America’s Cup: 5:1 für Luna Rossa – Briten holen sich den ersten Sieg

"Ich würde es wieder so tun"

INEOS Team UK hat beim Prada Cup Finale den Kopf noch einmal aus der Schlinge gezogen. Nach fünf Niederlagen in Folge holten die Briten den ersten Punkt gegen Luna Rossa.

“Wir wissen es und sie wissen es”, sagt Ben Ainslie. “Bei diesen Bedingungen sind wir in Bezug auf den Geradeaus-Speed etwas langsamer. Wir mussten etwas Risiko eingehen.” Es ist die banale Erklärung für einen Start, bei dem der Steuermann vom INEOS Team UK erneut nicht besonders gut aussieht. Er macht Druck von hinten, erkennt eine Lücke zwischen Gegner und Starttonne, ignoriert die Warnung von Taktiker Scott – “sie sind auf der Layline” – rast 33 Knoten auf das Heck zu, täuscht ein Hook-Manöver an, wird von Spithill mit einem Abfall-Schlenker gekontert, schießt an der Luvseite sofort in eine Wende und könnte diesen Start gewonnen haben…

Hat er aber nicht. Chief Umpire Richard Slater meldet sich aus dem Übertragungsraum, wo die Schiedsrichter auf mehreren Monitoren die Regeln überwachen. Die Entscheidung: Penalty für beide Boote wegen Frühstarts – die heben sich auf – plus eine Strafe für Ainslie.

Die elektronische Sicherheitszone um den AC75 Cupper. Rot umrandet ist die “Keep clear Zone”.

Das war dann wohl doch zu knapp. Die Umpire-Systeme erkennen offenbar eine Berührung der elektronische Keep-Clear-Zone. INEOS muss sich 50 Meter hinter den Gegner zurückfallen lassen (wie hier im Video erklärt).

Offenbar ist das kurz nach der Wende schon passiert. Jedenfalls taucht die Strafe nicht mehr auf dem Bildschirm der Übertragung auf. Aber als kurz danach Ainslie die Führung übernimmt, weil die Italiener ausweichen müssen, fordert Spithill einen zweiten Penalty – zu Recht. Denn der Gegner hat trotz des Fouls die Führung und Kontrolle in dem Rennen übernommen – das ist nicht im Sinne des Erfinders. Die Schiedsrichter sprechen eine weitere Strafe aus.

Luna Rossa steuert exakt auf Layline zur rechten Starttonne 12 s vor dem Start…

…Ainslie täuscht den Hook an und versucht von hinten auf die Leeseite des Gegners zu kommen…

…Aber Spithill pariert und luvt sofort an. Hat Ainslie in diesem Moment die elektronische Sicherheitszone berührt?…

Ainslie setzt zum Ausweichen mit einer Wende an…© COR 36 | Studio Borlenghi

…und dreht durch den Wind. Penalty für die Briten. © COR 36 | Studio Borlenghi

…Luna Rossa liegt hinten – nach dem Penalty für den Geger aber wieder vorne.

“Das ist lächerlich”, ereifert sich Ainslie. Und auch Taktiker Scott poltert. “Sie sind auf der falschen Seite des Kurses.” Soll heißen, deshalb liegen sie hinten – wegen dieser taktischen Entscheidung, nicht wegen des Fouls. Aber es hilft nichts. Der Penalty steht. Es gilt, zu bremsen.

Die Briten wissen, was danach passieren wird. Es weht mit knapp unter 12 Knoten. Dabei haben die Italiener einen leichten Performance-Vorteil. Es ist zu sehen, dass sich daran auch in der vergangenen Woche nichts geändert hat. INEOS hat ein größeres Vorsegel gesetzt, um sich auf den Foils zu halten. Das weist aber auch einen größeren Widerstand auf. Auch die Neuseeländer, die in Sichtweise zum Kurs trainieren, haben eine kleinere Fock hochgezogen. Sie können es sich offenbar wie Luna Rossa leisten. Auf der ersten Runde hält INEOS noch einigermaßen den Anschluss, aber auf der zweiten Kreuz wird der Nachteil besonders deutlich.

Die Leistungsdifferenz nach Leetor. INEOS hat eigentlich einen besseren Radius nach der Runde segelt aber deutlich tiefer und versackt in den Abwinden.

Aber nach der zweiten Kreuz ist klar, dass die Leistung des Bootes nicht ausreicht, um sich eine Überholposition zu bringen. Es steht 0:5.

Ainslie erklärt den Start: “Wir wollten die rechte Seite, wo der Druck stand. Da wir wussten, dass sie auf der Geraden schneller sind, mussten wir etwas machen. Es war das Risiko wert. Ich würde das Gleiche noch einmal tun…Ich glaube, ab 13 Knoten sind die Boote ziemlich gleichschnell, aber darunter haben wir zu kämpfen. Das wissen sie und wir wissen es auch.”

Die Bilanz vom fünften Rennen. Ein Kilometer mehr Weg heißt insbesondere: Weniger Höhe am Wind

Umso besser, dass es noch dieses sechste Rennen gibt. Der Wind weht etwas stärker, 13,4 Knoten beim Start. Ainslie verteidigt ordentlich die Leeposition, aber eigentlich hat Spithill die Kontrolle etwas nach Luv versetzt. Aus dieser Position hat er das zweite Rennen vor einer Woche für Luna Rossa entschieden.

Im 6. Rennen versucht Spithill, von hinten den Hook anzusetzen und drängt Ainslie dazu zu beschleunigen…

…aber Ainslie gibt Gas und erreicht immerhin einen Start auf Augenhöhe…

…Luna Rossa sollte zwar eigentlich genug Abstand zum Gegner in Lee haben, aber der schiebt sich aus der Leeposition mit merh Höhe nach vorne…

…Der erste Cross geht knapp an die Briten. Es ist der entscheidende Moment.

Aber diesmal sind die Briten nach dem Start in Lee etwas schneller, können die Italiener früh abquetschen, zur Wende zwingen und auch beim ersten Cross liegen sie plötzlich vorne. Noch einmal wird es knapp kurz vor dem Luvtor, aber im Verlauf des Rennens bauen sie den Vorsprung bis auf 32 Sekunden aus. Gutes Taktieren, mutiges Verteidigen, ohne das direkte Wendeduell zu suchen, hilft dabei vorne zu bleiben.

Dann aber kommt die letzte Kreuz. Sie zeigt den Unterschied der beiden Boote. Luna Rossa holt 23 Sekunden auf. Das ist den Briten in den Duellen noch nie gelungen. Am Luvtor liegen sie nur noch 9 Sekunden vorne. Vor dem Wind verteidigen sie den Vorsprung souverän, aber diese finale Aufhojagd der Italiener muss ihnen Angst machen.

Die Bilanz vom zweiten Rennen. Plötzlich weisen die Briten einen Amwind-Speed-Plus von einem Knoten auf.

Ob der Sieg dennoch der nötige Stimmungsaufheller ist, der nötige Impuls, um das Pendel noch einmal auf die andere Seite schwingen zu lassen? Die Briten haben gegen die Italiener den ersten Punkt gemacht und im Ainslie-Lager keimt wieder etwas Hoffnung auf. Aber es steht 5:1 für Luna Rossa, dieses Schiff ist immer noch schneller und morgen sind die Windbedingungen ähnlich. Mit zwei weiteren Siegen wären die Italiener durch.

Aber was, wenn es plötzlich 5:3 stehen würde? Nicht wahrscheinlich, aber durchaus möglich. Das weiß man nun auf dem Boot von Luna Rossa, aber auch beim INEOS Team UK. Das Comeback ist nach wie vor möglich. Am Sonntag geht es weiter.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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