geben ist absurd. In den KVR’s sind die Ausweichregeln klar geregelt es besteht auch eine Kurshalteplicht selbst bei einer Geschwindigkeit von 30Kn muss der Motorboot Schiffsführer Minuten nicht Aufmerksam gewesen sein was bei einer Solchen Geschwindigkeit eine Grobe Fahrlässigkeit ist.
    Auch wäre ein kurzfristiges lenkmanöver eine grobe Fahrlässigkeit mit einer derartigen Geschwindigkeit passiert man kein anders Wasserfahrzeug. Die Situation das das Motorboot quer auf dem Segelboot liegt sagt alles aus. Auch handelt es sich um keine Wasserstraße das das Segelboot gequert haben könnte. Das müsste jedem Segelreporter eigentlich Klar sein. Wie kann man dann so einen Artikel veröffentlichen der Reporter muss auf Grund fehlender Qualifikation von der Redaktion gesperrt werden.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

    • avatar Stefano Trentini sagt:

      ich glaube der Autor hat genau die gegenteilige Aussage gemacht. Sein Kommentar ist kursiv und unterstützt den Segler. Im Text darüber berichtet er von andere Kommentatoren, die dem Segler eine Mitschuld andichten wollen. Ich sehe keine Fehlleistung bei Reporter. schon eher eine bei den Kommentatoren und die sind ja bekanntlich immer wieder mit Vorsicht zu geniessen.

      Like or Dislike: Daumen hoch 2 Daumen runter 1

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