Werftporträt: Bootsbau Welkisch – zu Besuch bei den Holzprofis an der Havel

Berliner Holzwürmer

Bei Bootsbau Welkisch liebte man Holzboote schon, bevor es cool wurde. Zu Besuch auf einer Werft mit Berliner Geschichte.

Bernhard Welkisch führt die Berliner Werft zusammen mit Ralph Eckert © Jan Maas

Die Stichsäge kreischt, als Malte Kröger das Loch in die Sperrholzplatte sägt. Das Vorschiff eines Jollenkreuzers wird saniert. Die Unterkonstruktion aus Decksbalken ist schon fertig. Auch das neue Deck liegt. Jetzt kommt der Ausschnitt für den Maststuhl. In den Ecken arbeitet der Bootsbauer mit dem Stecheisen nach. Der Jollenkreuzer ist zur Reparatur auf seine Bauwerft zurückgekehrt. Früher hieß ihr Inhaber Otto Bollfras. Bollfras‘ Jollenkreuzer sind an dem schräg gestellten Hauptschott zu erkennen – bequem zum Anlehnen.

Heute heißt die Werft Bootsbau Welkisch – nach Bernhard Welkisch, der sie gemeinsam mit seinem Kompagnon Ralph Eckert führt. Der Betrieb liegt in Pichelsdorf im Berliner Stadtteil Spandau, auf einer Landzunge zwischen den Havelbuchten Pichelssee im Osten und Scharfe Lanke im Westen. In den letzten knapp 30 Jahren hat sich die Firma parallel mit dem Boom der Klassikerszene zu einer gut besuchten Adresse für alte Holzboote entwickelt. Ein Beispiel für diese Arbeit ist die 5mR-Yacht GOA, die regelmäßig bei Welkisch in Pflege ist.

Ein 20er Jollenkreuzer kehrt zur Überholung auf seine Bauwerft zurück © Jan Maas

Die von Knud Reimers als Quintus gezeichnete heutige GOA erhielt auf der Werft an der Havel vor 20 Jahren eine Totalsanierung. Der 1946 im dänischen Horsens gebaute Holzrumpf wollte einfach nicht mehr dicht werden, erzählt Eigner Otto Metzner. In den Saisons 2000 und 2001 lief die Lenzpumpe fast ununterbrochen. Bis dahin konnten Metzner und sein Bruder den Löwenanteil der anfallenden Arbeiten regelmäßig selbst erledigen – aber nun musste ein Profi ran, um das Boot zu retten.

Eigentlich war die GOA etwas zu groß für die Berliner Werft. Bis heute bleibt immer, wenn sie in der Halle steht, eine Schiebetür offen, für den Heckspiegel. Welkisch erinnert sich gut an die Restaurierung: „Nach dem Krieg hat man eben Boote aus dem Holz gebaut, das gerade vorhanden war. Das war natürlich nicht immer die beste Qualität. Eigentlich war es ein Wunder, dass der Rumpf überhaupt so lange durchgehalten hat.“ Den alten Spiegel, kaum zwei Handteller groß, hat Welkisch konserviert und auf eine Holzplatte montiert.

Immer, wenn die 5mR-Yacht GOA auf der Werft liegt, muss die Schiebetür offen bleiben © Jan Maas

Die Eigner entschieden sich, den Rumpf neu aufzubauen, statt ihn überfurnieren zu lassen: „So ist es wirklich ein altes Schiff geblieben, andernfalls wäre ein Sperrholzboot daraus geworden.“ Welkisch kaufte also einen Stamm Mahagoni. Im Winter 2002/2003 ersetzte die Werft Außenhaut und Deck komplett. Nur Teile der Balkweger, der Spanten und der Bodenwrangen sind noch original. Dafür ist der Rumpf jetzt „knochentrocken“, sagt Metzner. So wie die GOA sind viele hölzerne Boote regelmäßig bei Welkisch zu Gast.

Zweiter Frühling: die 5mR-Yacht GOA auf der Ostsee © Jan Maas

Bernhard Welkisch, Jahrgang 1960, hat in den hölzernen Buden bereits seine Lehre absolviert. Er stammt aus dem Viertel und war bereits als Schüler aktiver Wassersportler. Nebenbei arbeitete er bei dem Bootshändler Harry Reiffer am Nordufer der Scharfen Lanke als Aushilfe: riggen, putzen, Stege reparieren und Metallarbeiten erledigen. Nach dem Abitur stockte Welkisch auf einen Halbtagsjob auf. Bald war klar: Er wollte Bootsbauer werden. Allerdings war Reiffers Bootshandel kein Ausbildungsbetrieb.

Mit dem Stecheisen wird der Ausschnitt für den Maststuhl angepasst © Jan Maas

Also ging Welkisch Anfang der 1980er Jahre als Lehrling zu Manfred Heuwinkel am Pichelssee, in den Betrieb, den er heute führt. Heuwinkel hatte die Werft Anfang der 1970er Jahre von Otto Bollfras übernommen. Bollfras seinerseits hatte in den 1950er Jahren begonnen, auf dem Gelände Jollen wie Piraten und insbesondere O-Jollen zu bauen. Außerdem entstanden dort regelmäßig 15er und 20er Jollenkreuzer. Die Risse von Günther Brandt – die mit dem erwähnten schrägen Hauptschott – galten als sehr schnell.

Dann begann Ende der 1960er Jahre die Zeit des Kunststoffbootsbaus. Der Wassersport boomte, aber Holz als Baustoff war nicht mehr gefragt. Als Manfred Heuwinkel die Werft übernahm, war die Zahl der hölzernen Neubauten bereits deutlich zurückgegangen.

Masten und Spieren aus Holz gehören zu den Spezialitäten von Bootsbau Welkisch © Jan Maas

Heuwinkel glich das aus, indem er Seahorse-Kielboote aus den Niederlanden importierte. O-Jollen allerdings wurden weiterhin neu aus Holz gebaut. Die Klasse war zwar nicht mehr olympisch, erfreute sich in Berlin aber trotzdem einiger Beliebtheit.

Eine O-Jolle namens Windsbraut baute Bernhard Welkisch auch 1984/85 als Gesellenstück. Nach der Prüfung waren die Zukunftsaussichten für Holzbootsbauer begrenzt. In der geteilten Stadt gab es außer Heuwinkel nur noch die Werft von Erich Schaal in Heiligensee. Außerdem leistete sich der Potsdamer Yachtclub am Wannsee einen Bootsbauer. Doch auf diesen Job hatte Welkisch keine Lust. Bei einem möglichen Umzug nach Westdeutschland hätte die Wehrpflicht gewinkt – auch diese schien ihm wenig attraktiv.

Gesammelte Stecheisen in der Werkstatt © Jan Maas

Also blieb der Bootsbauer in seinem Lehrbetrieb. Als einzigem Gesellen bei Heuwinkel fiel Welkisch dort schon früh die Aufgabe zu, die Lehrlinge anzuleiten. Eines Tages kam Ralph Eckert dazu. Die beiden jungen Männer kannten sich schon aus der Berufsschule. Damals gingen die wenigen Berliner Bootsbauer zusammen mit den Schiffbauern und Segelmachern quer über alle Lehrjahre zusammen in eine Klasse. Eckert lernte bei Erich Schaal. Als dieser 1985 plötzlich verstarb, brauchte Eckert einen neuen Lehrbetrieb.

Schaal selbst stammte ursprünglich aus Ost-Berlin. Dort baute er in seinem kleinen Betrieb im Rahmen der Genossenschaft Berliner Bootsbauer hölzerne Drachen, die bis nach Schweden verkauft wurden. Noch vor dem Mauerbau zog er eines Tages mit einigen Booten im Päckchen samt Werkzeugen und Maschinen nach West-Berlin und eröffnete dort eine kleine Werft. Nach Schaals Tod übernahm ein Mitarbeiter ohne Erlaubnis zur Ausbildung die Firma. Deshalb kam Eckert für sein letztes Lehrjahr zu Heuwinkel.

Auch die 20er Rennjolle Oberon ist auf der Werft an der Havel in Pflege © Jan Maas

Das Verhältnis zwischen dem Chef und dem neuen Lehrling war nicht gut. Nach erfolgreicher Gesellenprüfung kehrte Eckert deswegen zunächst zurück in die ehemalige Schaal-Werft. Mit Welkisch hingegen hatte Eckert sich unterdessen angefreundet. Bald suchte Heuwinkel für seine Werft einen Nachfolger. Auf Eckert war er schlecht zu sprechen. Also übernahm Welkisch 1992 den Betrieb unter seinem Namen – und holte Eckert alsbald als gleichberechtigen Gesellschafter an Bord.

Bootsbau Welkisch liegt zwischen zwei Havelbuchten © Jan Maas

Seitdem hat sich manches geändert. Der größte Unterschied für die Werft ist wohl der Aufschwung, den die Klassikerszene in diesen drei Jahrzehnten genommen hat. 1992 gab es weder einen Freundeskreis Klassische Yachten noch eine Classic Week. Allenfalls die Veteranenregatta in Laboe diente bereits als Anlaufpunkt für Holzbootfans. Alte Holzboote hatte man entweder geerbt, oder man kaufte sie, weil das Budget begrenzt war, oder man war Liebhaber. Inzwischen sind klassische Yachten geradezu ein Statussymbol geworden.

Das bemerkt auch Bernhard Welkisch: „Holzjollenkreuzer und Folkeboote gab es hier schon immer. Jetzt sind andere Boote dazu gekommen. Die Kundschaft ist größer geworden. Und sie holt zum Teil Schiffe in schrottreifem Zustand.“ Mit der Klientel ist die Werft gewachsen. Auszubildende in verschiedenen Lehrjahren hatte der Betrieb immer. Heute arbeiten neben den beiden Meistern sechs Gesellen auf der Werft, darunter auch solche, die Welkisch für potenzielle Nachfolger hält.

Der Baum des restaurierten Jollenkreuzers wird lackiert © Jan Maas

Schließlich kommt langsam, aber sicher der Ruhestand in Sicht. Doch noch ist es nicht soweit. Vor ein paar Jahren kaufte Welkisch sein altes Gesellenstück, die O-Jolle Windsbraut zurück. Bisher ist er kein einziges Mal damit gesegelt. „Es ist nicht viel zu machen, es sind nur zwei Planken faul. Aber ich habe keine Zeit. Das einzige meiner Boote, das schwimmt, ist der alte Plastikdampfer meiner Eltern.“ Das unfertige eigene Boot – ein unter Bootsbauern verbreitetes Phänomen.

Die 20er Jollenkreuzer von Otto Bollfras gelten als sehr schnell © Jan Maas

Zu den Jobs, die Welkisch gerne noch selbst erledigt, gehören der Bau und die Pflege von Masten und Spieren. Auch die GOA erhielt seinerzeit ein neues Holzrigg als Ersatz für den alten Lacustre-Mast aus Aluminium. Gerade liegt auf der Mastbank in der Werkstatt das Holzrigg des alten Bollfras-Jollenkreuzers. Hier und da hatte es ein paar dunkle Stellen, aber nichts, was nicht mit ein paar Holzpropfen erledigt werden konnte. Jetzt glänzt der neue Lack und Bernhard Welkisch schraubt die Beschläge wieder an. Noch ein Holzboot gerettet.

Ein Kommentar „Werftporträt: Bootsbau Welkisch – zu Besuch bei den Holzprofis an der Havel“

  1. avatar Kai sagt:

    Sehr sehr schöne story

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