Alsterglocke: Yardstick-Langstrecke mit dem Centaur-Panzerkreuzer vom Jollenvermieter

"Geht´s noch?“ - „Wir segeln hier Regadda“

Stefan Mauer rockt seit einiger Zeit SegelReporter mit seinen Jollenkreuzer-Stories. Diesmal hat der Duisburger einige Zeit benötigt, um sein Erlebnis bei der Kult-Regatta Alsterglocke zu verarbeiten.

Wachwechsel auf dem Panzerkreuzer © Mauer

Jetzt ist es langsam so weit, die Geburtstage werden noch runder als die Bäuche: Freund Kai wird 50. Da besondere Anlässe nach besonderen Geschenken schreien, bin ich total stolz ihm das antike Halbmodell vom Leuchtturm Roter Sand überreichen zu dürfen: der Jubilar und ich, wir treiben uns mit Vorliebe im Wattenmeer herum und das Trockenfallen in der Nähe des berühmten Seezeichens fehlt noch in unserer Sammlung.

Aber der Trend geht zu Geschenk-Events, und ein solches haben seine Söhne aus dem Hut gezaubert. Der eine studiert in Hamburg und hat plötzlich das Segeln entdeckt, nachdem er genau wie sein Bruder aller Familientradition zum Trotz bislang den Hockeyschläger vorgezogen hat.

Seit neuestem verdingt er sich sogar als Segellehrer auf der Alster und ist dort über eine Veranstaltung gestolpert, mit der die Brüder ihren Vater zum 50. beglücken wollen. Er ruft seinen Patenonkel an und fragt, ob ich die Alsterglocke kenne.

Legendäre Alster-Yardstick-Langstrecke

Was für eine Frage, ich bin die Regatta sogar schon mal gesegelt, allerdings im letzten Jahrtausend. Seinerzeit hatten wir Studienfreunden als Hochzeitsgeschenk einen uralten 470er renoviert. Das Brautpaar gebar noch auf der Feier die Idee, damit die legendäre Yardstick-Langstrecke auf der Alster mit Crewwechsel, über die auch SR regelmäßig berichtet, zu bestreiten.

Alsterglocke

Eindeutige Segelanweisung. © Mauer

Das Boot hatte zwar keinen Spi, dafür aber einen Antifoulinganstrich, trotzdem hatten wir im Ziel immerhin die Uni-470er hinter uns – und die waren mit Spinnaker gesegelt. Wichtiger als das Ergebnis war schon damals der Spaß drum herum: der bunte Mix an Booten, die spektakulären Wechsel und unfreiwilligen Badeeinlagen in der Alster.

Die Alsterglocke als Familiending mit Vater, Söhnen und Patenonkel klingt nach einem würdigen Geschenk. Das Ganze mit unserem Jollenkreuzer zu veranstalten, wird aufgrund der komplexen Logistik verworfen. Die Kranzeiten sind unchristlich, außerdem habe ich schlechte Erinnerungen an Alsterregatten in Verbindung mit Trailern.

Gefühlt wurde die Abreise jedes Mal durch ein Jedermann-Massenevent blockiert und beim letzten Mal hatte uns auch noch jemand die Lichtleiste kaputt gefahren. Weil auch die Anreise aus dem Ruhrgebiet ohne Hänger deutlich schneller zu bewältigen ist und der Hochzeits-470er schon seit Jahren an der Schlei liegt, schlage ich Bareboat Charter vor.

Bluthochdruck beim Julilar

Heraus kommt laut Wikipedia „eine schnelle und beliebte Freizeit- und Schulungsjolle, die bereits seit 1960 von Zaadnoordijk Yachtbuilders BV gebaut wird“: die Centaur. Wir können das Charterschiff ab 8h Morgens in Empfang nehmen, deshalb startet die Reisegruppe bereits zu nachtschlafender Zeit gen Norden. Ab Höhe Bremen versuchen wir, den Studenten- Sohnemann zu erreichen, der Schiff und Geschenk organisiert hat, aber der geht nicht ans Telefon. Als wir die Elbe überqueren, ist immer noch keine Sprechverbindung hergestellt. Seine Mutter bemerkt trocken, dass er laut Instagram noch gar nicht im Bett ist.

Alsterglocke

Stefan Mauer beim Heckeinstieg auf dem Centaur. © Mauer

An der Alster angekommen, treffen wir bei der Parkplatzsuche die ersten Segler. Mangels Lebenszeichen unseres V-Manns wissen wir nicht einmal ungefähr, wo wir die Centaur suchen sollen. Auch der Check-In scheitert kläglich: laut Liste sind wir noch wie ehemals geplant, ein Jollenkreuzer. Und für das Ummelden fehlt uns die Segelnummer.

Der Jubilar leidet nicht erst seit dem runden Geburtstag an Bluthochdruck und seine Denkerstirn erinnert mich immer mehr an eine Backbord-Laterne. Es ist mittlerweile 09:30h ist, der ganze HSC voller Segler in Kampfausrüstung, nur wir nicht – wir haben noch nicht mal ein Boot.

Amtlicher Anschiss

Als der Feiermeier endlich eintrudelt, muss ich an den alten Radiospruch denken: „Guten Tag meine Damen und Herren, guten Morgen liebe Studenten“. Die Augen sind jedenfalls nicht vor Rührung knallrot, und der Anschiss seines alten Herrn ist amtlich. Das Resultat ist ein Crewwechsel: anders als geplant bilden Patensohn und –onkel ein Team, während der jüngere Sohn den Auftrag erhält, den Tag auf dem Wasser zu nutzen, um den Vater wieder runter zu holen vom Berg des Zorns.

Alsterglocke

Die Crew bei der Pause. © Mauer

Kurz darauf stehen wir vor unserem Regattaschiff. Die Centaur trägt die Segelnummer 8 und sieht aus, als ob die Werft seit 1960 fortlaufend numeriert hätte. Sie stammt aus einer benachbarten Segelschule und ist mit einer winzigen Rollfock mit blauen Lieken und einer Stoßstange aus Gummi ausgestattet, vermutlich um Stege vor anlegenden Segelschülern schützen.

Der Steven selbst sieht jedenfalls unverwüstlich aus – irgendwo müssen die 600 Kilo Gewicht ja stecken. Das Großsegel ist das Gegenteil von ausgestellt und verfügt weder über Profil noch Segellatten. Um die theoretische Segelfläche halbwegs zu erreichen, tauschen wir die Fock gegen eine alte Kielzugvogel Genua mit Stagreitern und einem Stempel von der Travemünder Woche 1978. Da das Vorliek zu lang ist, müssen wir sie am Bugbeschlag anschäkeln, wodurch sich die Silhouette des Bootes einem Großsegler annähert.

Proteste nicht erlaubt

Wir kommen gerade noch rechtzeitig zum Check-in und stellen erstaunt fest, dass wir noch nicht mal die höchste Yardstick-Zahl haben: der Faktor des gemeldeten Tourenpiraten mit HM (= Holzmast) ist tatsächlich noch einen Punkt höher als unsere 120 und das Klassenziel damit gleich ausgemacht.

Alsterglocke

Der Jubilar an der Pinne. Blaues Biest jagt Holzpirat. © Mauer

Die launige Steuermannsbesprechung beschränkt sich im Wesentlichen auf zwei Punkte: „Tonne 5 – im Norddeich-Radio-Style „FÜNNEFF“ – Rabenstraße liegt nicht da, wo sie liegen soll, also jedenfalls nicht auf Höhe Rabenstraße“ und „Protestieren darf nur die Wettfahrtleitung“.

Detaillierter erklärt werden die Wechselzonen für die insgesamt vier Startgruppen, die nach Yardstick-Faktoren, ergo potenzieller Geschwindigkeit definiert sind, und in denen Anschieben zu Zeitstrafen führen soll. Der wichtigste Hinweis kommt zum Schluss: „auf den Stegen des HSC dürfen keine mitgebrachten Getränke konsumiert werden, ich wiederhole…“

Jubilar und Beruhigungs-Sohn legen ab und machen sich auf die Suche nach der vertriebenen Rabenstraßen-Tonne, während Patenonkel und –sohn die HSC Außengastronomie aufsuchen, um einen allzu kalten Entzug zu vermeiden. Im letzten Jahrtausend gab es hier Glühwein, dieses Jahr sitzen wir Mitte Oktober in kurzen Hosen und T-Shirts – läuft!

Langsamer als eine Rolltreppe

Der erste Wechsel naht und klappt reibungslos – die Geschwindigkeit der Centaur bei dem vorherrschenden Lüftchen ist langsamer als eine Rolltreppe und das Boot so schwerfällig, dass man locker von hinten auf das Achterdeck springen kann, während die anderen seitlich ausschiffen.

Außerdem ist noch nicht viel Betrieb, da wir uns aktuell im Niemandsland befinden: NOCH sind wir nicht überrundet worden und haben am Ende allen Platz der Welt. Die erste Runde geht klar an die Centaur, der Holzpirat ist klar achteraus.

Auf dem Straßenbahnkurs sind wir leichte Beute für den Rest des Feldes und wir genießen den Anblick der zahlreichen schönen H-Jollen, die an uns vorbei ziehen. Auf der Kreuz macht uns der Wendewinkel der Centaur zu schaffen und lässt den Piraten gefährlich aufkommen. Dass nicht alle die Veranstaltung locker sehen, stellen wir fest, als die J24 neben uns eine Wendemarke von Bug bis Heck touchiert und nicht mal auf freundliche Nachfrage daran denkt, zu kringeln.

Alsterglocke

Alster-Kaiserwetter im Oktober. © Mauer

Beim nächsten Wechsel ist die Rangordnung aber noch im Lot und wir gehen Biertrinken. So geht das Runde um Runde; wir genießen den goldenen Oktober und das bunte Treiben zu Lande und zu Wasser. Gefährlich sind weder die Zwischenbiere, noch die Wechsel, sondern lediglich die zahlreichen Beinahe-Kollisionen unter Segeln.

Uns nimmt nicht nur keiner für voll, sondern anscheinend nicht mal wahr: als ich einmal im letzten Augenblick den Lenker rumreiße, um einer weiteren J24 einen Volltreffer an Steuerbord zu ersparen, verliere ich etwas die Fassung.

“Sagt mal: geht’s noch?”

Wir verpassen den Dampfer wirklich nur um Haaresbreite, woraufhin sich folgender Dialog entwickelt. Wir: „Sagt mal Jungs: geht´s noch?“ Sie: „wir segeln hier Regadda“. „Wir auch, Ihr Weltmeister – könnt wenigstens mal einen Ton sagen“. Ungläubige Stille. Die Centaur mit ihrer Gummikante als Verleihboot zu identifizieren, ist ja sogar richtig. Aber ohne Wegerecht stillschweigend und ohne Blickkontakt auf freie Fahrt zu hoffen, kann auch mal schief gehen.

Alsterglocke

Halbzeitpause. © Mauer

Irgendwann ist es dann passiert: der Pirat ist vorbei. Ich glaube, ich hab´s verkackt, jedenfalls scheint er uneinholbar davon geeilt. Leichtwind zählt nicht zu den Stärken der Centaur und in den Löchern der Landabdeckung steht sie wie eine Statue. An Land kommen wir mit der wartenden Hälfte der Piraten-Crew ins Gespräch, die natürlich denselben Ehrgeiz entwickelt hatten wie wir.

Alsterglocke

Buntes Treiben auf dem HSC Steg. © Mauer

Sie bestätigen uns netterweise, dass der Wettstreit bei dem Wind ein ungleiches Kräftemessen ist, haben uns aber eigentlich schon abgehakt, weil ihre Kollegen mittlerweile einem Conger auf den Fersen sind.

Das Gros des Feldes ist längst fertig und packt ein oder trinkt Bier, als unser Rennen in die entscheidende Phase geht. Die verbleibenden Landcrews erhalten die Mitteilung, dass die restlichen Boote gezeitet werden. Wir haben also keinen Einsatz mehr und können das Finish aus der ersten Reihe genießen.

Finaler Dreikampf mit Pirat und Conger

Pirat und Conger sind Boot an Boot auf der Zielgeraden, als Kai und Sohn mit 200m Rückstand die letzte Tonne runden, um die Verfolgung aufzunehmen. Der Wind wird schwächer und die Landabdeckung vor dem HSC breiter und breiter. Pirat und Conger kommen zum Stehen, Centaur kommt langsam auf. Pirat und Conger erkennen die Situation und werden hektisch. Die Centaur- kommt näher und näher.

Pirat und Conger versuchen zu wenden, aber ohne Wind keine Fahrt, ohne Fahrt keine Wende. Vater und Sohn wittern ihre Chance und segeln das Boot mit leichter Leekrängung und ohne die leiseste Körperbewegung Meter um Meter heran.

Alsterglocke

Tradition trifft Moderne bei der Alsterglocke. © Mauer

Neben mir höre ich Zähneknirschen und leichtes Stöhnen, aber auch erste Kritik, als das Unvermeidliche eintritt: die Centaur schiebt sich leeseitig an Pirat und Conger vorbei und geht mit 2 Bootslängen Vorsprung ins Ziel. Entsprechend lautstark fällt unser Gejohle aus und die Freude über das unerwartete Finish ist so groß, dass der Vater den letzten Rest der morgendlichen Wut vergisst.

Der Rückbau geht schnell und nach wenigen Minuten liegt das Boot wieder an seinem Bestimmungsort am Steg der Segelschule. Bei der Siegerehrung stellt sich heraus, dass wir neben Conger und Pirat sogar noch einen Schwertzugvogel und einen Drachen in die Schranken gewiesen hatten.

Alsterglocke

Feierabend . © Mauer

Vor der Abfahrt werfen wir noch einen letzten Blick auf die Centaur und sehen das blaue Biest plötzlich mit ganz anderen Augen. Wer weiß, vielleicht gibt es nächstes Jahr ein Revival – dann aber mit eingebautem Abstandsradar für mehr Sicherheit auf dem Parcours.

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Carsten Kemmling

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4 Kommentare zu „Alsterglocke: Yardstick-Langstrecke mit dem Centaur-Panzerkreuzer vom Jollenvermieter“

  1. avatar Minnisemmel sagt:

    Sehr schöner Bericht!
    Das sind die besten Geschenke für einen Fünfzigsten!
    Und dann noch der tolle Zieleinlauf!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 22 Daumen runter 0

  2. avatar Andreas Borrink sagt:

    Danke für den tollen Bericht, habe herzlich gelacht! So ist sie, die Alsterglocke. Die subtile Kritik an den ewig Übermotivierten trifft in’s Schwarze. Trotzdem: Alsterglocke ist Kult.

    Allerding muss wohl mal intensiv über eine Anpassung des Yardstick-Ratings für das “blaue Biest” nachgedacht werden; einfach so mit großer Genua, wo soll das hinführen!? Nächstes Jahr kommt Ihr noch mit Foils…….

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

    • avatar MAUERSEGLER sagt:

      …im ersten Schritt dachten wir an Segellatten. Foils waren in der Tat eine Überlegung, würden allerdings diie hübsche Sihouette des Klassikers stören. Deswegen geht die Tendenz eher zum Neigekiel, hängt aber ein bisschen vom zu erwartenden Yardstick-Faktor ab 😉

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 1

  3. avatar Vorsitzender sagt:

    Lieber Stefan,
    bei Deinem tollen Bericht habe ich mich sehr amüsiert und Tränen gelacht.
    Kommt doch bitte das nächste Mal mit eurem 16er-JK zur Alsterglocke.
    Mit einem Yardstick von 104 fahrt ihr Kreise um die J24.

    Der Klassenpräsi

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