Vestas Sailrocket: Paul Larsen, der schnellste Mensch unter Segeln

Der Speedfreak

Paul Larsen und "seine" Segelrakete © Helena Darvelid

Paul Larsen und “seine” Segelrakete © Helena Darvelid

Neunundfünfzigkommadreiacht Knoten unter Segeln. Das ist nicht einfach mal eben schnell so eine Zahl, die vorbeihuscht. 59.38 kn, das ist das Ergebnis eines Programms, akribischer Vorbereitung, präziser Teamarbeit sowie eines Kopfes, eines Typen der alledem vorsteht, der alles antreibt, der die Idee dahinter verkörpert. Und möglichst selbst am Ruder steht, pardon: liegt, wenn’s zur Sache geht.

Paul Larsen ist so einer. Oder besser gesagt: Paul Larsen ist DER Speedjunkie unter Seglern. Ein Mann, der bei Geschwindigkeiten von über 100 km/h ein paar Millimeter über dem Wasser liegt – (viel näher dran, als jeder Kitesurfer) und das Gefühl der betonharten, unter ihm durchrasenden Fläche sichtlich genießt. Der „Geschwindigkeit“ daran misst, wie sehr die heranwehende Gischt auf seinem Gesicht schmerzt. Ein Typ, der sich lieber nicht anschnallt in seiner Segelrakete, weil er beim Überschlag sowieso von der Fliehkraft in den Liegesitz gedrückt und dann im richtigen Moment hoffentlich herausgeschleudert wird. Hoffentlich!

In der britischen Segelszene zuckt man bei Typen wie Paul grinsend die Schultern und beschreibt seinen Zustand mit vier Worten: „Er ist eben Australier!“ Das reicht als Begründung, wie einer so „drauf“ ist.

Und wer in die Videos von seinem Weltrekordflug vor einer Woche genau hinein hört, der registriert in seiner zittrigen Stimme keineswegs Angst (wie in manchen Medien behauptet wurde), sondern schiere, blanke Erregung. Erregung darüber, gleich auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Segel-Speed-Karriere anzukommen.

Dass er später an Land wie ein Wilder hüpft und tanzt und (bei ausgeschalteter Kamera) ziemlich durchgeknallt feiert, kann einem nur ein verständnisvolles  Schulterzucken abverlangen: Er ist schließlich Australier! Und hat gerade die Höchstgeschwindigkeit unter Segeln in eine andere Dimension gerückt.

Wehe, wenn sie losgelassen © Helena Darvelid

Wehe, wenn sie losgelassen © Helena Darvelid

Vom Hobie auf den Bullen

Paul Larsen kam als 12jähriger zum Segeln, besser ausgedrückt: Er kam erstmal nicht dazu. Denn sein Vater hatte einen 14er Hobie-Kat erstanden und kam schnell zu dem Schluss, dass darauf zu Zweit eben kein Platz sei. Also ließ er Sohnemann am Strand und vergnügte sich alleine. Doch Paul wurde schon beim nächsten Mal von einem Kollegen auf einem 16’’-Hobie, dessen Vorschoter unpässlich war, auf eine Regatta mitgenommen. „Zum ersten Mal im Trapez, das Wasser raste unter mir vorbei – ich war fürs Leben infiziert!“ erzählte er später in einem Interview.

Doch Segeln sollte zunächst nicht der Mittelpunkt im Leben des Pubertierenden werden – es  war eher die profane Lust auf „Speed“, die ihn begeisterte. Als End-Teen schleuderte er auf alten Schrottautos durch die Straßen seines Heimatortes Healesville/Victoria, raste wie besessen auf Fahrrädern und Motorrädern durch die Gegend, war immer nah dran am Adrenalinschub. Dann kam ein Zeitpunkt, als der reine Geschwindigkeitsrausch nicht mehr genug war und er sich mit Freunden großmäulig zum Bullen-Reiten anmeldete. Alle anderen kniffen angesichts der Viecher, nur Paul saß auf… „Danach wurde ich etwas ruhiger!“ erinnert er sich heute.

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Vestas Sailrocket: Paul Larsen, der schnellste Mensch unter Segeln“

  1. avatar Backe sagt:

    Schöner Artikel!
    Man ist ja immer geneigt, nur eine Momentaufnahme zu sehen. So nach dem Motto: Aha, wieder einer, der unbedingt ‘n Rekord aufstellen musste…
    Aber dass da bei Larsen so eine lange Geschichte der Speed-Passion und vor allem doch so unzählig viele harte Offshore-Seemeilen dahinter stehen, wusste ich nicht – und hilft mir es ihm so richtig zu gönnen!

    Ach ja, a propos Speed-Passion … Ich habe mich mal länger mit dem dreimaligen Australischen Contender-Weltmeister und späteren 18-footer-Profi Barry Watson unterhalten. Der hat auch erst relativ spät – mit 18 – angefangen, Regatten zu segeln. Vorher hat er Motorradrennen gefahren, Speed pur, bis er bei einem schweren Sturz bei Tempo 200 ins Gehölz geflogen ist und einen Baumstamm nur um 30 cm verfehlte. … Danach sagt er sich: Speed ja, aber eher auf dem Wasser, wo es keine Bäume (außer Großbäumen) gibt.

    Backe

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 13 Daumen runter 0

  2. avatar Christian sagt:

    Interessantes Porträt eines hochinteressanten Typs.

    Nur: Seit wann schließen sich denn Angst und Erregung aus? (Nicht umsonst gibt es den schönen Begriff Angstlust). Paul Larsen wäre sicher nicht so erfolgreich, wenn er schmerzfrei angstlos wäre, dann hätte er sich und sein Material schon viel zu oft kaputt gemacht. Er hat mit Sicherheit großen Respekt vor den Naturgewalten und auch vor der Geschwindigkeit. Gerade Hochgeschwindkeitrekorde sind nichts für Draufgänger ud Dangerfreaks.

    Solange wir aber zu diesem Thema keinen O-Ton von Larsen kennen, sind das alles Mutmaßungen… wie die von MiKu auch.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 4

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