Meinung Warum das Golden Globe Race so weitermachen soll – van den Heede forever!

Auf dem Weg zum Kult?

Es wird viel geschimpft auf das Einhand-Nonstop-Rennen um die Welt im Retro-Modus. Dabei könnte das GGR zur Kultveranstaltung werden – vorausgesetzt, der Richtige gewinnt! 

Zwischenbilanz beim Golden Globe Race: Dreieinhalb Monate sind die Einhand-Nonstop-Weltumsegler nun im Retro-Modus unterwegs und von 18 gestarteten Booten sind noch acht TeilnehmerInnen im Rennen. Nach teils dramatischen Havarien und aufregenden, aber professionell durchgeführten und glücklich verlaufenen Rettungsaktionen auf Hoher See und angesichts einer Distanz von über 5.000 Seemeilen zwischen dem Ersten und dem Letzten diskutiert die internationale Langfahrt- und Hochseeregattaszene in den Sozialen Medien den Sinn und Unsinn einer solchen Regatta. Darf man im Zeitalter hochmodernen (und meist effizienten) Yachtbaus noch EinhandseglerInnnen auf Booten um die Welt schicken, deren Risse längst als überholt gelten? Ist das Verbot moderner Navigationsmittel wie etwa GPS oder Plotter bei so einem Rennen nicht geradezu sträflich? Und warum bitteschön segelt ausgerechnet der älteste Teilnehmer Jean Luc van den Heede mit seinen 73 Jahren auf dem Salzbuckel allen anderen auf und davon? Kann das mit „rechten Dingen“ zugehen?

So what?

Es mag etwas sarkastisch klingen, aber im Prinzip erfüllt derzeit das Golden Globe Race seine vorrangige Aufgabe nahezu bravourös. Die Jubiläumsregatta will die erste Einhand-Nonstop-Weltumseglungsregatta aller Zeiten, das Sunday Times Golden Globe Race 1968, gebührend feiern. In der legendären Regatta machten sich neun Segler auf die Reise, von denen nur einer – Robin Knox Johnston – letztendlich das Rennen beendete. Alle anderen gaben aufgrund von Havarien, Disqualifikation und Einsamkeitsattacken auf. Bernard Moitessier fürchtete um sein Seelenheil und drehte in aussichtsreicher Position auf den Sieg ab Richtung Südsee. Und Donald Crowhurst nahm sich das Leben, nachdem er die Welt mit falschen Positionsmeldungen monatelang betrogen hatte. 

Golden Globe Race

Einer der’s kann: Jean Luc van den Heede © Golden Globe Race

Abgesehen von dem tragischen Selbstmord, der ab hier ausgeklammert werden soll, bietet auch das diesjährige Golden Globe Race von alledem etwas: Havarien, Abenteuer, Enttäuschungen, Hoffnungen, Einsamkeit, Durchhaltewillen, seglerisches Know-how und bei einigen der (ausgeschiedenen) Teilnehmer auch eine gehörige Portion Naivität. 

So what? 

Es werden Fragen gestellt wie „Wer bezahlt die Rettungsaktionen?“ (Versicherungen und/oder der betroffene Teilnehmer persönlich) und es wird auf die Retter verwiesen, die oft bei Rettungsaktionen ihr Leben riskieren. Doch diesen unschätzbaren Einsatz – den man nun wirklich nicht oft genug erwähnen kann – wagen sie auch für eine Cruising-Yacht, die nicht bei einer Regatta teilnimmt und in Seenot gerät. Was bekanntlich oft genug vorkommt… 

Sextant versus Plotter

Natürlich kann es vor allem jüngeren Generationen unter den Langfahrtseglern seltsam vorkommen, dass man sich auf eine Nonstop-Weltumseglungsregatta im Retro-Modus begibt, bei der man eben nicht die technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte für eine Positionsbestimmung nutzen darf (also kein GPS). Sondern seine Position „händisch“ per Sextant und Koppeln auf einer Seekarte einträgt. 

Golden Globe Race

Rettungsaktionen gab’s schon reichlich © Kim Daniels/AMSA

Doch für viele Langfahrt-Regattasegler ist genau das noch eine Herausforderung, die sie ihren Idolen von einst oder sogar ihrer Jugendzeit wieder etwas näher bringt. Dass sie damit größere Risiken eingehen… wirklich? Bisher ist jedenfalls noch keiner der Teilnehmer auf einen Felsen oder eine Insel gerockt, wie etwa Vestas beim Volvo Ocean Race. Dort hatte der Navigator auf dem Plotter nicht nahe genug „herangezoomt“, um den vermeintlichen Fliegendreck auf dem Bildschirm als Insel zu deuten.

Eine Frage der Verhältnismäßigkeit

Es ist immer müßig , über den Sinn und Zweck von Hochseeregatten oder Hochsee-Rekordfahrten zu diskutieren. Wenn 100 Fuß lange Trimaran-Monster, die zweistellige Millionenbeträge wert sind, koppheister gehen und (nach aufwändiger Rettung des Skippers) wochenlang als gefährliche Hindernisse durch die Ozeane treiben, stellt sich im Vergleich zu einer havarierten 36-Fuß-Rustler die Frage der Verhältnismäßigkeit. 

Golden Globe Race, Vendée Globe, Start

Es ging eng zu vor, bei und nach dem Start zum Golden Globe Race. Danach lichteten sich die Reihen von Tag zu Tag… © miku

Doch zurück zum Sinn und Unsinn einer Regatta wie das Golden Globe Race 2018. In einigen englisch- und französischsprachigen Segler-Foren wird mitunter erbittert darüber diskutiert, dass man auch Amateure auf diese Nonstop-Einhand-Weltumseglung schickt. Und tatsächlich ist hier  der Ansatz für berechtigte Kritik an den Organisatoren des GGR gegeben. Denn einige der Teilnehmer waren eindeutig nicht gut genug auf die Strapazen des Rennens vorbereitet. Wenn man schon nach wenigen Tagen auf See wegen Einsamkeitsattacken aufgibt, wenn einem schon nach einer Woche die Familie so sehr fehlt, dass man den nächsten Hafen ansteuert oder wenn man nach zwei Wochen Sehnsucht nach den Bergen bekommt und deshalb ebenfalls am nächsten Steg festmacht, dann sollte sich die Regattaleitung Gedanken über den augenscheinlich nicht ausreichenden Qualifikationsmodus machen. Andrerseits: Geschadet hat so ein Verhalten keinem – und beim Original waren 1968 auch mehr Greenhorns als Könner am Start.

Ü70-Kultsegler

Womit wir bei den Themen „Seemeilen auf der persönlichen Logge“ sowie „Erfahrung auf See“ und somit bei Jean Luc van den Heede wären. Der 73-Jährige verkörpert wie kein anderer den Esprit dieses Rennens und könnte im Januar 2019 seinen sowieso schon gefestigten Status als lebende Hochseelegende noch weiter ausbauen. Denn der Dienstälteste dieser Regatta zeigt mit einem Vorsprung von ca. 1.500 Seemeilen auf den Zweitplatzierten Mark Slats, dass Erfahrung und somit die Menge der gesegelten Hochseemeilen bei so einer Regatta „alles sind“. 

Golden Globe Race

Der Traum vom monatelangen, einsamen Dasein auf dem Meer – ein Alptraum? © ggr

Kunststück, denn van den Heede (VDH) ist im Prinzip der einzige Einhand-Hochseeprofi in diesem Rennen. Zwar hatte sein französischer Landsmann Peché, der kurz vor dem Kap der Guten Hoffnung wegen Materialschadens aufgab, zwar ebenfalls eine Menge Hochseeregattameilen gesegelt – aber immer in einer Crew.  

So bestätigt sich nun ein weiteres Mal, dass bei einer Weltumseglungsregatta, und insbesondere nonstop und einhand, vor allem eines zählt: Erfahrung. 

Und von der hat Van den Heede mehr als genug zu bieten. Fünf Mal ist er bereits um die Welt gesegelt, er hält den Rekord nonstop, einhand gegen die vorherrschenden Wind- und Strömungsrichtungen; er wurde Zweiter beim BOC Challenge 1986; beendete die Vendée Globe 1990 als Dritter und 1993 als Zweiter. 

Der sympathische, immer locker aufgelegte Seemann, dessen seglerische Stärke nach eigenen Angaben jedoch in seiner Sturheit liegt („was ich mir vorgenommen habe, muss ich irgendwie beenden!“), hat gegenüber allen anderen, im Rennen verbliebenen „Konkurrenten“ einen entscheidenden Vorteil: Er ist zu Hause. 

Während für den Rest der Flotte das Dasein auf den größten Wüsten unseres Planeten noch eine Unbekannte sein dürfte, hat van den Heede in den unendlich erscheinenden Weiten der Meere längst sein Wohnzimmer eingerichtet. 

„Ich fühle mich alleine auf See so wohl wie nirgendwo sonst,“ gab er einmal zu Protokoll. „Ich habe zwar nicht den Esprit eines Bernard Moitessier und will keineswegs ewig dort draußen bleiben, aber dennoch kann mir die Einsamkeit der See kaum etwas anhaben. Vielleicht liegt das daran, dass ich mit ihr befreundet bin?“ 

Die coolste Socke von allen führt das Rennen an © GGR favreau

Wie auch immer man es betrachten mag, Jean Luc van den Heede zeigte bisher beim Golden Globe Race eine Coolness, die ihresgleichen sucht. Und zwar nicht nur unter seinen derzeitigen Konkurrenten, sondern in der gesamten Einhand-Szene. Seine täglichen Tweets von Bord der „Matmut“ – der einzigen Rustler 36 im Rennen, deren Mast bei gleichbleibender Segelfläche verkürzt wurde – sind der Inbegriff des Savoir Vivre zur See: „Habe heute mein Abendessen mit einem guten Bordeaux gekrönt“ oder „ich hab’ mein Boot von sechs auf fünf Knoten Fahrt abgebremst, damit das Tief vor mir vorbeiziehen kann“ oder „heute habe ich meinen 100. Teebeutel in den Becher gehängt. Also bin ich schon 100 Tage unterwegs?“ 

Wenn Jean Luc van den Heede so weitermacht, könnte er – sozusagen gemeinsam mit dem Golden Globe Race – zu einer Art Kultfigur aufsteigen. Nach dem Helden zur See nun der Held des (schnellen) Müßiggangs auf den Ozeanen. 

Geht’s noch lässiger? 

 

Livetracker

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Michael Kunst

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