America’s Cup: Es steht 3:3 – Kann vielleicht doch das langsamere Schiff gewinnen?

Dominanz in der Startbox

Luna Rossa gewinnt das erste Rennen und scheint das Muster des benachteiligten Rechts-Starters durchbrechen zu können. Aber erneut schlagen die Neuseeländer mit einem überragenden Sieg zurück.

Was für ein Krimi. Der 36. America’s Cup wird immer spannender. Nicht durch einzelne Rennen. Nicht durch dramatisch knappe Situationen. Nach wie vor gibt es auch nach sechs Duellen zwischen dem Team New Zealand und Luna Rossa kein einziges Überholmanöver. Der Start entscheidet. Man könnte die Rennen am Luvtor stoppen und hätte dasselbe Ergebnis. Aber nach dem dritten Renntag steht es 3:3. Und es ist schwer, vorherzusehen, wer schließlich die Kanne in die Höhe stemmen wird.

Die AC-Duellanten erstmalig auf dem Rennkurs C bei 8 bis 9 Knoten kaum drehendem Wind. © ACE | Studio Borlenghi

Beim ersten Rennen des Tages dürfen die Neuseeländer zuerst mit Wind von Backbord und von links in die Startbox eintauchen. Bisher hat sich diese Eröffnung des Rennens, die jeweils gewechselt wird, als die stärkere erwiesen. Alle bisherigen vier Starts wurden von dieser Seite aus gewonnen.

Die Steuermänner beider Teams haben dieses vermeintliche Muster zuletzt als Zufall abgetan. Wohl auch um sich selbst nicht psychologisch zu blockieren, wenn man selbst von der vielleicht schlechteren Seite starten muss.

Gut 2000 Zuschauerboot vor Auckland. © ACE | Studio Borlenghi

Aber der Vorteil ist nicht wegzudiskutieren. Das zuerst in die Startbox eintauchende Boot kann seine Halse und damit den Weg und das Timing zur Startlinie erst einmal ohne Gegner-Einfluss ausführen. Die später eintauchende Crew muss hoffen, dass die Kontrahenten dabei einen Fehler machen und sich entweder davor oder dahinter platzieren, um einen Fehler zu provozieren.

Kiwis starten gut sechs Bootslängen achteraus

Wie schnell das gehen kann, zeigen die Neuseeländer im ersten Rennen. Sie rutschen beim Vorstart in einem Moment von den Tragflächen, als es wirklich weh tut. Der Speed sackt auf 15 Knoten, Peter Burling muss abfallen, um Schwung zu holen und wieder ins Fliegen zu kommen. Die Linie zum Start geht völlig verloren. Luna Rossa startet gut sechs Bootslängen voraus. Game over!

Danach geht nichts mehr, auch wenn Wettfahrtleiter Iain Murray diesmal von Kurs E zu A wechselt. Der auflandige freie Wind dreht kaum. Team New Zealand kann nur hoffen, dass Francesco Bruni wie gestern wieder einen falschen Knopf bei der Halse drückt und hunderte Meter verliert. Aber er hatte schon lachend prophezeit, dass ihm das nicht noch einmal passieren wird.

die Kiwis (r.) sind im fünften Rennen zuerst stark in Luv positioniert…

…können sich im Downspeed-Modus aber nicht so gut auf den kleineren Foils halten wie der Gegner und klatschen ins Wasser…

…Der Rückstand an der Linie ist beträchtlich.

Die Neuseeländer bestätigen zwar den Eindruck, dass sie den Kurs auch bei leichtem Wind auf Augenhöhe absolvieren können – sie halten den Rückstand konstant und drücken ihn schließlich unter 20 Sekunden. Aber die Italiener wenden besser und segeln höher am Wind. Zwei Fähigkeiten, die ein Match Race entscheiden, wenn man beim Start vorne liegt.

Die Rennstatistik bestätigt: TNZ ist schneller, muss aber einen weiteren Weg segeln. Das Ergebnis ist ein Patt.

Die VMG-Daten von der ersten Kreuz zeigen, wie nahe die beiden Boote beieinander liegen

Beim reinen Speed ist TNZ klar schneller, aber LNR segelt höher und deshalb genauso schnell nach Luv.

Die Kiwis mögen mit ihrer größeren Leistungsfähigkeit prinzipiell in der Lage sein, eine Deckung zu durchbrechen. Aber dafür bräuchten sie mehr Platz auf dem Rennkurs. Die im Vergleich zu normalen Match Races unüblichen Spielfeldbegrenzung erschweren es dem hinten liegenden Boot zusätzlich, einen Überholvorgang einzuleiten. Außerdem wirkt die Wirbelschleppe hinter dem führenden Boot bei dem leichten Wind noch bremsender für den Verfolger als bei mehr Druck.

Auch Luna Rossa klatscht ins Wasser

Wie gut das neuseeländische Boot ist, wenn es frei fahren kann, zeigt das zweite Rennen. Diesmal rutscht Luna Rossa im Prestart bei erneut 8 bis 9 Knoten von den Foils. Zu einem Zeitpunkt, der absolut kritisch ist für das Timing.

Spithill hat sich schon früh auf der Start-Anliegelinie positioniert und kaum noch Platz zum Beschleunigen, als der Wind unerwartet stark nachlässt, wie er nach dem Rennen beschreibt. Er muss mit langsamen 17 Knoten zur Linie hochquetschen wird von den in Luv wartenden Kiwis überlaufen und hat in den Abwinden noch größere Probleme beim Beschleunigen.

LNR (r.) setzt als Führender nach dem Eintauchen die Halse und bestimmt die Positionierung zur Starlinie…

…TNZ entscheidet sich für eine Wende und positioniert sich damit weit in Luv…

…Als LNR in einem Windloch Probleme bei der Beschleunigung hat, zieht TNZ einfach in Luv vorbei…

…und startet deutlich vor den Italienern.

“Wenn die Windstärke vor dem Start um einen halben Knoten differiert macht das einen Unterschied von 20 Sekunden zur Linie aus”, erklärt Francesco Bruni nach dem Rennen. Danach ist der Punkt so gut wie verloren.

Wie schon am Vortag wächst aber der Rückstand der Italiener deutlich stärker an, als im umgekehrten Fall. Der Rückstand ist schließlich mit 1:41 Minuten so groß wie bei keinem der bisherigen Final-Rennen. Er kommt auch durch drei zusätzliche Manöver zustande, aber der Eindruck bestätig sich, dass Team New Zealand ohne Gegnereinwirkung schneller über den Kurs kommt.

Entscheidung bei stärkerem Wind ab Montag?

Darum geht es aber nicht. Bei dem leichten Wind geht es darum, das Geschehen in der Startbox zu dominieren. Da scheinen die Italiener mehr Optionen zu haben mit ihren größeren Foils. Aber reicht das aus, um auch bei stärkerem Wind eine Führung behaupten zu können? Der Sieg im ersten Rennen am Mittwoch scheint darauf hinzudeuten. Bessere Chancen bestehen allerdings bei wenig Wind.

Deshalb muss sich das Luna Rossa besonders ärgern, heute nicht den zweiten Punkt gemacht zu haben. Auch Morgen soll der Wind noch einmal leichter wehen. Aber ab Montag könnten sich die Bedingungen ändern. Vielleicht so sehr, dass endlich auf dem drehenden Innenkurs gesegelt wird. Dann kann dieser America’s Cup vielleicht auch nach dem Start spannend werden und die ersten Überholmanöver liefern.

In Italien jedenfalls ist der America’s Cup längst Titelblatt-Thema. Das Land begibt sich zwar ab Montag bis zum 6. April in den dritten Lockdown mit Inzidenzen über 240 und 150 000 neuen Infektionen pro Woche. Und auch die Regierungskrise hat zuletzt für alles andere als ein Stimmungshoch gesorgt. Aber umso mehr freuen sich die Italiener über den möglichen historischen Erfolg von Luna Rossa. Noch ist alles möglich.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „America’s Cup: Es steht 3:3 – Kann vielleicht doch das langsamere Schiff gewinnen?“

  1. avatar Werner Frei sagt:

    Bisher dauerte der “Krimi” leider nur 6 Minuten. Jeweils die letzte vor dem Start. Man muss nicht mal bis zum Luvtor warten. Bleibt zu hoffen, dass am Schluss nicht bloss 13 Minuten Spannung bleiben werden. Mit diesen Flugbooten gibt es bezüglich Rennkurs noch viel Luft nach oben. Sehr Schade.

  2. avatar ds sagt:

    Ich wünschte wir könnten einmal alle 8 Boote zusammen auf dem Kurs sehen. Das wäre an Spannung kaum zu überbieten. Oder zumindest die 4 neuen.

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