America’s Cup: Die Radfahrer kehren zurück – Spionage verboten

Steuer-Duos wahrscheinlich

Luna Rossa Steuermann Francesco Bruni wertet das neue America’s Cup Protokoll aus. Er ärgert sich über Vorteile für den Verteidiger, rechnet aber mit der Teilnahme von Alinghi.

Francesco Bruni (48) ist als einer der beiden Luna Rossa-Steuermänner dem America’s Cup-Sieg in Neuseeland sehr nahegekommen. Nun hofft er auf eine Revanche mit dem italienischen Team, für das er schon vor 14 Jahren beim Cup startete. Im Interview mit einer der größten italienischen Tageszeitungen La Stampa spricht er über das neue Protokoll und die Chancen, den Kiwis die Kanne abzujagen.

Der gebürtige Sizilianer ist einer der vielseitigsten Leistungssegler der Welt. Er hat nicht nur in drei verschiedenen Klassen (Laser, 49er, Star) olympische Spiele bestritten, sondern tanzt immer noch auf vielen Hochzeiten. Zuletzt gewann er als Taktiker des Sled-Teams die TP52-WM, bei der jüngsten Moth WM wurde er Fünfter (2019 Europameister), beim SailGP siegte er als Flight Controller mit dem Team Japan um Nathan Outteridge, und wenn Luna Rossa tatsächlich wieder ein America’s Cup-Herausforderer wird, dürfte kein Weg an dem Italiener vorbeiführen.

Bruni auf seinem Backbord-Steuermann-Platz. © Luna Rossa Prada Pirelli | Carlo Borlenghi

Aber wird Patrizio Bertelli (75) ein weiteres Abenteuer seines Teams finanzieren? Nach der Finalniederlage in Auckland schien er nicht abgeneigt. Doch nichts ist entschieden. Bruni sagt dazu: “Ich habe noch nichts unterschrieben, aber ich stehe in Kontakt mit dem Teamchef Max Sirena und dem Management. Ich hoffe, dass ich eine weitere Chance bei Luna Rossa bekomme, denn ich denke, dass ich gut gearbeitet und es verdient habe.”

Vorteil Team Neuseeland

Das neue Protokoll hält Bruni für alles andere als ausgewogen. Der Verteidiger habe sich besondere Vorteile in die 80 Seiten schreiben lassen. Die Trainingszeit-Beschränkung erlaube etwa das Segelnvon September 2022 bis zum 1. März 2023, wenn in Neuseeland Sommer herrscht und in Europa Winter.

Außerdem sei wohl eine lange Präsenzzeit auf dem noch zu benennenden Cup-Revier verpflichtend. Damit die Neuseeländer möglichst viel Geld aus dem Standort-Deal schlagen können. Günstige Trainingslager am eigenen Stützpunkt, so wie sich Luna Rossa lange in Sardinien vorbereitet hat, sind damit offenbar begrenzt. Der potenzielle Veranstalter möchte schließlich viel Aktivität vor Ort sehen. Die Regatta selbst ist für den Juni 2024 vor den Olympischen Spielen wahrscheinlich.

America's Cup

Die Kiwi-Radfahrer in Aktion. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Die Einführung des Ac40 als Testboot und für den Frauen- sowie U-25-AC sei gut. Aber die Boote müssen beim Team New Zealand gekauft werden. Sie stehen erst ab September 2022 zur Verfügung. Das erste gehe an die Kiwis, das zweite an die Briten. Sie können also zuerst testen.

Auch die Wendung, dass wohl wieder Radfahrer als Grinder zum Einsatz kommen, helfe den Kiwis, die als einziges Cup-Team damit Erfahrung haben, als sie in Bermuda gewannen. Auch INEOS war nicht dagegen. Schließlich unterhält der Konzern das beste Profi-Radteam der Welt. Aber auch Italien verfüge in diesem Bereich über große Ressourcen.

SR bei der Arbeit bei der Luna Rossa AC75-Taufe mit dem alten Laser-Kumpel und Luna Rossa Steuermann Francesco Bruni. © SegelReporter

Die Verringerung des Boot- und Crew-Gewichts um zusammengerechnet etwa eine Tonne hält Bruni für eine gute Sache. Sie wird technisch durch den Wegfall der Backstage und der dazugehörigen Ausrüstung erreicht, geringeres Gewicht der Tragflächen und den Wegfall der Winschen für die Fock. Eine selbstwendende hydraulisch trimmbare Fock tritt an die Stelle. Einige Grinderpositionen und deren Ausrüstung werden ebenfalls wegfallen.

Die Reduktion von 11 auf 8 Segler führt nicht nur zu einem geringeren Gewicht und früherem Fliegen, sondern auch eine Kostenreduktion. Es werde interessant sein, ob je vier Segler im Manöver auf ihrer Seite bleiben können oder sie nach Luv wechseln müssen.

Spithill und Bruni. Kann es das erfolgreiche Steuer-Duo erneut geben? © Luna Rossa Prada Pirelli | Carlo Borlenghi

Damit stellt sich erneut die Frage, ob mit einem oder zwei Steuermännern gesegelt wird, wie es Luna Rossa mit Bruni und Spithill getan hat. Neuseeland hat sich kürzlich mit dem Australier Nathan Outteridge einen potenziellen zweiten Steuermann ins Team geholt. Das könnte auf den Doppel-Piloten-Ansatz hindeuten.

Rückkehr von Alinghi

Wen erwartet Bruni als Teams beim nächsten America’s Cup? Er geht davon aus, dass die drei Herausforderer der vergangenen Ausgabe und zusätzlich Alinghi. Er wisse aber nicht, ob Chinesen oder Japaner mit Grant Dalton gesprochen haben, ob es also tatsächlich ein Syndikat geben könnte, dass im Protokoll unter den Begriff “emerging country” fällt. Das würde dann Erleichterung insbesondere bei der Nationenregel erfahren.

American Magic werde ziemlich sicher dabei sein, auch wenn sich der New York Yacht Club zurückgezogen habe. Allerdings könnte es laut Bruni ein Problem geben, wenn tatsächlich in Jeddah/Saudi-Arabien gesegelt werde. Das trifft aber sicher nicht nur für die Amerikaner zu.

Die Idee, wasserstoffbetriebenen Tendern nutzen zu müssen, sei prinzipiell nicht schlecht. Aber auch die Tatsache, dass diese Boote beim Team New Zealand gekauft werden müssen, diene eher dazu, die Kiwis zu finanzieren. Es handele sich dabei für aller benötigten Boote schließlich um Kosten von gut zwei Millionen Dollar.

Prototyp eines wasserstoffgetriebenen Foiling Chase Boats. © 37th America’s Cup

Dafür könne man sich die Spionage-Teams sparen, die sonst an den jeweiligen Trainingsorten der Teilnehmer unterhalten werden mussten. “Spionage ist verboten, und dies ist das erste Mal, dass es schwarz auf weiß geschrieben wird.” Es sollen durchaus Informationen auf dem Wasser gesammelt werden dürfen, aber die fließen dann in einen Informationspool ein, aus dem sich alle Teams bedienen können.

Nebenbei erwähnt Bruni, dass er auch intensiv an einem italienischen SailGP Team arbeitet. “Wir haben die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Wir haben einige wichtige Kontakte, die grünes Licht geben müssen. Aber es ist schwierig, das erforderliche Budget von rund 7 Millionen pro Jahr stemmen zu können. Die Saison 2022 sei immer noch machbar, aber nicht mehr von Anfang an. Immer mehr richte sich der Fokus auf den America’s Cup.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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