Unglück: Kabelleger rammt Yachten im Hafen – Frauen kämpfen um Existenz

„Wir stehen vor dem Nichts“

Havarie, Hafen, Weltumseglung

Das Boot vorne sank in den nächsten Minuten; hinten die Alu-Garcia, die fast zweigeteilt wurde © DR

Sie wollten in Kürze zur Weltumseglung aufbrechen, doch dann verloren sie im südfranzösischen Hafen ihre Yacht. Die Versicherungen reagieren schleppend bis gar nicht – was tun?

Das Schicksal kann auch zu Seglern so richtig hart, fies und ungerecht sein. Jedenfalls können davon zwei junge französische Seglerinnen „ein Lied singen“ – wenn ihnen der Refrain wohl auch noch einige Zeit Kopfschmerzen bereiten dürfte. 

Servanne und Sandie, zwei professionelle Seglerinnen, die zudem als Seeleute viele Jahre auf Handelsschiffen verbracht haben, verloren im südfranzösischen Hafen Port-Saint-Louis-du-Rhône bei einem Unfall ihre Sun Odyssey 45. Ein 80 Meter langer Kabelleger rammte die vertäute „Di’Va“, mit der die beiden Frauen kurz darauf zu einer Weltumseglung starten wollten. Glück im Unglück: Obwohl eine der beiden Frauen während des Rammings an Bord war, kam sie mit leichten Verletzungen davon. Doch der Schock sitzt tief.

„Komm schnell, wir wurden gerammt!“

Das Unglück geschah bereits im Oktober vergangenen Jahres. Bis heute haben die Frauen von den Versicherungen keinerlei Entschädigungen, Unterstützung oder Hilfe welcher Art auch immer erhalten. Alle Träume sind geplatzt, Servanne und Sandie stehen vor dem Nichts – und beginnen nun, lokalen Medien und Fachmagazinen wie „Voiles et Voiliers“ ihre Version der Geschichte zu erzählen. Ein Lehr- und Mahnstück: 

Havarie, Hafen, Weltumseglung

Servanne und Sandie, die ihren Traum von der Weltumseglung erstmal ad acta legen müssen © servanne dumas

Am 16. Oktober 2018 geht Servanne wie gewohnt gegen acht Uhr zur Arbeit in die „Capitainerie“ des Hafens.  Sandie gönnt sich noch ein paar Momente im Bett. Gegen 8:45 Uhr hört sie ungewöhnlich nah den Lärm einer schweren Ankerkette.

Im nächsten Moment wird Sandie wie von einer mächtigen Faust getroffen quer durchs Boot geschleudert. Dabei verletzt sie sich an der Hand, erleidet schwere Prellungen, bleibt aber bei Bewusstsein. Ihr erster Reflex: über Funk die Freundin anrufen, von der sie ja weiß, dass sie Wache in der Capitainerie hat. 

„Servanne unser Boot wurde gerammt, komm schnell…“ 

Sandie stürzt an Deck und steht vor einem Chaos: Vor ihr ragt eine blaue Wand auf, der Rumpf eines 80 Meter langen Kabelleger-Schiffes mit der sinnigen Aufschrift „Maestro“. Der Liegeplatznachbar, ein 10 Meter Boot, ist vollständig in die „Di’Va“ verkeilt, die Riggs beider Schiffe sind ein einziges Durcheinander, überall Geschrei, brüllende Seemänner, entsetzte Rufe an Land, knarzendes Metall, knackendes GfK.

Havarie, Hafen, Weltumseglung

Taucher suchten die Umgebung nach Verunglückten ab © bmpm

Die junge Frau steht unter Schock, ist zu keiner Bewegung oder Entscheidung fähig. In der Zwischenzeit kommen Freunde von anderen Yachten, die nicht von dem Unfall betroffen sind, und bringen Sandie an Land. Geistesgegenwärtig trennen sie die beiden verkeilten Boote – drei Minuten später sinkt die kleinere Yacht. 

Zwei Mal gerammt

Die Boote lagen zuvor auf Mittelmeer-Art mit dem Heck zum Kai und 13 weitere Boote wurden von dem 80-Meter-Schiff schwer beschädigt. Es war offenbar nach einem missglückten Aufstopp/Anfahr-Manöver gleich zwei Mal in die „Di’Va“ gekracht. Am Ende des Kais rammte der Kabelleger eine Garcia 86 aus Aluminium mit dem Bug seitlich im Rumpf. Das Boot sah aus wie zweigeteilt. 

Mittlerweile war auch Servanne zur „Di’Va“ geeilt, sah ihre Freundin mit einer aufs Doppelte angeschwollenen Hand in Tränen aufgelöst, blickte auf die Reste ihres Traumschiffs, mit dem sie bald die Welt umsegeln wollten  – und musste sich erstmal übergeben. 

Havarie, Hafen, Weltumseglung

Unglücksort Port Saint Louis du Rhone © google

Die Feuerwehr, in Frankreich auch zuständig für Rettungsaktionen im Hafen, war innerhalb von Minuten zur Stelle und begann sofort mit Tauchern die Umgebung der havarierten Schiffe nach Verunglückten im Wasser abzusuchen.

Ein Hubschrauber kreiste über dem Unglücksort, Feuerwehr-RIBs, ein Rettungsschiff der Küstenwache waren im Einsatz. Doch wie durch ein Wunder waren zum Unglückszeitpunkt nur sehr wenige Personen an Bord ihrer Yachten, weitere Verletzte gab es nach offiziellen Angaben nicht. 

Ohne Schlepper im Kanal

Der Yachthafen von Port Saint Louis du Rhone wird von einem Kanal durchzogen, auf dem Frachtschiffe vor der Einfahrt in die Rhone zu einer Schleuse gelangen. Normalerweise werden große Frachter hier von Schleppern gezogen, doch auf dem verunglückten Kabelleger war lediglich ein Lotse an Bord.

Was genau zu dem verheerenden Unglück führte, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Lokale Medien schrieben zunächst von einem möglichen Ausfall der Ruderanlage, später war auch von „menschlichem Versagen“ die Rede. 

Havarie, Hafen, Weltumseglung

Totalschaden © servanne dumas

Die beiden angehenden Weltumseglerinnen standen vor einem Desaster. Der nagelneue Mast war irreparabel beschädigt, mehrere Löcher klafften in der Bordwand, das Teakdeck war vollständig hinüber, ein großes Loch in der Nähe des Kielschweins zog reichlich Wasser. Wie sich später herausstellen sollte, war die Yacht durch den Aufprall über große Flächen delaminiert. 

Zwei Stunden nach dem Unglück wurde die „Di’Va“ am Kran aus dem Wasser genommen und auf ein benachbartes Terrain gestellt. Der Anblick erinnerte eher an ein Wrack als an die einst stolze Yacht, die alle Sieben Meere unseres Planeten befahren sollte. 

Was nun?

In den darauf folgenden Wochen genas Sandie physisch zwar wieder vollständig, doch beide Freundinnen stehen mittlerweile am Rande der Verzweiflung. Unmittelbar nach dem Unglück wurden sie für eine Nacht in einem Hotel einquartiert, danach waren die Frauen auf sich alleine gestellt. 

Ihr Zuhause war unbewohnbar geworden, ihre Ersparnisse steckten in einer Yacht, die nun ein Wrack war. Doch all’ das sei ja gar nicht schlimm, versicherte man ihnen. Schließlich seien sie ja gut versichert. 

Das mit der Versicherung stimmt tatsächlich, ob „gut“ steht mittlerweile in Frage. Denn zwar hat nach Aussagen von Servanne und Sandie alles seine Richtigkeit mit dem Abschluss der Versicherung – Policen bezahlt, alles ausreichend abgedeckt – doch die Versicherungen lassen sich Zeit, viel Zeit.

Erst Anfang Januar stufte ein Gutachter die „Di’Va“ als Totalschaden ein – von den Versicherungen seitdem keine Reaktion, obwohl die beiden Französinnen mehrfach ihr Anrecht auf eine Anzahlung der Versicherungssumme geltend machten. 

Überhaupt war in der Zwischenzeit nur wenig „rund“ gelaufen für die beiden. Sie hatten ein kleines Unternehmen gegründet und wollten eigentlich mit der „Di’Va“ entlang ihrer Route Chartergäste aufnehmen. Teilweise waren diese Reisen schon gebucht, und mussten nun natürlich abgesagt werden.

Der Job in der Capitainerie war saisonbedingt ebenfalls bald zu Ende, mehrere Überführungstörns in Übersee, für die Servanne und Sandie bereits eine Zusage gegeben hatten, mussten sie ebenfalls absagen. Schließlich gab es reichlich Bürokratie auf „stand-by“ – da kann frau nicht einfach mal eben in die Südsee jetten um wochenlang Yachten zu überführen. 

Beim Bürgermeister zu Gast

Auch in Sachen Unterkunft tat sich wenig. Obwohl gegenüber lokalen Medien unmittelbar nach dem Unfall versprochen wurde, dass man sich um die beiden „kümmern werde“, geschah nichts. Die Frauen stellten mehrere Anträge auf die Zuweisung einer Sozialwohnung – keine Antwort.

Doch, ein Mal wurden sie sogar vom Bürgermeister eingeladen. „Wir dachten wirklich, der hilft uns jetzt,“ erinnert sich Servanne. „Doch dann druckste er rum, es sei ja schließlich auch nicht erlaubt, in den Yachthäfen auf Schiffen zu wohnen. Deshalb könne er nicht…“. 

Mittlerweile leben die beiden Freundinnen auf einem Katamaran – im Yachthafen, wo sonst? Sie hatten die Yacht vor Monaten nach Port Saint Louis du Rhone überführt und der Eigner erbarmte sich. 

Ganz Seemännin, hatte Servanne zudem einen Beschwerde-Bericht an die zuständige Präfektur geschrieben. Schließlich sei es verboten, Schiffe in der Größenklasse des Unglücks“dampfers“ ohne Schlepper durch den Kanal zu lotsen. Als einzige Reaktion gab es die Bestätigung, das Schreiben erhalten zu haben. 

Havarie, Hafen, Weltumseglung

Rechts 80 m Breitseite, links 45 Fuß “Di’Va” © DR

„Wir stehen vor dem Nichts und keiner der Zuständigen hilft,“ gab Servanne unlängst gegenüber den Kollegen von Voiles et Voiliers zu Protokoll. „Wir haben über ein Jahr lang jede freie Minute am Boot gearbeitet, wir haben jeden verdienten Cent in unseren Traum von der Weltumseglung gesteckt. Was sollen wir jetzt mit dem Wrack machen? Wie geht es mit uns weiter? Wir haben eine Versicherung, die noch vor sechs Monaten neu bewertet wurde. Da gibt es nichts rumzupingeln – man muss uns einfach bezahlen!“ 

Kann sein, dass der Kampf der beiden Frauen um ihre Existenz, ihre Träume und Zukunft noch eine Weile dauern wird. Hoffentlich wird er letztendlich erfolgreich sein. 

Spenden

4 Kommentare zu „Unglück: Kabelleger rammt Yachten im Hafen – Frauen kämpfen um Existenz“

  1. avatar LT sagt:

    Wäre doch nett mal den Namen der Versicherung zu sagen

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 31 Daumen runter 0

  2. avatar hurghamann sagt:

    Wie kommt ihr eigentlich auf Kabelleger?
    Die Maestro (IMO:9214006) ist ein Küsten- Fluss Mehrzweckfrachter (swas hat man früher Seeschlange genannt).
    Gemanaged wird das Schiff von der Navibaltic in Klaipeda, fährt unter Antiguaflagge und ist bei RINA in der Klasse.
    Zur Versicherung gibts leider keine Info

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 2

    • avatar Michael Kunst sagt:

      Das Schiff wurde in mehreren Artikeln der lokalen Presse als Kabelleger bezeichnet. Ist aber eigentlich auch wurschd, oder?

      Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 1

  3. avatar christian1968 sagt:

    Nach meinem Deutschen Rechtsverständnis müsste doch eigentlich zunächst die Haftpflichtversicherung des Berufsschiffs Ansprechpartner sein und falls die nicht oder zu langsam zahlt, die Kaskoversicherungen (sofern vorhanden) der beschädigten Yachten.

    Das ist wirklich bitter, Menschen in unverschuldeter Not so alleine zu lassen und nicht mal einen Vorschuss zu zahlen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *