Zum letzten Mal “Allein gegen den Wind”. Erdmann beendet Vortragsreihe

Wilfried Erdmann, mein Held


Ein Held für jung und alt. Wilfried Erdmann signiert seinen Bestseller. © O. Schmidt-Rybant

Der alte Erdmann ist so etwas wie mein Jugendidol. Während sich meine Schulfreunde im Alter von 12 bis 14 Jahren Poster von ominösen Nervensägen wie New Kids on the Block ins Zimmer tapezierten und mit schicken Mountainbikes durch die Gegend radelten, verbrachte ich meine Nachmittage segelnd. Und mein großes Vorbild war Wilfried Erdmann.

Nun findet der letzte Vortrag zum großen Thema statt. Er steht im Hamburger Museum für Völkerkunde und spricht zum letzten Mal über seine Reise gegen den Wind. Da musste ich hin.

Mit Witz und Bescheidenheit. Erdmann vor dem Auditorium im Hamburger Völkerkunde Museum. © O. Schmidt-Rybant

Der Hörsaal hat nur 220 Plätze. Die sind nach einem Tag ausverkauft. Aber über meinen Freund Johannes Erdmann, der wiederum mit dem großen Erdmann freundschaftlich verbunden ist, bekomme ich sogar eine Freikarte ab.

Auf dem Weg von Fehmarn nach Hamburg hätten Glatteis und Schneeverwehungen fast meinen Besuch verhindert. Aber irgendwann ist es geschafft. Im überfüllten Saal lausche ich von einem Stehplatz Erdmanns breitem norddeutschen Dialekt. Dazu flimmern die Bilder seiner Reise über die Leinwand.

Sie versetzen mich in die Zeit zurück als ich alles über die großen Segelreisen las, was die öffentliche Bibliothek und die Geschenke zu Weihnachten und Geburtstag hergaben. Den großen Moitessier, Straub, Vettermann, Gebhard, selbst für Schenk war ich mir nicht zu schade. Ihm verdanke ich den größten Teil meiner theoretischen Navigationskenntnisse.

Von Erdmann kenne ich alles. „Mein Schicksal heißt Kathena“, „1000 Tage Robinson“ und „Der blaue Traum“. Danach wanderte alles, was zu bekommen war, dauerhaft ins Regal. Aus „Ein unmöglicher Törn“ konnte ich ganze Passagen zitieren, während meine Schulkameraden nur diese schlechte Musik auf den Lippen hatten.

„Die magische Route“ ist für mich heute noch der unangefochtene Klassiker. Aber mit „Mein grenzenloses Seestück“ wurde er für mich zum Held. Gerade dieses Buch seiner kleinsten Reise hat mich stark beeindruckt. Er stellt damit genau das unter Beweis, was ihn von den meisten Seglern – inklusive mir selbst – positiv unterscheidet: Bescheidenheit.

Der bis dato dreifache Weltumsegler Erdmann wollte nach dem Mauerfall die Gewässer des Ostens kennen lernen. Aber statt seine sturmerprobte Aluyacht ins Wasser zu werfen und sich in Wismar, Rostock und Stralsund als Seeheld feiern zu lassen, nimmt er eine Jolle, lernt bei der Gelegenheit das Segeln neu und fährt in alle kleinen Winkel und Buchten des Reviers, um direkten Kontakt zu Land und Leuten zu bekommen. Da passt seine diesjährige Reise mit einer X79 gut ins Programm.

Der letzte Vortrag über den Einhand-Nonstop-Törn gegen den Wind um die Welt. © O. Schmidt-Rybant

Als 2000 durchsickert, dass Erdmann sich aufmacht, gegen den Wind nonstop um die Welt zu segeln, hielt ich seine geplante Zeit von 330 Tagen für zu knapp bemessen, ihn ein wenig alt für den Südozean auf der kleinen „Kathena Nui“ ohne Heizung und bei längerem Nachdenken, die ganze Fahrt für technisch nicht machbar.

Mit so einem kleinen Boot hatte noch niemand die Route befahren. Ich glaubte, es würde in den Stürmen weiter zurückgetrieben, als es Weg nach Luv machen konnte. Erdmann belehrt mich und andere Zweifler eines besseren. Er liefert eine der größten fahrtenseglerischen Leistungen aller Zeiten ab. „Allein gegen den Wind“ wird natürlich zum Bestseller. Erdmann hält Diavorträge en masse.

Der Saal ist mit über 200 Leuten voll besetzt. Erdmann zieht die Fans in seinen Bann. © O. Schmidt-Rybant

Nun also die letzte Vorstellung über das Thema in Hamburg. Das Publikum wird regelrecht mitgerissen. Der sonst eher zurückhaltende Einhandsegler erreicht mehr als einmal große Lacher durch kleine Witze.

Lang anhaltender Applaus brandet dem kleine Mann mit den großen Reisen im Kielwasser nach dem Vortrag entgegen. Er genießt es sichtlich dankbar. Danach beantwortet er Fragen aus dem Auditorium. Ich höre gut von meinem Stehplatz ganz hinten, was Erdmann vorn beantwortet und seine Frau Astrid hinter mir leise kommentiert.

Konzentriert schreibt Erdmann seine Widmungen. Die Fans lieben den deutschen Seehelden. © O. Schmidt-Rybant

Zum Beispiel bei der Frage, ob er denn gar keinen Hafen angelaufen hätte: „Das ist die beste Frage der letzten zehn Jahre…“, murmelt sie. Erdmann antwortet geduldig, nonstop heiße ja, es werde gerade keine Hafen angelaufen. Dabei überlege ich noch, ob sich der arme Fragensteller bei einem Lüchtenborg-Vortrag wähnt, oder ob er provozieren will.

Der Vortrag ist es viel zu schnell vorbei. Nachdem alle Gäste gegangen sind und Erdmann noch etliche Autogrammwünsche erfüllt hat, helfen wir ihm, die Vortragsausrüstung ins Auto zu räumen. Dann ist das Erlebnis Geschichte.

Wieder einmal bin ich von ihm beeindruckt. Der Siebzigjährige rennt behände die Treppen des Hörsaales rauf und runter. Und er pflegt einen lockeren und liebevollen Umgang mit seiner Frau. Nach über 40 Ehejahren keine Selbstverständlichkeit.

Die berühmte „Kathena Nui“ liegt weiterhin im Goltofter Garten an der Schlei. Was mag er wohl mit ihr vorhaben? Ich traue mich nicht, zu fragen. Das macht ohnehin jeder zweite und eine Antwort wird es sicher nicht geben. Ich bin aber gespannt. So wie der Mann aussieht, ist noch lange nicht Schluss mit dem Seesegeln.

Zum Autor Oliver Schmidt Rybant:

Der Profiskipper hat für SegelReporter unter anderem  über einen Fast-Untergang bei einem Überführungstörn in der Karibik berichtet.

erster Teil, zweiter Teil, dritter Teil

SegelReporter hat übrigens schon im Februar Einblick in die geheimen Pläne von Wilfried Erdmann nehmen können. Hier das Ergebnis

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http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

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