America’s Cup: 4:0 für Italien am Tag als Corona Neuseeland erreicht – Duell verschoben

"The Italians are coming"

Luna Rossa hat beim Prada-Cup-Finale auch die beiden Sonntag-Rennen gewonnen und benötigt nur noch drei Siege gegen INEOS Team UK. Das Ergebnis von 4:0 sieht allerdings deutlicher aus, als die Duelle tatsächlich waren.

Prada-Cup-Zuschauer am Sonntag in Auckland. Das ist jetzt erst einmal vorbei. © COR 36 | Studio Borlenghi

In Neuseeland schien die Welt still zu stehen. Ein Paradies auf Erden. Kein Corona, dafür jede Menge Sonne und Menschen, die dicht gedrängt den Segelsport feiern. Diesmal flatterten besonders viele grünweißrote Fähnchen im Wind. Die Italiener haben viel zu feiern, seit Luna Rossa an diesem Wochenende eine 4:0-Führung beim Prada-Cup-Finale gegen die Briten übernommen haben. Aber es könnte das letzte Mal unbeschwerter Spaß sein.

Denn in Auckland wurde die Freude der Südeuropäer von der Nachricht überlagert, dass das Virus zurück auf der Insel ist. Am Sonntag sind in der Stadt erstmals seit zwei Monaten wieder zwei lokal übertragene Fälle bekannt geworden.

Sofort hat die Regierung für die nächsten 72 Stunden einen Lockdown der Stufe 3 in Auckland verhängt. Die Fortführung des Prada Cups am Mittwoch wird ausgesetzt und das Veranstaltungsdorf für die Öffentlichkeit geschlosse. Es ist noch nicht klar, ob die Rennen dann wie geplant am Freitag fortgesetzt werden.

Verzögerung hilft den Briten

Bei dem britischen America’s Cup-Team dürfte diese Nachricht insbesondere im sportlichen Kontext wenig Besorgnis auslösen. Eine Verzögerung des Wettkampfes gegen Luna Rossa spielt ihm in die Karten. Denn wer mit 0:4 hinten liegt benötigt vor allem eines: Zeit.

Dabei fehlt nicht viel. Ein wenig beim Bootspeed, ein wenig bei den Wenden, aber sehr viel beim Start. Beide Rennen am Sonntag wurden durch Fehler im Vorstart entschieden. Im ersten Rennen waren wir “zu gierig”, sagt Steuermann Ben Ainslie.

Ainslie fällt ab und will mit mehr Speed auf die Leeseite von Luna Rossa kommen…© COR 36 | Studio Borlenghi

Es lag wohl an ihm. Bei der Ansteuerung der Startlinie attackiert er mit Wind von Steuerbord James Spithill, der das italienische Boot von der rechten Seite aus steuert. Giles Scott erhebt leicht die Stimme als er für Ainslie die Zeit bis zur Startlinie runterzählt. “Killing 10. Killing 4 to pin”. Er hat ein Gerät, dass ihm den Abstand anzeigt und entsprechend des aktuellen Speeds berechnet. “Killing” soll heißen INEOS Team UK ist nur noch vier Sekunden zu früh dran, wenn es an der Starttonne, dem Pin End, das Rennen eröffnen möchte.

…Aber die Zeit läuft INEOS weg. Luna Rossa kann einfach anluven zur Startlinie, und muss nicht mehr befürchten von hinten überlappt zu werden. © COR 36 | Studio Borlenghi

Da bleibt für den Steuermann Ben Ainslie kaum noch Zeit zum Spielen. Zum Schlenkern, zum Abfallen und Anluven, zum Fishtailing, wie das Angriff-Abwehr-Spiel auf dem Weg zur Startlinie beim Match Race genannt wird.

Aber er will es Spithill noch mal richtig zeigen. Will noch einmal kurz abfallen und seinen Bug auf die Leeseite des Gegners bringen, will zum sogenannten “Hook” ansetzen. Wenn das klappt, darf er den Gegner langsam bis in den Wind luven – wobei “langsam” bei 35 Knoten Speed ziemlich relativ erscheint.

Ainslie greift von hinten an, aber Spithill hat seinen Abstand zur Startlinie perfekt getimt. Er kann einfach Gas geben…

Bei diesen AC75-Booten ist dieses Manöver allerdings besonders effektiv. Daraus folgt, dass der Verteidiger von den Foils fällt, wenn er beim Anluven unter die kritische 18 Knoten Marke sackt. Deshalb müsste er in die Wende drehen und das könnte schon zu einem großen taktischen Problem werden, wenn es mit der Anliegelinie zum Start nicht passt.

Wie auch immer, es klappt nicht. “Wir haben den Start völlig verpatzt”, gibt Ainslie später zu. “Ich wollte noch den Hook schaffen, aber der letzte Push war zu hart.” Es fehlte einfach die Zeit dafür. Luna Rossa konnte unbedrängt mit maximalem Speed zur Startlinie rasen.

…Die Briten schaffen nicht einmal die Anlieglienie zum Pin End und müssen wenden

Das war es schon. Wer dachte, die Briten könnten danach noch einmal bei stabilem Wind um 16 Knoten eine Möglichkeit zum Überholen finden, sah sich getäuscht. Der Rückstand blieb zwar enorm klein, aber die Italiener verteidigten perfekt. Anfangs noch mit einer lockeren Deckung, später dann mit jedem Manöver. 17 Wenden pro Team wurden noch bei keinem AC75-Rennen gezählt. Die Grinder wurden bis zum Maximum beansprucht.

Die Bilanz vom dritten Rennen. Manöverduell mit 17 Wenden.

Nur 13 Sekunden Rückstand machte den Briten aber Hoffnung. Mit diesem Leistungspotenzial könnten auch sie einen Vorsprung verteidigen. Man müsste nur einmal beim Start vorne liegen.

Ainslie unter Druck

Kein Wunder, dass Ben Ainslie langsam etwas angespannt wird. Vor dem vierten Rennen ist klar: Er muss langsam abliefern. Die britischen Fans beschwören schon seine Comeback-Fähigkeiten.

Der mit fünf Medaillen dekorierte erfolgreichste olympische Segler aller Zeiten hat in seiner Karriere mehrfach bewiesen, dass er gerade in brenzligen Situationen, wenn Gegner am Druck zerbrechen, dieses gewisse Etwas zum Vorschein bringt. Bei seinen Olympiasiegen lag er oft zu Beginn zurück, um dann aber schließlich doch noch zu gewinnen. Der Mythos setzte sich fort als er 2013 bei einem der größten Sport-Comebacks aller Zeiten nach 1:8 -Rückstand noch den America’s Cup für das Oracle Team USA mit 9:8 gewann. Nachdem er John Kostecki als Taktiker abgelöst hatte, geriet das Team auf die Siegerstraße.

Aber damals an seiner Seite, am Steuer, James Spithill. Der aktuelle Luna Rossa-Steuermann weiß auch wie es geht. Er weiß insbesondere, dass Ainslies Rolle damals für den Sieg heute vermutlich überbewertet wird. So viel Einfluss, wie ihm zugeschrieben wurde, konnte er in kürzester Zeit nicht ausüben. Technische Fortschritte beim Trimm und Speed ließen ihn sehr gut aussehen.

Anders als bei seinen olympischen Erfolgen hat er diesmal auch ein Team um sich. Er kann noch so doll am Rad drehen, ohne die zehn anderen an Bord geht es nicht. Und so gibt es bei diesem vierten Start, der erneut völlig in die Hose geht, ein anderes Problem.

Steuermann fast über Bord

Ainslie hat sich im Vorstart leicht nach Lee versetzt zum Gegner eine starke Position erarbeitet. Er könnte jetzt mächtig Druck machen auf Spithill und will vom Backbord- zum Steuerbord-Steuerstand nach Luv wechseln. Von dort kann er Luna Rossa besser sehen.

Der Moment des Abfluges. © COR 36 | Studio Borlenghi

Der Abflug aus der Luvperspektive.

Aber im Moment seines Wechsels schießt das Schiff aus dem Wasser. Das Bild erinnert an die spektakuläre Kenterung von American Magic. Irgendetwas ist bei der Anstellung des Foils schief gelaufen. Auf diesem Bug ist Leigh McMillan (40) als Flight Controller dafür zuständig. Der langjährige Dominator in der Extreme Sailing Series (Steuermann bei Oman Air) scheint seinen Tragflügel etwas zu steil angestellt zu haben.

Das Foil in Lee ist zu stark angestellt. © COR 36 | Studio Borlenghi

Das Schiff springt aus dem Wasser und Ainslie fliegt fast über Bord. Das eigentliche Problem ist aber die verlorene Zeit. Es dauert, bis das Boot wieder auf seinen Foils fliegt. Erneut fehlt ein wenig Zeit zur Startlinie und die Briten liegen von Anfang an hinten.

Nach dem Abflug ist Ainslie weit nach Lee unter die Anliegelinie abgedriftet..

…Aber Luna Rossa ist etwas zu früh dran und muss abfallen…

…so kann Ainslie mit einer Wende starten und den Nachteil relativ gering halten.

Sie können zwar noch einen kleinen Split beim Start generieren – so hält sich der Nachteil in Grenzen. Und auch diesmal sind sie auf dem Kurs nicht dramatisch langsamer. Aber um im Match Race bei erneut kaum drehendem Wind die Chance zum Überholen zu generieren, muss man den Gegner zu Fehlern zwingen, oder etwas schneller sein. Beides gelingt nicht. Und so sind die Briten am Ende chancenlos.

Die Bilanz des vierten Rennens. Es fehlt nicht viel bei den Briten. Aber besonders der Amwind-Speed reicht nicht aus zum Überholen.

Die Analysen zeigen, dass schließlich durchaus etwas Speed fehlt und das Ainslie-Team auch bei einem Wendeduell keine Vorteile hat. Nach einem gewonnenen Start würde es möglicherweise in der Lage sein, den Vorsprung zu verteidigen, aber nun steht es eben auch schon 0:4. Und Luna Rossa hat in allen vier Rennen kaum eine Schwäche gezeigt.

Ein temporärer Amwind-Spee-Vergleich. Luna Rossa ist einen Tick schneller.

Dritte Kreuz im vierten Rennen. Hier zeigen sich deutliche Vorteil für die Italiener.

Vergleich auf dem zweiten Vorwindkurs

Die Briten müssen noch ein wenig mehr Bootspeed aus dem Hut zaubern. Dafür mag ihnen die Corona-Pause diese Woche in die Hände spielen. Aber auch Luna Rossa kann sich noch weiter verbessern. Niemand dürfte zurzeit auf Ainslie und Co wetten.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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