Weltenbummeln: Wie jahrelange Auszeit unter Segeln zwei Brüder veränderte

Einfach lossegeln!

Die "Delos" auf den Philippinen © trautmann

Die “Delos” auf den Philippinen © trautmann

Brian Trautmann hatte schon als Youngster die Faxen dicke vom Bürojob. Jetzt ist er im fünften Jahr mit stetig wechselnder Crew auf seiner „Delos“ in Asien unterwegs. Ende offen…

Als Brian zum ersten Mal auf „Delos“ zuging, hing die „Amel Super Maramu“ gerade buchstäblich in den Seilen. Sie sollte aufs Trockendock gekrant werden – der Eigner hatte wochenlang versucht das Schiff zu verkaufen, doch kaum jemand aus Seattle/USA und Umgebung zeigte Interesse. „Das Schiff schrie mir förmlich entgegen: Hol mich hier raus, geh mit mir segeln, bring mich zum Horizont und weiter,“ erinnert sich Brian heute.

Die Trautmann-Brüder vorher und nachher – unglaublich, oder? © trautmann

Die Trautmann-Brüder vorher und nachher – unglaublich, oder? © trautmann

Doch der gerade mal 30jährige Amerikaner war sich unsicher. Alles was er bisher für seinen großen Traum gemacht hatte, war eher theoretisch. Vom Küsten-, geschweige denn Hochseesegeln hatte er keinen blassen Schimmer, ein bisschen Jollensegeln auf den Seen im Hinterland, okay, aber ansonsten war sein Traum von der „großen Flucht unter Segeln“ ein Hirngespinst, nicht mehr.

Brian hatte Bücher gewälzt, sich in Fotobildbände verliebt, hatte die Tage in der Büromühle nur überlebt, weil er jeden zweiten verdienten Cent zur Seite legte, um für eine Segelyacht zu sparen…  Eine Segelyacht, die jetzt vor ihm auf dem Trockendock lag.

Wie gesagt: Theoretisch war Brian weit voran geschritten und so hatte er sich auf dem riesigen Yacht-Gebrauchtmarkt längst bestimmte Yachttypen heraus gesucht – unter anderen eben eine „Amel“, die jetzt auch noch vergleichsweise günstig zum Verkauf stand.

Kurs Südsee

„Ich wusste damals: Wenn ich mich für dieses Schiff entscheide, wird sich mein ganzes Leben ändern. Und zwar sofort!“

So ganz gefahrlos ist die Reise aber auch nicht immer © trautmann

So ganz gefahrlos ist die Reise aber auch nicht immer © trautmann

Ein paar Stunden Bedenkzeit und einige Gespräche mit Freunden später machte Brian den Kauf perfekt – drei Monate darauf segelte er los, entlang der amerikanischen Küste, Richtung Südsee und später Neuseeland.

(Wie man als Youngster an das Geld kommt, um sich eine 53-Fuß-Yacht leisten zu können wird allerdings mit keinem Satz erwähnt 😉  )

„Ich hatte schnell kapiert, dass es ab dem Schiffskauf vor allem darauf ankam, so schnell wie möglich loszukommen,“ schreibt Brian in seinem Webblog. „Und jeder, den ich darauf ansprach, versicherte mir, dass eine Yacht vor einer großen Fahrt sowieso nie 100% fertig sei!“

Bloß keinen Strand auslassen! © Trautmann

Bloß keinen Strand auslassen! © Trautmann

Mit 33 anderen von Bucht zu Bucht

Seitdem sind fünf Jahre vergangen. Fünf Jahre, in denen Brian und bald auch sein jüngerer Bruder Brady, der schon in Mexiko aufs Schiff kam um beim Pazifik-Trip nach Tahiti dabei zu sein, mit insgesamt 33 anderen Crew-Mitgliedern aus immerhin neun Ländern segelten.

„Die wenigsten waren geübte Segler, die meisten kamen für eine oder zwei Wochen, weil der Trip eben günstiger war als mit einem Schiff oder dem Flieger,“ beschreibt Brian. „Viele blieben statt ein paar Tagen oft wochenlang, konnten sich – genauso wie Brady und ich – nicht von diesem Leben lösen.“

Ein knappes Jahr lang besegelten sie die Südsee, tingelten von Insel zu Insel, von Bucht zu Bucht. Lebten ein Hippie-Dasein auf See, machten eine unglaubliche Verwandlung durch.

„Ich hatte das Gefühl, dass sich meine Gene veränderten. Heute wie damals würde ich alles dafür tun, nicht mehr in diesen Arbeitstrott zurück zu müssen!“

Schwedin kommt an Bord

Ernährte sich wochenlang nur von dem , was das Meer bot: Brian Trautmann © trautmann

Ernährte sich wochenlang nur von dem , was das Meer bot: Brian Trautmann © trautmann

Als die „Delos“ im Oktober 2010 nach etwas mehr als einem Jahr „Auszeit“ auf Neuseeland ankam, war den beiden Brüdern klar, dass hier genau gar nichts enden wird. Sie trafen auf die Schwedin Karin, die durch Neuseeland trampte und auf Josje, eine Neuseeländerin, die auf dem Boot ihres Onkels segelte.

Beide zogen bei den Trautmanns ein – eigentlich „nur für ein paar Wochen“ – und konnten sich bis heute nicht vom Boot und seiner männlichen Stamm-Crew trennen. Die Vier und weitere Gäste segelten von Neuseeland aus über die Fijis, Vanuatu und die Solomon-Inseln.

„Auf diesem Trip ging uns schnell das Geld aus. Wir lebten monatelang ausschließlich von dem, was uns das Meer bot und was uns zahlende Gäste einbrachten. Manchmal hatten wir wochenlang nur selbst gefangenen Fisch und Reis auf der Speisekarte, hatten kein Geld für den Schiffsdiesel und segelten deshalb bis zum Ankermanöver jeden Meter unserer Reise.“

Jede Menge Lebensfreude

Als sie schließlich ein weiteres Jahr später in Australien ankamen, war die „Delos“- Crew vollkommen pleite. Das Schiff wurde auf einen preiswerten Landliegeplatz verholt und die Vier begannen, ein Jahr lang mit Gelegenheitsjobs Geld zu sparen… jeder für sich und doch immer in Gedanken an das, was noch kommen sollte.

Freundlicher Empfang allerorten © trautmann

Freundlicher Empfang allerorten © trautmann

Der große Traum: Durch Indonesien, die Philippinen, Malaysia nach Thailand zu schippern. Wie gewohnt, von der Hand in den Mund lebend, aber in größtmöglicher Freiheit. Doch die Sache hatte einen Haken: Schon auf den Philippinen gefiel es der Crew so gut, dass sie acht Monate von Bucht zu Bucht, von Insel zu Insel tingelten.

Die beiden Girls können sich auch nicht von der "Delos" trennen © trautmann

Die beiden Girls können sich auch nicht von der “Delos” trennen © trautmann

„Die Menschen dort sind unglaublich! Wir haben nur selten so viel Lebensfreude und so eine freundliche Aufnahme erlebt, wie unter den einfachen Filippinos. Irre!“ schwärmt Brian auf seiner Website.

Nicht an morgen denken

Die „Delos“ segelt weiter westwärts. Ihre Crew-Mitglieder wollen ewig so weitermachen, leben mit Gelegenheitsjobs mehr oder weniger von der Hand in den Mund, im Hier und Jetzt denken sie nur selten an morgen. „Wenn ich eines bei diesem Trip gelernt habe bisher, dann dass der Alltagstrott im Stile 9-17 Uhr für mich nie, nie wieder in Frage kommen wird,“ bringt es Brian auf den Punkt.

Für immer für die Zivilisation versaut © trautmann

Für immer für die Zivilisation versaut © trautmann

„Mein Bruder und ich sind im gewissen Sinne Asien und seinen Menschen verfallen. Für immer. Ich glaube nicht, dass unsere Reise jemals enden wird! Und wenn ich noch etwas hinzufügen darf: Allen, die von einer Auszeit unter Segeln träumen, kann ich nur das eine raten: Legt ab, fahrt endlich los… ihr schafft das schon irgendwie!

Ich kenne Typen, die seit 10 Jahren planen und wohl nie loskommen werden, weil sie alles bis ins kleinste Detail berechenbar machen wollen. Seit ich unterwegs bin, habe ich nur zwei Arten von Seglern kennen gelernt: Solche die ihren Traum leben und solche, die vom Leben träumen! Zu welcher Kategorie wollt Ihr gehören?“

Die „Delos“ liegt derzeit in Sabah / Borneo. Der Webblog der Trautmanns ist ausgesprochen lesenswert!

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
Spenden
https://northsails.com/sailing/de/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *