Wassertaxis: Die foilenden “Sea Bubbles” sind serienreif – welche Stadt macht den Anfang?

Taxi-Foiler

Tragflächen-Papst Alain Thébault wirbt weiter unermüdlich für seine mittlerweile ausgereiften Foil-Taxis. Doch noch scheinen die Verkäufe eher schleppend voran zu kommen. 

Was macht eigentlich Alain Thébault? Der französische „Tragflächen“-Papst und mehrfache Geschwindigkeits-Weltrekordler unter Segeln hatte sich vor vier Jahren aus der Speed-Szene etwas sang- und klanglos verabschiedet, um kurz darauf mit einem spektakulären Elektro-Motorboot auf Foils laute Furore zu machen. Nachdem Thébault auf seiner speziell dafür modifizierten „Hydroptère“ nicht die angepeilten Hochsee-Geschwindigkeitsrekorde aufstellen konnte (etwa TransPac o.Ä.), veräußerte er den mittlerweile veraltet wirkenden Tragflächenrenner offenbar für „einen Appel und ein Ei“, um sich anderen „Höhenflügen“ zu widmen. 

Was durchaus wörtlich zu nehmen ist, wenn auch dieses neuerliche Fluggefühl nur einen halben Meter über der Wasseroberfläche stattfindet. 

Von Tragflächen und Foils 

Thébault tat sich mit dem Schweden Anders Bringdal (zweifacher Windsurf-Weltmeister) zusammen und entwickelte ein Wassertaxi – nicht mehr und nicht weniger. Allerdings keine schnöde Motorbratze, sondern ein futuristisch anmutendes Gefährt in Tropfenform, das sich von einem Elektromotor angetrieben auf Foils hebt und so nahezu lautlos mit minimaler Verdrängung (und somit Wellenbildung) über die Wasseroberflächen der Flüsse, Seen und Meeresbuchten schwebt. 

Als Thébault und Anders den ersten Prototypen ihres „Sea Bubble“ vorstellten, begann ein regelrechter Hype um den revolutionär anmutenden Foiler. Und Thébault, seit Jahrzehnten für seine nicht gerade zurückhaltende Art bekannt, wenn es um eines seiner futuristischen Projekte ging und geht, befeuerte den Diskurs rund um seine „Sea Bubbles“ mit hervorragender PR.

Thébault wollte nicht weniger als den gesamten Verkehr in den Metropolen dieser Welt verringern, indem er die Taxis zu einem großen Teil von den Asphalt- auf die Wasserstraßen verlagert. Deutlich weniger Staus sollten so die Innenstädte verstopfen und natürlich Unmengen an Emissionen den Lungen der Stadtbewohner erspart bleiben. Schließlich ist das Elektrofahrzeug per se emissionsfrei unterwegs. 

Was am Anfang etwas „an den Haaren herbeigezogen“ wirkte, wurde rasch von unabhängigen Verkehrs- und Umweltforschern mit teils aufwändigen Studien bestätigt. Denn interessanterweise gibt es tatsächlich eine Menge Metropolen auf dieser Welt, die von Wasserstraßen durchzogen sind und in denen eine Entlastung des Verkehrsaufkommens auf den Straßen durch ökologisch korrekte Fahrten auf dem Wasser durchaus Sinn machen würde. 

Also rannte Thébault zunächst einmal offene Türen ein. Wie es sich für einen Franzosen gehört, kürte er Paris zur Premieren-Stadt für seine Sea Bubbles. Und auch Bürgermeisterin Hidalgo, die sich zuvor schon einen ökologischen Namen mit einem für Pariser Verhältnisse sehr gewagten, urbanen Cycling-Konzept gemacht hatte, war rasch Feuer und Flamme für die Sea Bubbles und die richtungsweisende Idee dahinter. 

Erstklassige PR

Über die Neuen Medien verbreitete sich die Vision der Sea Bubbles im Nu. Den Rest erledigte Thébault mit seinem ansteckenden Enthusiasmus für seine Ideen. So kam, es, dass aus dem Sea Bubble (Wassertropfen) eine regelrechte, wenn auch noch kleine „Blase“ wurde. Von überall seien Anfragen nach den futuristisch wirkenden Zwittern aus Automobil und Boot eingegangen; alle Welt interessiere sich dafür, ja, reiße ihm sozusagen das Konzept aus den Händen, ließ Thébault verlauten. Alle Metropolen, die auch nur ein paar Kilometer Wasserstraßen vorzuweisen hatten, zeigten sich offenbar interessiert. 

Also verließ Thébault den Klecker-Modus und begann – zumindest verbal – zu klotzen. Er machte sich auf die Suche nach Sponsoren, um die Kleinigkeit von 100 Millionen Euro für die Realisierung seiner Vision zu ergattern. Und selbst als er mit solchen Zahlen „hausieren ging“, winkten nur wenige der Angesprochenen direkt ab. Alle Welt zeigte sich interessiert, wollte aber noch ein wenig warten… 

Technisch tat sich in der Zwischenzeit einiges bei den Sea Bubbles. Knackpunkt des Designs waren und sind die Foils. Hiermit steht und fällt im buchstäblichen Sinne das gesamte System. Technisch ausgereifte Elektromotoren waren längst auf dem Markt (offensichtlich kommen Torqeedo-Motoren zum Einsatz) und mit ein paar talentierten Designern bekommt man zudem einen funktionellen und dennoch futuristisch anmutenden Look des Bootes, das optisch an ein Auto erinnern soll, schnell in den Griff. Doch die Foils waren – wie im Segelsport auch – noch in der Entwicklungsphase. Was man an den unterschiedlichen Sea Bubbles-Designstudien (meist nur auf dem Computer) nachvollziehen konnte. Aus U-Foils wurden T-Foils, die sich bald darauf zu simplen Tragflächen zurück entwickelten, um dann erneut als Foils aufzutrumpfen. Kurz: Speziell die Foil-Technik der Sea Bubbles wirkte alles andere als ausgereift, als die ersten medienwirksamen Probefahrten auf der Seine unternommen wurden. 

Doch das war noch nicht einmal das größte Problem von Thébault und Anders. Denn mittlerweile waren Wolken aufgezogen am sonst so wohlwollend erscheinenden Himmel über Paris. Die zuständigen Verkehrsbehörden wollten für das Sea Bubble keineswegs von ihren Prinzipien respektive gesezlichen Vorgaben abweichen: Das Sea Bubble sei zu schnell für die Wasserstraßen der Seine. Und da der Foiler eine gewisse Geschwindigkeit brauchte, um abzuheben, war das gesamte Projekt in Gefahr. Selbst Interventionen seitens der Bürgermeisterin brachten nichts, auch wenn ein weiteres Argument der Stadtverwaltung schnell ausgehebelt werden konnte. Denn der ursprüngliche Grund für eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf den Flüssen war und ist der Wellenschlag an den Uferbefestigungen. Und der ist bei einem Foiler im Vergleich zu einem Verdränger um bis zu 80 Prozent reduziert. 

Sea Bubble, Wassertaxi, Elektro

Sieht ziemlich cool aus, oder? Sea Bubbles

Und dennoch, das Projekt „Paris als ‚Capitale“ der Sea Bubbles“ war zunächst aus administrativen Gründen gescheitert. Beleidigt zogen sich Anders und Thébault mit ihren Sea Bubbles Prototypen an den Genfer See zurück. In der Schweiz erhoffte man sich mitdenkende Behörden – und, was soll’s, vielleicht zeigt ja Genf Interesse an den Sea Bubbles. 

So weit ist es offenbar nicht gekommen, aber das Schicksal meinte es dennoch gut mit den foilenden Wassertropfen und ihren Protagonisten. 

T-Foils mit Sensortechnik aus Flugzeugen

Denn das Sea Bubbles-Team holte sich Verstärkung bei den Hydrodynamik-Spezialisten „Caponnetto Hueber“, die ebenfalls am Genfer See eine Werkstatt unterhalten und für die z.B. der mehrfache America’s Cup-Techniker Ricardo Bencatel arbeitet. 

Kurz, das gesamte Foil-System der Sea Bubbles wurde überarbeitet: Unter dem Heck wurden nebeneinander zwei T-Foils angebracht und im Bugbereich ein mittig angesetztes T-Foil. Das Ganze wird mit einem Stabilitätssystem, das aus dem Flugzeugbau übernommen wurde, auf Kurs respektive in der Waage gehalten. 

Sensoren messen permanent den Abstand des Rumpfes zur Wasseroberfläche und melden die Ergebnisse an einen kleinen Computer, der wiederum einen Elektromotor aktiviert, um das Boot mittels Steuerklappen an den T-Foils in der Waagrechten zu halten. 

Das Ergebnis ist ein verblüffend stabiles Wassertaxi, das selbst dann noch in der Waagrechten foilt, wenn einer der Passagiere im Boot anfängt zu hüpfen oder sonstwie versucht, den „Sea Bubble“ aus dem Gleichgewicht zu bringen. 

Sea Bubble, Wassertaxi, Elektro

Auch der Fürst von Monaco hatte schon seinen Spaß an dem foilenden Taxi © sea bubbles

Das Boot steigt ab einer Geschwindigkeit von 12-14 km/h auf seine Foil-Stelzen, als normale Fahrtgeschwindigkeit werden 22 km/h angegeben, mit Vollgas werden 28 km/h erreicht. Platz für vier bis fünf Personen (inkl. Fahrer) bietet das Wassertropfen-Taxi – was noch über dem Durchschnitt der Fahrten im Auto-Taxi liegt. 

Verkäufe schwächeln

Jetzt waren die ersten Sea Bubbles-Modelle also tatsächlich durchweg fahr- und flugtüchtig, aber dennoch wollte das „Big Business“ nicht so richtig losgehen. Zwar konnten Thébault und Anders gemeinsam mit Bürgermeisterin Hidalgo erneut Testfahrten auf der Seine unternehmen und so reichlich Medienaufmerksamkeit erzielen, die Behörden und Banken blieben jedoch beratungsresistent. 

Also begab sich Thébault auf Promotion- und Verkaufstour – teils mit, teils ohne Sea Bubble. Er fuhr gemeinsam mit dem Fürsten von Monaco entlang der Cote d’Azur, verkaufte ein autonom fahrendes Wassertaxi (eine weitere Entwicklung aus dem Hause Sea Bubble) an den Emir von Dubai und ging schließlich in den Metropolen der Welt auf Werbetour. 

Inwiefern diese Tour tatsächlich erfolgreich war und ist, steht allerdings in den Sternen. Auf den Webseiten und in den Sozialen Medien ist es rund um Alain Thébault und seine Sea Bubbles auffallend ruhig geworden. Zu Beginn des letzten Jahres konnte man ein Sea Bubble noch auf der Homepage zum Subskriptionspreis von 140.000 Euro bestellen. Thébault limitierte damals die Auflage optimistisch auf 20 Exemplare – zum Ende der Subskriptionsfrist waren aber nur sechs Boote bestellt worden. 

In der Szene munkelt man längst, dass Anders und Thébault zwar unermüdlich für ihr Projekt werben. Aber die Ergebnisse in Form von Verkäufen scheinen sich noch im eher kleinen Rahmen zu halten. Auch der „Zeitstrahl mit Aktionen rund um die Sea Bubbles endet 2018 – für das neue Jahr wurden noch keine Aktivitäten veröffentlicht. 

Sea Bubble, Wassertaxi, Elektro

Doch werden sich die relativ teuren Gefährte (140.000 Euro) tatsächlich durchsetzen können? © sea bubbles

Bleibt also abzuwarten, ob sich Thébault und Anders mit ihrem Projekt durchsetzen können. Denn die Konkurrenz schläft nicht: Im zunächst sehr an den Sea Bubbles interessierten China sollen schon erste Eigenproduktionen mit dem gleichen Foil-System in der Testphase sein. Und angeblich sind auch in den USA, speziell rund um die Großen Seen, einige Tüftler mit ähnlichen Konzepten am Werk. Aber das sind alles Gerüchte. 

Alain Thébault scheint jedenfalls unermüdlich weiter für sein Projekt Wassertaxi zu werben. Und dass Thébault keiner ist, der leicht aufgibt, wissen wir längst aus seinen Zeiten als Rekordjäger unter Segeln. Damals musste er auf der „Hydroptère“ ebenfalls unzählige Rückschläge hinnehmen, bis er zuletzt dann doch der schnellste Mensch unter Segeln wurde.  

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Michael Kunst

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