470er-Frauen-Duell: Wie Anastasiya Winkel die Schwägerin besiegte – Trotz Start-Penalty

Keine Spur von Zickenkrieg

Normalerweise ist es kaum möglich, ohne Mitgliedschaft im DSV-Kader das Olympia-Ticket zu buchen. Luise Wanser und Anastasiya Winkel haben es trotzdem gerschafft. SR sprach mit den Überraschungssiegern.

NDR-Beitrag über die Überraschungssieger der 470er-Frauen-Qualifikation für Tokio (Bild klicken für Video)

Es war ein Herzschlagfinale zweier Nachwuchsmannschaften wie es im Buche steht: In einem dramatischen Medaillenrennen der 470er-Weltmeisterschaftsicherten sich Luise Wanser und Anastasiya Winkel vom Norddeutschen Regatta Verein (NRV) aus Hamburg an der portugiesischen Algarve die Fahrkarten zu den Olympischen Spielen nach Japan. Theres Dahnke und Birte Winkel aus Mecklenburg-Vorpommern, die unter anderem mit ihrem Sieg bei der Meisterschaft der Meister 2018 für eine Sensation gesorgt hatten, lagen schließlich nur um anderthalb Bootslängen und einen einzigen Punkt hinten.

Überglücklich nach dem Finale in Vilamoura zurück an Land: Luise Wanser (links) und Anastasiya Winkel fahren zu den Spielen nach Japan. ©Helena Wanser

Die Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Zwei Startversuche wurden abgebrochen, dann begann das Medal Race vor Vilamoura bei wechselhaften Winden erneut. Die Ausgangslage denkbar spannend: Wer im internen Duell am Ende den Bug vorne haben würde, bekommt die Olympia-Tickets, egal ob Erste oder Vorletzte. Der Weg war zuvor 2019 von Löwe/Markfort geebnet worden, die Deutschland das Olympia-Nationen-Ticket gesichert hatten, nun aber in Portugal enttäuschten.

Alles lief auf dieses Familien-Duell hinaus. Denn Anastasiya Winkel ist die Schwägerin der Kollegin, die am Draht des gegnerischen Bootes hängt, Birte Winkel. Erst 2016 kam die gebürtige Ukrainerin nach Deutschland und heiratete Malte Winkel. Sie hatte den 470er-Steuermann, der mit Matti Cipra die 470er-Olympia-Qualifikation verpasste, bei einer Junioren-EM in Polen kennengelernt. Damals segelte sie noch mit Anastasiya Krasko zusammen, mit der sie zweimal den Europameistertitel der Junioren gewann. Aber nach Problemen im Team und mit dem Coach fiel der Schritt nach Deutschland noch leichter. Sie fand in Fabienne Oster auch eine neue Segelpartnerin. Aber mitten im Corona-Jahr 2020 ergab sich die neue Kombination mit Luise Wanser.

Strafkringel auf der Startlinie

Vor den heimischen Bildschirmen bei der Liveübertragung im Internet blieben die Daumen gedrückt. „Ich brauche ab morgen erstmal Urlaub“, schrieb Vater und Mentalcoach Sven Wanser schon vor der Entscheidung .

Luise Wanser und Anastasiya Winkel (GER 69) knapp vor Theres Dahnke und Birte Winkel (GER 20). Genau so ging auch das alles entscheidende Medal Race um die Olympiaqualifikation zu Ende. © Uros Kekus Kleva

Vom Drama in der Vorstartphase bekamen die Sehleute zuhause durch einen Lapsus der Regie dann wenig mit. Im Video war der Strafkringel von Wanser/Winkel auf der Linie kaum zu sehen. Sie hatten im Zweikampf ihre halsenden Gegnerinnen mit einer Wende behindert hatten, so die Jury. 1:0 Dahnke/Winkel.

„Wir haben darüber überhaupt nicht lamentiert, sondern sind stattdessen gleich auf die andere Seite nach rechts rausgewendet“, berichtet Luise Wanser. Dort erwischten sie eine Bö und lagen bereits an der ersten Luvtonne knapp vorne. „Vor Angriffen mit vielen Manövern hatten wir keine Angst“, so die Steuerfrau, „wir waren in der Corona-Saison 2020 so of t auf dem Wasser wie keine anderen.“ Eisern verteidigte die 23-jährige Jurastudentin mit ihrer neuen Vorschoterin die hauchdünne Führung am Ende des Zehnerfelds bis ins Ziel.

Trennung des Schwester-Teams nach sieben Jahren

Gerade ein Jahr war es her, da saßen die Schwestern Luise und Helena Wanser , die das Segeln im Opti auf der Alster lernten, als amtierende Junioren-Weltmeisterinnen bei NRV-Sportdirektor Klaus Lahme im Wohnzimmer. Nach sieben erfolgreichen Jahren gingen die Geschwister getrennte Wege, weil sie zwar bei Leichtwind Weltspitze, aber bei Starkwind physisch unterlegen waren.

Helena stieg auf den iQ-Surffoiler um. „Ruf doch mal Anastasiya in Kiel an“, riet Lahme, denn die 27-jährige Sportstudentin hatte kurz zuvor ihre Kampagne als Vorschoterin von Fabienne Oster beendet. Und schon hatten sich zwei starke Persönlichkeiten gefunden, die unbedingt beim letzten Olympia-Auftritt der 470er- Frauen dabei sein wollten, bevor die Klasse 2024 nur noch für Mixed-Crews ausgeschrieben ist.

Luise Wanser (r.) und Anastasiya Winkel haben überraschend das Olympia-Ticket im 470er gebucht

Ohne Kaderstatus und Anschluss an die anderen deutschen Teams finanzierte das NRV Olympic Team ein Motorboot mit Zugfahrzeug für den italienischen Privattrainer Riccardo de Felice, Bruder von Luises Freund aus einer Seglerfamilie durch und durch. In Trapani auf Sizilien, Rom und San Remo wurde trainiert, trainiert, trainiert.

Für Hobbys blieb kaum Zeit. Tanzlehrerin Anastasiya Winkel musste sich durch die Pandemie eh auf Zoom-Unterricht beschränken, und Skilehrerin Wanser war höchstens mal Wellenreiten auf dem Atlantik. Beim WM- Showdown wurde der große Fleiß belohnt. Nachdem die für Olympia scheinbar gesetzten Berlinerinnen Frederike Loewe und Anna Markfort das Finale klar verpasst hatten, schlug die Stunde der Youngster. Und das Duell blieb jederzeit fair, von Zickenkrieg keine Spur.

Nach der jüngeren Schwester Helena – extra aus Tarifa zum Finale angereist – war die 22-jährige Dahnke erste Gratulantin. Bei den Winkel-Schwägerinnen hängt der Familiensegen auch noch gerade. Das Erfolgsduo hat den Sommer umgeplant, das Jura-Studium in Rostock muss noch ein Semester warten. „Jetzt geht es erst richtig los“, prophezeit Luise Wanser mit einer unverblümten Zielsetzung, „wir wollen in Japan eine Medaille gewinnen.

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