Yachtdesign im Wandel: Sind moderne Yachten noch seetauglich?

Entwicklungen im Bootsbau

Derzeit wechseln die großen Werften in immer kürzeren Zeitabständen ihre Modelle. Doch wodurch unterscheiden sich Fahrtenyachten der frühen 2000er Jahre von aktuellen?

© Silke Springer

In den vergangenen zehn bis 15 Jahren hat sich in der Yachtentwicklung viel getan. Sportlich ausgerichtete Yachten lernten fliegen, und falls sie ohne Foils auskommen und auf dem Wasser bleiben, segeln sie deutlich schneller als früher. Dafür sorgen deutlich längere Wasserlinien, gleitjollenflache Unterwasserschiffe und extrem leichte Rümpfe, die von tief reichenden, spitzen Kielen aufrecht und von doppelten Rudern auf Kurs gehalten werden.

Fahrtenyachten dagegen punkten mit großem Volumen, hellen Innenräumen, loftigen Einrichtungen und hoher Flexibilität hinsichtlich Tiefgängen und Segelgarderobe. Selbstwendefocks machen das Handling einfach, von Elektromotoren unterstützte Winschen erleichtern das Trimmen und Code-Zeros ersetzen klassische Genuas. Dasselbe gilt für Gennaker, die den Spinnaker verdrängen, weil sie unkomplizierter zu bedienen sind.

Die Ursprünge dieser Entwicklungen liegen in den späten 1990ern, doch richtig Fahrt aufgenommen haben sie erst nach der Jahrtausendwende. Die meisten davon bringen deutlich mehr Komfort an und unter Deck, einige sind allerdings auch nur Modetrends unterworfen, die nicht unbedingt schiffsgerecht sind, und werden daher in absehbarer Zeit wieder von der Bildfläche verschwinden. Höchstwahrscheinlich zumindest.

Außen liegende Wanten

NEU: Heute werden die Wanten zunehmend außen am Rumpf angeschlagen. Das ist vor allem günstiger in der Produktion und hat eine Veränderung im Segelplan bewirkt © Silke Springer

Bei innen liegenden Wanten und kurzen Salingen sind überlappende Vorsegel auch auf Am-Wind-Kursen effektiv, denn sie können dicht geschotet werden. Bei außen am Rumpf angeschlagenen Püttingen und breiten, nach achtern gefeilten Salingen, wie man sie heute häufig findet, machen Genuas wenig Sinn. Weil die Wanten und Salingsenden im Weg sind, kann man stark überlappende Vorsegel nicht richtig dichtnehmen.

ALT © Silke Springer

Ein Rigg-Konzept mit außen liegenden Wanten verzichtet daher auf Genuas. Häufig werden Selbstwendefocks vorgeschlagen. Damit diese schmalen Vorsegel gute Wirkung erzielen beziehungsweise das Vorsegeldreieck mehr Fläche erhält, wird der Mast etwas weiter achtern platziert. Für die Kreuz ist die Selbstwendefock dann ideal. Sobald man etwas abfällt, wird der Code Zero gezogen. Er ist das Erfolgs-Segel der letzten fünfzehn Jahre.

Hochbordig

NEU: Sehr auffällig ist die Zunahme des Freibords. Selbst auf Performance-Yachten wuchs die Bordwand in die Höhe © van Malleghem

Wie zuhause möchte man heutzutage auch an Bord ein großzügiges Raumgefühl genießen, daher werden moderne Risse nicht nur breiter und länger gezeichnet, sondern auch merklich höher. Das gilt sogar für Performance-Cruiser, die beides können sollen, race- und fahrtentauglich sein. Gut zu erkennen ist das beim direkten Vergleich zwischen der First 27 und der Reacher 780, die nahezu gleich lang sind. Die vier Jahre jüngere Reacher 780 hat ein spür- und sichtbar höheres Freibord. Dadurch ist sie auch ein bisschen komfortabler, denn ihre Stehhöhe beträgt 1,60 Metern und nicht 1,48 Meter, wie die der First 27.

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Bei reinen Fahrtenyachten ab einer Länge von rund elf Metern ist es heutzutage üblich, eine Stehhöhe von mindestens 1,95 Meter zu präsentieren, und zwar möglichst durchgehend im gesamten Wohnbereich. Exemplarisch dafür soll hier die Dufour 390 aus dem Jahre 2019 stehen. Der Wohlfühlfaktor, den diese Yacht bietet, entspricht dem aktuellen Bedürfnis nach viel Bewegungsfreiheit. Für die Segeleigenschaften, die auf gute Leistung ausgerichtet sind, gilt dasselbe. Weil aber eine niedrige, harmonisch in die Deckslinien eingepassten Kajüte verbaut wurde und die Dufour 390 mit einem flachen Unterwasserschiff ausgestattet ist, erhielt sie eine hohe Bordwand.

Dinghi-Garage

NEU: Die Dinghigarage war früher nur sehr großen Yachten vorbehalten. Durch die Verbreiterung des Hecks und dem höheren Freibord entstand aber so viel Platz, dass das Schlauchboot jetzt auch bei Yachten über 40 Fuß im Heck verstaut wird © Silke Springer

Wenn das Heck achtern sehr breit ausläuft und die Wasserlinienlänge sehr lang ausfällt, kommt so viel Platz in den Innenraum, dass unter den Cockpitboden noch eine Dinghi-Garage hineinpasst.

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Der Vorteil liegt auf der Hand: Statt das Beiboot mühsam an Oberdeck zu hieven, zieht man es mit einigen wenigen Rucken über die abgelassene Badeplattform in seine Box. Nun nur noch die Badeplattform wieder schließen, und fertig ist die Yacht zur Weiterreise.

Doppelruder

NEU: Die riesigen Steuerräder gehören ebenso der Vergangenheit an. Zwei Räder sparen Platz im Cockpit und Kletterpartien im Cockpit sind nicht mehr nötig © Silke Springer

Bei breiten Hecks empfiehlt es sich, auf ein mittig positioniertes, tief reichendes Ruderblatt zu verzichten und stattdessen zwei kürzere, leicht schräg gestellte Blätter zu montieren.

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Während des Segelns ist die Ruderleistung sehr effektiv, denn das leewärtige Blatt steht bei Krängung senkrecht im Wasser. Manöver unter Maschine können allerdings zur Herausforderung werden, da die Anströmung der Blätter dann nicht optimal ist. Hier heißt es: Üben, sich trauen und Gas geben. Auf größeren Yachten ist außerdem ein Heckstrahlruder hilfreich.

E-Winschen

NEU: Mehr Komfort durch Elektrowinschen © Silke Springer

Weil einerseits die Schiffe immer größer und die Crews immer kleiner werden, andererseits Entspannung während des Törns wichtiger geworden ist als sportliche Aktivität, sind E-Winschen hoch willkommen.

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Durch das größere Volumen der Yachten können die Motoren an günstigen Stellen positioniert werden, sodass man sich nicht mehr ständig den Kopf an ihren Kästen stößt, sobald man die entsprechende Kabine betritt.

Multifunktions-Displays am Steuerstand

NEU: Früher waren GPS-Geräte und Plotter meist unter Deck montiert – heute wie selbstverständlich im Cockpit montiert © Silke Springer

Seit mehr als 25 Jahren gehören Kartenplotter beziehungsweise GPS-Geräte zur Bordausrüstung. In den ersten Jahren behalf man sich vielfach mit Handgeräten, die mit separaten Halterungen im Cockpit befestigt wurden, denn feste Einbauplätze waren noch nicht vorgesehen.

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Mittlerweile sind sie Bestandteil nahezu jeder Decksausrüstung. Die ausgewählten Plotter und/oder Multifunktions-Displays sitzen in Steuersäulen, in Seitendecks oder sind, gut sichtbar, in der Rückwand der Kabine eingelassen.

Künstliches Teak

NEU: Teak weicht an Deck immer mehr Alternativen aus Kunststoff © Silke Springer

Um Ressourcen und Kosten zu sparen, wird echtes Teak nur noch sehr sparsam verlegt. Eine sehr gute Alternative stellt Teak aus Kunststoff dar.

ALT © Silke Springer

Es trägt diverse Namen und hat Eigenschaften, die sich für den Gebrauch auf Yachten bestens empfehlen. Zum Beispiel hohe Rutschfestigkeit und einfache Wartung. Außerdem kann es in modernen Mustern und Farbkombinationen verlegt werden.

Gennaker statt Spinnaker

NEU: Der Spinnaker war einst die hohe Kunst des (Regatta-)Segelns. Heute wird jedes Schiff für einen Gennaker ausgerüstet © van Malleghem

Spinnaker verschwinden mehr oder weniger von der Bildfläche. Sie haben Ersatz durch den einfacher zu bedienenden Gennaker gefunden.

ALT © Jean-Marie LIOT

Selbst in der Regattaszene macht der Gennaker dem Spinnaker ernstzunehmende Konkurrenz.

Länger, breiter, schneller, geräumiger

NEU: Auch bei Traditionswerften wie Hallberg Rassy verschwinden die klassischen Yachtformen zunehmen aus dem Portfolio © Hallberg Rassy

Die Hallberg Rassy 55 wird seit 2012 gebaut und hat noch die klassischen Yacht-Linien mit schrägem Bug, schrägem Spiegel und schmaler werdendem Heck. Die neue HR 50, die erst im nächsten Jahr auf der boot Düsseldorf ihre Premiere feiert, kommt mit senkrechtem Bug daher und zeigt einen fast geraden Spiegel. Beides, in Kombination mit einer großen Gesamtbreite, die bis auf wenige Zentimeter in den Spiegel ausläuft, sorgt für mehr Geschwindigkeit und für einen sehr viel voluminöseren Innenraum.

ALT © Hallberg Rassy

Das Studium beider Risse macht deutlich, wie groß der Raumgewinn ist. Auf der fünf Fuß kleineren Hallberg Rassy kann genauso viel untergebracht werden wie auf dem älteren, eineinhalb Meter längeren Schwesterschiff.

Getrennte Nasszelle

NEU: Die klassische Nasszelle scheint zu verschwinden. Immer öfter gibt es eine separate Dusche © Sun Odyssey

Eine Entwicklung, die von Wohnungseinrichtungen abgeschaut ist, beginnt sich auch auf Yachten durchzusetzen.

ALT © Sun Odyssey

Anstelle von Nasszellen, die WC, Waschkonsole und Duschwanne in einem Raum vereinen, gibt es nun zwei getrennte Kabinen. In der einen findet man die Toilette mit einem Waschbecken, in der anderen die Dusche.

Klappbare Badeplattform

NEU: Die kleinen integrierten Badeplattformen wichen der absenkbaren Plattform mit mehr Komfort © Silke Springer

Übersteigen einfach gemacht: Für den Heckbereich gilt: Eine absenkbare beziehungsweise herunterklappbare Badeplattform ist fast schon ein Muss.

ALT © Silke Springer

Hochgestellt sorgt sie für ein geschlossenes Cockpit und spart „Länge“, heruntergefahren dient sie als Liegefläche, Rettungsplattform und einfacher Einstieg nach dem Baden. Außerdem erleichtert sie das Übersteigen, wenn man mit dem Heck voran anlegt.

LED statt Spots

NEU: Indirekte Beleuchtung durch LED-Leisten schaffen ein schönes und wohnliches Ambiente unter Deck © Silke Springer

Mit dem Einzug von stromsparenden LED-Lampen und -Leisten hat sich die Lichtsituation an Bord deutlich verbessert. Statt Spots, die nur einen kleinen Bereich erhellen, kann jetzt eine flächendeckende, gleichzeitig heimelige Lichtatmosphäre mittels indirekter Beleuchtung geschaffen werden. Und das bei einem sehr geringem Energieverbauch!

ALT © Silke Springer

So hat sich die LED-Technik auch schon längst in Navigationsbeleuchtung und Co. durchgesetzt.

Rumpffenster

NEU: Seit einigen Jahren erscheint kaum ein neues Schiff ohne mindestens ein Rumpffenster zu haben. Das hat auch mit dem gestiegenen Freibord zu tun © Silke Springer

Um den Zeitgeschmack nach Helligkeit unter Deck gerecht zu werden, hat die Winner-Werft ihrem 9-Meter-Klassiker 2018 Rumpffenster verpasst.

ALT © Silke Springer

Das Modell heißt nun Winner 9 plus, und ist ein anschauliches Beispiel für die Umsetzung eines Trends, bei dem die Rümpfe durch Fenster aufgewertet werden.

Viele Kühlschränke, auch im Cockpit

NEU: Wo früher der Fender Platz fand, wird heute das Bier oder die Flasche Weißwein gekühlt © Silke Springer

Unverzichtbar auf modernen Yachten sind Kühlboxen und Kühlschränke. Je mehr davon an Bord sind, desto besser.

ALT © Silke Springer

Das geht inzwischen so weit, dass nicht nur in der Pantry, sondern auch in Backskisten und Cockpittischen Kühlboxen eingebaut werden.

3 Kommentare zu „Yachtdesign im Wandel: Sind moderne Yachten noch seetauglich?“

  1. avatar Krissi sagt:

    Heißt es nicht “gepfeilte Salinge” von der Pfeilform, die sich bei der Draufsicht ergibt?
    Bei “gefeilt” muss man immer an Bastelarbeit denken.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 17 Daumen runter 3

  2. avatar Olaf Weers sagt:

    Schöner Beitrag. Mich hätte noch etwas zum Thema Bugformen und Chines interessiert…

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  3. avatar Klaus Schürmann sagt:

    Da Stimme ich auch zu. Gerade die, wie ich finde, hässlichen neuen Bugformen. Was für einen Sinn machen die eigentlich? Nur Gewichtseinsparung?

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