America’s Cup: Coutts redet Klartext – San Francisco bewirbt sich um Austragung

Interview mit dem ex "Feind"

Interview Murray Deaker mit Russell Coutts:

Zum Ende des Jahres 2013 hat sich Russell Coutts in mehreren Interviews zum nächsten America’s Cup geäußert. Am 1. März 2014 sollen die Regeln bekannt gegeben werden. San Francisco möchte ein Comeback.

Russell Coutts

Russell Coutts, der Macher hinter dem Oracle America’s Cup Sieg. ©ACEA/PHOTO BALAZS GARDI

Das Jahr 2013 stand für Russell Coutts (51) lange auf des Messers Schneide. Erst schien seine Vision vom neuzeitlichen America’s Cup Spektakel zu scheitern, dann drohte dem bestbezahlten Segelprofi der Welt auch noch der Cup abhanden zu kommen.

Coutts zeigte sich dünnhäutig, als er nach dem Artemis Unfall schwer unter Beschuss geriet. Er zankte sich öffentlich mit Grant Dalton und verunglimpft die Luna Rossa Segler als “verwöhnte reiche Kinder in Prada Klamotten”. Sein Ruf als vorbildliche Segel-Ikone drohte einen irreparablen Schaden zu nehmen zumal sein Name auch mit dem Betrug-Skandal verbunden wurde, der Oracle schließlich zwei Punkte kostete.

Aber dann zog sich der Meister pünktlich zum Start des Cup Finals mehr oder weniger aus der Öffentlichkeit zurück. Eine kluge Entscheidung. Er überließ die Durchhalteparolen seinem Skipper James Spithill, und es wurde schon so still um Coutts, dass über einen möglichen Abgang von Oracle gemunkelt wurde.

Stiller Triumpf

Aber am Ende stand er wieder ganz oben und feierte nicht nur den fünften America’s Cup Sieg, sondern konnte sich auch für die Erschaffung der Regatta mit der größten Öffentlichkeitswirksamkeit aller Zeiten feiern lassen. Dabei blieb er angenehm still im Hintergrund und verzichtete auf ich-habs-euch-doch-gesagt-Parolen. Es gibt kein Foto, auf dem er den America’s Cup bei der Siegerehrung in die Höhe stemmt.

Nun liegt eine wohl noch viel schwierigere Aufgabe vor ihm. Das Momentum, das durch die ungeplante Comeback-Dramaturgie erzeugt wurde, will genutzt werden, um dem America’s Cup eine verlässliche Basis zu geben.

Coutts verbrachte einen Ski-Urlaub in der Schweiz und Weihnachten in Neuseeland. Dabei nutzte er die Zeit auch für einige Auftritte in der Öffentlichkeit. Zuletzt gab er erstaunlicherweise, einem seiner größten Feinde ein ausführliches Interview.

Interview mit dem ex BlackHeart “Feind”

Murray Deaker war eines der Sprachrohre der BlackHeart Kampagne, der seit 2000 gegen die zum Alinghi Team gewechselten Team New Zealand Mitglieder hetzte und besonders die Schlüsselfiguren Russell Coutts und Brad Butterworth ins Visier nahm. Coutts musste von Bodyguards zur Eröffnungsveranstaltung geleitet werden, nachdem sogar Drohungen gegen seine Familie ausgesprochen worden waren.

Aber nun traf Coutts den Widersacher offenbar eher zufällig beim Heimaturlaub und verabredete in der Folge ein längeres Interview für SKY NZ. Dabei gibt er sich locker und entspannt. So sehen Sieger aus.

Unter anderem redet Coutts offen über die Ablösung von John Kostecki. Eigentlich habe es noch nie funktioniert, einen wichtiges Afterguard Mitglied im Wettbewerb auszutauschen. “Aber manchmal im Sport bringen Athleten im Wettkampf nicht die Leistung entsprechend ihres Potenzials”, sagt Coutts.

“Das war deutlich bei J.K. zu sehen. Er erlebte einfach eine schlechte Regatta. Seine Kommunikation mit Tom Slingsby war zusammengebrochen und funktionierte einfach nicht. Der Austausch war eine drastische Veränderung, aber wir glaubten, das Risiko eingehen zu müssen.”

“Bei einer Niederlage wäre ich wohl geflogen”

Der Meister spricht auch offen über Fehler. Besonders am Anfang habe man einige wirtschaftlichen Entscheidungen zu schnell getroffen. Dabei seien Probleme entstanden und er bezieht sich wohl auf den Ärger, den es mit der Stadt San Francisco gegeben hat. “Das hat uns viel Zeit und Geld gekostet.”

Auch zu seiner Beziehung zu Larry Ellision sagt er klar: “Wenn wir nicht gewonnen hätten, wäre ich wohl geflogen.” Nur wenn man Leistung bringt, werde man von ihm belohnt. Beide Parteien wissen genau, was zu tun ist. Das habe er gelernt. Einmal habe Coutts versucht, dem Boss gegenüber Ausreden zu suchen, aber das werde er nie wieder tun. “Er nimmt Ausreden nicht besonders gut hin.”

In einem weiteren Interview mit der Huffington Post spricht Coutts über die Bewerbung San Franciscos, ein weiteres Mal, den America’s Cup ausrichten zu dürfen. Nach großem Ärger mit den Stadt-Oberen und einigen unplanmäßigen finanziellen Verlusten kam der Vorstoß überraschend.

“Boxen-Gasse” in San Francisco

Aber nun bietet die Regierung der Stadt an, weitere Piers (27 und 29) für den nächsten Cup zur Verfügung zu stellen, um unter anderem dem Cup-Syndikaten eine echte “Boxen-Gasse” wie in Valencia zu ermöglichen.

Am ersten März soll das genaue Format feststehen. Demnach deutet viel auf ein Rennen im August 2017 hin. Die Katamarane sollen von 72 auf 60 bis 65 Fuß schrumpfen und die Crewstärke von elf auf acht Segler. Coutts spricht auch immer wieder von “One Design Elementen”. Außerdem wird ein gewisser Grad von Nationen-Regel erwartet.

Coutts glaubt bisher an sieben Teams inklusive Oracle. Neben Artemis und Luna Rossa, Neuseeland und Australien sieht er Ben Ainslie mit seinen Briten auf einem guten Weg. Er spricht aber auch von wenigstens einem gut finanzierten Syndikat aus Asien. Auf die Bemühungen der Franzosen geht er nicht ein.

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „America’s Cup: Coutts redet Klartext – San Francisco bewirbt sich um Austragung“

  1. avatar Paul W. sagt:

    Drehbuch schon fertig geschrieben?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 17 Daumen runter 8

    • avatar Drahtzieher sagt:

      Hoffentlich segelt Robert Redford nicht mit, sonst wird es nix mit dem nächsten AC. Ich fand das letzte Drehbuch aber schon ziemlich gut, auch wenn nicht das Team der Herzen gewonnen hat. Wenn der nächste Cup billiger werden soll, können sie ja einfach das bewährte Drehbuch nehmen und nur ein paar Details ändern. Zum Beispiel den Gewinner 😉

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    • avatar Fons sagt:

      Das Drehbuch ist immer das Gleiche.

      Der Schnellste gewinnt!

      Falls Ainslie dabei ist, kommt das Teil wenigstens mal wieder nach Europa. 🙂

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  2. avatar Thomas sagt:

    Wieder wird Steven Spielberg die Dramaturgie für das Märchen schreiben. Der Underdog, nach 10 Regatten fast geschlagen ( Warum ist Russel da nicht schon rausgeflogen?), schafft den turn around, die Segelwelt jubelt. Der Cup bleibt in Amerika. Die Fans sind begeistert. Vergessen die langweiligen Regatten zwischen Luna Rossa und den Kiwis. Damals unkte die Presse – und nun ? Plötzlich fallen Oracle 5 kn über Nacht in den Schoss -auf allen Kursen schneller als die überlegenen Kiwis – ein Wunder!! Oh ja – die Welt will betrogen werden. Dann auf ein neues 2017. Egal Hauptsache spannend.

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    • avatar Fons sagt:

      Gut für Kemmlings Superlativtick. Da paßt wenigstens hin und wieder der ein oder andere Artikel mit den inflationär verwendeten hochdramatischen Ausführungen dazu.

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  3. Wie auch immer man zum vergangenen AC stehen mag, mich haben in den USA und Europa auf einmal Kollegen und Freunde darauf angesprochen, die sich zuvor nie für Segeln interessiert hattenl. Und wenn auch dieser Cup seine eindeutigen Fehler hatte, so finde ich, dass ihm zumindest die Chance zusteht, es bei diesem Mal besser zu machen.
    Die genauen Umstände des unerwarteten Oracle-Siegs werden wohl noch einige Zeit lang ein Mysterium bleiben, aber ich glaube, da sickert bald ne neue Info durch. Es bleibt spannend, Carsten 😉

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