Wie eine 16-köpfige Eignergemeinschaft einen Kielschwerter rettete

Ein unmögliches Projekt

Von wegen viele Köche verderben den Brei: Die Rettung des 80 Jahre alten Doppelenders “Wellenreiter” zeigt genau das Gegenteil.

Stück für Stück: Das Großsegel hat schon ein paar Jahre auf der Uhr, aber die Fock ist neu. Foto: Jan Maas

Eine achtköpfige Eignergemeinschaft – mit Partnerinnen sechzehnköpfig – rettet ein Holzwrack vor der Kettensäge und bekommt es nach drei Jahren wieder segelfertig. Klingt unglaublich, ist aber wahr. Wenn sich das jemand gezielt vorgenommen hätte, wäre er oder sie vielleicht vor den vielen Unwägbarkeiten zurückgeschreckt, und der Plan wäre für immer ein Plan geblieben. Im Falle des Kielschwerters “Wellenreiter fiel die Entscheidung für das Projekt spontan nach einer schlaflosen Nacht.

Und das kam so: Im September 2012 brachte der Pfälzer Veranstaltungsmanager Peter Stepp eine Garnitur Bierbänke zurück zum Verleiher. Dieser bat darum, das Gestühl in die Scheune zu bringen. Dort verbarg sich etwas hinter einer Plane. Stepp fragte, was das sei, und entdeckte einen hölzernen Doppelender von 1937. „Hätte er mich die Bänke vor der Scheune ablegen lassen, hätte ich das Boot nie gesehen“, sagt Peter Stepp an Bord in Missunde an der Schlei.

Peter Stepp (rechts) und seine Segelfreunde haben die “Wellenreiter” in drei Jahren restauriert. Foto: Jan Maas

So aber verliebte sich Stepp in das Boot und musste sich entscheiden. Denn die “Wellenreiter” stand zwar zu Restaurierungszwecken im Schuppen, aber der Plan war nie in Angriff genommen worden und der Platz wurde gebraucht. Die Entscheidung für die Kettensäge war schon gefallen. Der Veranstaltungsmanager informierte seine Segelfreunde, mit denen er schon seit einiger Zeit regelmäßig Chartertörns auf dem Mittelmeer gemacht hatte. Gemeinsam entschieden sie, das Boot zu retten.

Für 1.500 Euro wechselte die “Wellenreiter den Besitzer und zog von Großkarlbach nach Speyer um. Für den Winter fand die Runde zunächst einen Platz in einer Werft vor Ort. Auf der Bremer Messe Boatfit wollten sich die Eigner Ideen holen, wie es weitergehen könnte, und lernten die Crew der Bootswerft Grödersby von der Schlei kennen. Deren Konzept war und ist es, in enger Zusammenarbeit mit den Eignern nach traditionellen Bootsbaumethoden zu restaurieren.

Die “Wellenreiter” bietet vier Kojen plus Hundekoje auf unter zehn Metern Länge. Foto: Jan Maas

2013 zog die “Wellenreiter” von der Pfalz in den hohen Norden um, wo Bootsbauer und Eigner sie instand setzten. Viele Arbeiten übernahmen die Eigner, andere die Werft, wie das Ausleisten des Unterwasserschiffs. Nach drei Jahren segelte das Boot erstmals wieder. Das Projekt war geglückt, aber es ist noch nicht beendet. Das Budget ist begrenzt, es geht nur Schritt für Schritt voran. Der Kielschwerter segelt noch mit einem alten Großsegel, während die alte Fock schon durch eine neue ersetzt wurde.

Was das Erfolgsrezept ihrer Eignergemeinschaft ist, weiß Peter Stepp genau: „Wir sind alle Pfälzer, wenn es mal schwierig wird, machen wir eine Flasche Wein auf. Aber im Ernst: Es war nie wichtig, wer wie viel reinsteckt, sondern wir haben immer über das Ziel gesprochen, dass das Boot wieder schwimmt, und die nächsten Schritte.“ Es war von vornherein klar, dass die Anteile unterschiedlich sein würden, zu verschieden sind die beruflichen und familiären Verhältnisse.

Sicherlich war es für das Gelingen auch von Vorteil, dass sich die Beteiligten schon lange kennen. Die Segelrunde vom Mittelmeer machte auch schon davor zusammen Sport und betreibt außerdem seit 25 Jahren gemeinsam einen Stand auf dem Speyerer Altstadtfest, wo sie Geld für soziale Projekte einnimmt. Dieser Enthusiasmus färbte auch ab – es haben sogar Freunde bei der Restaurierung geholfen, die gar nicht segeln können. Immerhin haben sie sich so die Gelegenheit geschaffen, es noch zu lernen.

Die Fakten:

Länge über alles: 9,60 m
Wasserlinienlänge: 9,08 m
Breite: 2,60 m
Tiefgang: 0,85-1,60 m
Verdrängung: 4,5 t
Ballast: 1 t
Großsegel: 29,5 m²
Genua: 12,5 m²
Fock: 10,5 m²
Baujahr: 1937
Konstrukteur: Artur Tiller
Werft: Beelitz, Potsdam

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