Vier Jahre gefangen an Bord – Seemann muss auf Schiff ausharren

Gefängnis aus Stahl

Ein Seemann, für mehrere Jahre allein auf einem Containerschiff: Der Syrer Mohammad Aisha hat etwas erlebt, das wie das Drehbuch eines Films klingt.

Muhammad Aisha musste schwimmen, um sein Telefon aufzuladen und Essen zu bekommen, während er vier Jahre lang auf der verlassenen “MV Aman” gefangen war. Foto: ITF

Mohammad Aisha ist Seemann. Er übt damit einen Job aus, der bei vielen romantische Gefühle auslöst und zum Träumen von fernen Ländern und Abenteuern einlädt. Doch mit Seefahrtsromantik hat das Abenteuer, das Mohammad Aisha durchlebt hat, wenig zu tun. Vielmehr ist er Opfer eines Systems geworden, in dem das Leid eines einzelnen wenig zählt.

Gerade einmal seit zwei Monaten war der erste Offizier Aisha an Bord des unter Bahrain-Flagge fahrenden Containerschiffs „MV Aman“, als es von ägyptischen Behörden im Jahr 2017 wegen mangelhafter Sicherheitsausrüstung und fehlender Zertifikate in der Reede von Sues, etwas südlich des Eingangs zum Sueskanals festgesetzt wurde.

Ein Problem, das immer wieder auftritt, meist aber schnell durch die Reedereien behoben werden kann. Doch in diesem Fall kam es anders. Der Besitzer des 100 Meter langen Frachters gab das Schiff einfach auf und überließ es und die Crew sich selbst. Da sich der Kapitän des Frachtschiffs zu der Zeit an Land befand, erklärten die ägyptischen Behörden den ersten Offizier Mohammad Aisha zum gesetzlichen Wächter des Schiffs, mit schwerwiegenden Konsequenzen für den Syrer. Aisha wurde somit gezwungen an Bord zu bleiben, bis sich jemand fände, der ihn ablösen würde. Dieser jemand fand sich aber nicht. Im Gegenteil. Im September 2019, also nach über zwei Jahren, durfte die restliche Crew das Schiff verlassen. Aisha aber musste an Bord bleiben und war fortan allein auf seinem schwimmenden Gefängnis. „Ich habe oft um Rückführung gebeten”, sagte Aisha der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), so etwas wie die die Gewerkschaft der Seeleute, die sich für seine Befreiung einsetzte. “Aber die Hafenbehörden weigern sich, mir das Verlassen zu erlauben.”

Muhammad Aisha am Flughafen Kairo in Ägypten auf dem Heimweg nach Syrien. Foto: ITF

Im März 2020 sorgte ein Sturm dafür, dass sich das Schiff von seinem Ankerplatz losriss und einige Meilen weitertrieb, bis es auf Grund lief. Die Vorräte gingen anschließend langsam zur Neige und das Trinkwasser ging aus, denn seit das Schiff auf Grund lag, wurde Aisha nicht mehr von außen versorgt. Natürlich wurde es irgendwann auch dunkel an Bord, denn wenn keine Crew da ist, um sich um die Generatoren zu kümmern, fällt irgendwann der Strom aus. Für den Seemann bedeutete dies, dass er nun unter Lebensgefahr an Land schwimmen musste, um sich mit Wasser und Lebensmitteln selbst zu versorgen. Auch konnte er so sein Mobiltelefon an Land aufladen.

Währenddessen kämpfte die ITF weiter darum, Aisha nach Hause zu bekommen. Schließlich mit Erfolg. Ende April 2021, nach fast vier Jahren an Bord, konnte Mohammad Aisha in seine Heimat zurückkehren. Doch gänzlich abgeschlossen ist der Alptraum noch nicht, denn Aishas Heuer wurde durch die Reederei nicht gezahlt. „Die ITF kämpft jetzt um die Wiedererlangung der Heuer des Seemanns – ein Kampf, der häufig erforderlich ist, wenn Reeder ihre Schiffe aufgeben“, heißt es von Seiten der ITF. Und trotzdem: Mohammad Aisha hat bereits angekündigt, wieder zur See fahren zu wollen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

18 − 13 =