Windeffekte: Den Wind auf Binnengewässern richtig lesen – Tipps und Gesetzmäßigkeiten

Woher weht der Wind?

Zwei Boote segeln unter Spi aufeinander zu – was für Binnensegler Alltag ist, kann manche Küstensegler zur Verzweiflung bringen. Dabei folgt auch der Wind auf Binnenrevieren klaren Gesetzmäßigkeiten.

Am Bodensee sorgt gerade der Föhn für besondere Wind­verhältnisse © Achim Mende/Internationale Bodensee Tourismus GmbH

Anders als auf größeren Gewässern ändern sich die Windverhältnisse auf kleineren Binnenseen oder segelbaren Flüssen oft relativ schnell und abrupt. Zu den üblichen Schwankungen in Windstärke und -richtung kommen hier in besonderem Maße die topografischen Besonderheiten zu, die sich wegen der im Vergleich zur Küste kleineren Wasseroberfläche noch stärker auswirken und die Luftströmung ablenken, beschleunigen oder abbremsen.

Dazu kommt, dass Wetteränderungen auch gefühlt schneller eintreffen, weil sie sich nicht so lange vorher beobachten lassen wie bei offenem Horizont. Allerdings gehört die ständige Wetterbeobachtung ohnehin zur guten Seemannschaft, sollte für Binnensegler also doppelt gelten. Ansonsten gilt: Jedes Gewässer hat zwar seine Besonderheiten, aber durch Beobachtung der Böen auf dem Wasser und Erfahrung lassen sie sich meistern. Jeder kann lernen, seinen See zu lesen.

Der Rursee in der Eifel besitzt viele Biegungen und hohe Ufer – ein anspruchsvolles Revier © wikimedia commons

Die goldene Mitte

Grundsätzlich unterliegen die Binnenreviere in unserer Gegend der gleichen groben Wetterregel wie die Küsten: Hauptwindrichtung West. Daraus folgt: Das leewärtige Ostufer ist möglichst zu vermeiden. Die Windströmung hebt nämlich schon vor dem Ufer ab, um über die Bäume oder den sonstigen Bewuchs hinweg zu kommen. Als Faustregel gilt, dass die Strömung etwa beim drei- bis vierfachen der Baumhöhe von der Uferlinie abzuheben beginnt.

Am luvwärtigen Ufer gibt es neben dem bekannten Abdeckungseffekt noch ein zweites Phänomen zu berücksichtigen. Wenn der Wind im spitzen Winkel über das Ufer weht, wird er tendenziell rechtwinklig zur Uferlinie abgelenkt, er fällt sozusagen runter. Wer das Ufer hoch segelt, kann von diesem Effekt profitieren, aber er läuft dann auch Gefahr, in die Abdeckung zu geraten. Es kommt also darauf an, dem Ufer nahe genug für den Zieher zu kommen, aber nicht so nahe, dass die Windstärke zu sehr abnimmt. Auf schmalen Gewässern wird der Wind in Richtung der Achse abgelenkt werden. Wenn das Gewässer Biegungen zeigt wie ein Fluss oder viele Talsperren, wird die Windströmung an der Außenseite der Biegungen am stärksten sein. Die Windrichtung kann dabei bis zu 90 Grad in beide Richtungen abgelenkt werden. Es kann also durchaus sein, dass auf dem selben See zur gleichen Zeit Süd- und Nordwind wehen, während auf den Gipfeln in der Umgebung West herrscht – ganz normal für Binnensegler.

Der Wind am Bodensee wird im Süden durch die Nähe der Alpen beeinflusst © Achim Mende/Internationale Bodensee Tourismus GmbH

Lokale Thermik

Herrscht keine Westwindlage, sondern stabiler Hochdruck, dann entwickelt sich auf vielen Binnenrevieren bei Sonnenschein eine lokale Thermik. Dabei wärmt die Sonne die umliegenden Ufer schneller auf als das Wasser. Dabei ist zu berücksichtigen, dass verschiedene Arten von Land sich auch verschieden schnell erwärmen: Äcker schneller, Wälder langsamer. Über den Ufern steigt die erwärmte Luft nach oben – es entsteht ein Minitief, das Luft vom See ansaugt.

Und über dem See steht ein Minihoch. Dann beginnt meist in den Vormittagsstunden – Revierkenner können die Uhrzeit oft ziemlich genau sagen – ein leiser auflandiger Wind zu wehen. Da die Erwärmung anhält, verändert sich die Thermik am See im Laufe des Tages meistens, aber in den Uferzonen bleibt sie oft bestehen. Übrigens entsteht die Thermik auch dann, wenn die Großwetterlage Wind mit sich bringt – Sonne vorausgesetzt. In diesem Fall verstärkt die Thermik den vorherrschenden Wind lokal. Das ist dann manchmal der Grund, warum der alte Hase dem Neuling bei vermeintlich gleichem Wind davonsegelt. Wenn das passiert, gibt es nur eins: hinterhersegeln und lernen. Oder später am Steg nachfragen. Viele alte Hasen geben gute Tipps für ihr Revier gerne weiter.


Rursee

© Jan Bindseil

Der Rursee liegt in der Eifel im Südwesten von Nordrhein-Westfalen und ist einer der größten Stauseen Deutschlands. Einerseits ist er in seiner Form typisch für viele Talsperren in Nordrhein-Westfalen, andererseits durch die hohen Ufer extrem anspruchsvoll zu segeln. Die Windabdeckungen ziehen sich weit in den See hinaus. Wenn eine westliche Strömung die Wasseroberfläche trifft, kann sie durch die vielen extremen Biegungen in einem Teil in eine nördliche und in einem anderen Teil in eine südliche Richtung abgelenkt werden – zur gleichen Zeit. Ähnliche Verhältnisse treffen Segler zum Beispiel auch auf dem Biggesee oder auf dem Edersee in Hessen an.

Havel

© Jan Bindseil

Die Havel verläuft in ihrem intensiv besegelten Abschnitt zwischen Berlin und Potsdam ungefähr in Nord-Süd-Richtung. Auch hier herrschen Westwindlagen vor. Durch den leicht bogenförmigen Verlauf der Unterhavel in Verbindung mit dem relativ höheren Ostufer werden westliche Winde jedoch oft leicht südlich abgelenkt. Wenn der Wind schon von vornherein südwestlich einfällt, kann sich nach Norden hin ein leichter Düseneffekt zeigen. Die Nord-Süd-Ausdehnung mit flachem Ufer an der Westseite hat die Havel mit anderen Binnenrevieren, wie zum Beispiel dem Ratze­burger See, gemeinsam.

Bodensee

© Jan Bindseil

Der größte See, an dem Deutschland Anteil hat, weist einige Besonderheiten hinsichtlich seiner Windverhältnisse auf. Auch hier herrscht im Prinzip erst einmal Westwind vor, der dann entlang der Längsachse des Sees weht. Allerdings liegt der Bodensee in Alpennähe im Bereich des Alpenföhns, der südlich aus dem Rheintal heraus auf den See bläst, wenn er auftritt, und große Wellenhöhen mit sich bringen kann. Aus dem Rheintal kann in stabilen Hochdrucklagen zuweilen ein lokaler Südwind wehen. Außerdem ist der Bodensee berüchtigt für schnell aufziehende Sommergewitter mit Sturmböen. Hier wirkt sich die Nähe der Alpen aus.

Ammersee, Starnberger See, Chiemsee

© Jan Bindseil

Der Ammersee ist der kleinste dieser drei bayerischen Seen, aber ein beliebtes Segelrevier, weil die niedrigen Ufer besonders im Norden wenig Abdeckung bieten. Der Starnberger See gilt wegen des hohen Westufers als schwierigeres und schwachwindiges Revier. Beide Seen liegen in Nord-Süd-Richtung, sodass der Föhn ungebremst wehen kann, wenn er weht. Beide Seen sind außerdem an Rückzugsbuchten arm, sollte der Föhn stark ausfallen. Man gerät also schnell auf Legerwall. Der Chiemsee liegt zwar näher an den Alpen als die beiden anderen Seen, aber die Ufer sind ringsherum recht niedrig, sodass der vorherrschende Westwind kaum gebremst wird. Sommerliche Hochs im Westen bringen für den Chiemsee oft Nordostwind.

Ein Kommentar „Windeffekte: Den Wind auf Binnengewässern richtig lesen – Tipps und Gesetzmäßigkeiten“

  1. avatar Christian sagt:

    wie gut, dass der geschätzte Autor die echten Windgeheimnisse an unserem Binnensee nicht verraten hat… z.B. Holebuge nur dann segeln, wenn es gar nicht anders geht 😉

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