America’s Cup: Neun Führungswechsel in einem Rennen – Franzosen düpieren Ainslie

"Schwalbe" für den Sieg

Das erste Duell zwischen Artemis und Neuseeland wird als das spannendste aller Zeiten in die Geschichte des America’s Cups eingehen. Ein Fehler der Schiedsrichter sorgt schließlich für die Entscheidung.

Nathan Outteridge kann es nicht glauben. Er wirft wütend seine Skibrille ins Cockpit, die ihn gegen das harte Spritzwasser schützen soll, sackt in sich zusammen und lässt den Kopf hängen. Taktiker Ian Percy wird richtig laut: “No Way!”, brüllt er ins Mikrophon seines Headset. “Auf keinen Fall!”

America's Cup

…Nathan Outteridge und sein 49er-Vorschoter Ian Jensen sind richtig sauer und… © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

America's Cup

…Teamchef/Taktiker Ian Percy möchte man auch nicht gerne nahe kommen© ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Er sieht das blaue Licht auf seinem Katamaran blinken. Es sind nur noch wenige Meter bis zur Ziellinie, aber die Entscheidung der Schiedsrichter steht: Penalty für Artemis. Game over. Neuseeland gewinnt den Punkt.

Was für ein Rennen. Auch die ärgsten Zweifler an dieser neuen Art des America’s Cup Segelns sollten nun ihre Zweifel bekommen. Gleich neunmal wechselt die Führung zwischen Schweden und Neuseeland, und erst ein Penalty beim letzten Manöver bringt die Entscheidung. So etwas gab es bei Cup-Rennen noch nie.

America's Cup

Vor der letzten Marke halten die Kiwis mit Wegerecht auf Artemis zu… © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

America's Cup

…sie steuern spektakulär in eine Halse um zu zeigen, wie sie ausweichen mussten. Artemis erhält die Strafe…© ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Was ist passiert? Artemis hält auf der finalen Vorwind-Strecke von rechts auf die letzte Bahnmarke zu und liegt knapp in Führung. Das Emirates Team kommt von links mit Wegerecht und versucht die Schweden zum Ausweichen zu zwingen. Peter Burling steuert in eine spektakuläre Halse, so als müsste er aus dem Weg. Eine Schwalbe? Er drückt den Protest-Knopf und siehe da, die Schiedsrichter bestrafen den Gegner.

“Es ist glaube ich besser, wenn ich jetzt nicht mit den Umpires spreche”, sagt ein um Fassung bemühter Nathan Outteridge später im Interview. Er hält die Strafe für eine klare Fehlentscheidung. “Wenn sie den Kurs gehalten hätten, wären wir klar vorbei gekommen.”

ACRM Chief Umpire Richard Slater sagt: “Wir müssen sicher sein, dass sich Artemis freihält, und das waren wir zu dem Zeitpunkt nicht.” Aber dann räumt er überraschend ein: “Wir hatten danach eine interne Diskussion und andere Daten gesichtet. Wenn wir die Zeit zurückdrehen könnten, hätten wir grün gezeigt und Artemis nicht bestraft.”

Slater gibt den Fehler zu. Das passiert nicht oft in diesem Spiel, und für die Schweden mag es eine psychologische Wiedergutmachung sein. Aber auf der Ergebnisliste hilft es nicht. Der Punkt ist verloren. Tatsachen-Entscheidungen können nicht rückgängig gemacht werden.

So bleibt nur zu hoffen, dass dieser fehlende Punkt am Ende nicht so schwer wiegt. Die Situation ist für Artemis durchaus gefährlich. Denn das Team hat nach der ersten von zwei Round-Robin-Serien wie Frankreich und Japan bisher nur zwei Siegpunkte auf dem Tableau.

Das Problem sind die Franzosen. Sie tun nicht das, was man von ihnen erwartet. Sie gewinnen zu oft. Erst unerwartet gegen Artemis und nun am letzten Tag der Round Robin 1 auch noch gegen die Briten.

Ainslie gewinnt klar den Start gegen seinen französischen Widersacher. So weit alles im Lot. Aber danach kann Franck Cammas viel besser mithalten als erwartet bei dem stärkeren Wind um 14 Knoten. Besonders auf dem Kreuzkurs ist er schnell.

Schließlich entscheidet ein Fehler an der Luvtonne das Rennen zugunsten von Cammas. Ainslie und seinen Mannen wollen wohl kein Risiko eingehen, entscheiden sich gegen einen Cross vor dem Bug, steuern in eine späte Wende und verliert klar die Führung.

Vor dem Wind kommen die Briten noch einmal ran, schaffen den Split am Leetor und liegen nur 10 Sekunden hinten. Aber dann folgt eine Desaster-Wende, nach der das Schiff kaum wieder in Fahrt kommt. Game over.

Für die Franzosen bedeutet der Sieg ein unerwartetes Stimmungshoch. Und man kann erwarten, dass sie in ihrem zweiten Rennen des Tages den Japanern ein hartes Match liefern. Das hat schon eine wichtige Bedeutung, denn Dean Barker hat bisher nur einen Sieg auf dem Konto. 

Aber der erfahrene Kiwi-Steuermann wählt für dieses Match eine ganz neue Startvariante, positioniert sich weit in Luv und hämmert zehn Knoten schneller als die Franzosen über die Linie. Danach passiert in diesem Rennen nicht mehr viel.

Barker setzt den vorstart rechts oben an, baut Speed auf…

…und rast mit seinem Speed-Überschuss in Luv an den Franzosen vorbei.

Cammas erklärt später, sie hätten Probleme mit der Energieversorgung gehabt. So bleiben die Franzosen auch weiterhin unberechenbar durch ihre extreme Leistungsschwankungen.

Die erste Round Robin abgeschlossen und Oracle liegt vorne. Ab Morgen segeln noch einmal alle Boote jeder gegen jeden und danach entscheidet sich, wer von den fünf Herausforderern die Sachen packen muss.

Die Briten waren mit nur einem Sieg das schwächste Team. Ihnen helfen aber noch die Bonuspunkte aus der World Series. Doch das Beschnuppern ist nun definitiv vorbei. Auch Oracle muss sehr kämpfen, wenn es den Sieg in dieser Vorrunde einfahren will. Er wäre einen Punkt für das Cup-Match wert. Darauf werden sie nicht verzichten wollen.

Pressekonferenz:

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
Spenden
http://blueocean.berlin/magicmarine-team-werden/

19 Kommentare zu „America’s Cup: Neun Führungswechsel in einem Rennen – Franzosen düpieren Ainslie“

  1. avatar Slutsky sagt:

    Cooler Bericht!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Yachtie sagt:

    “Gleich neunmal wechselt die Führung zwischen Schweden und Neuseeland, ”

    Worauf beruhten denn diese Führungswechsel ? (Habe das Rennen nicht gesehen!)

    Beruhen die Führungswechsel vielleicht darauf, dass der Führende das Wegerecht-Boot an der Kreuz vorbeilassen muss, da es aufgrund der hohen Geschwindigkeiten zu gefährlich wäre, vor dem Bug des Konkurrenten zu passieren ? (Angst vor Penalty)
    Dann wäre es ja kein herausgesegelter sondern lediglich ein taktischer Führungswechsel.

    Oder lag die Ursache wieder im nichtseglerischen Bereich des Handlings der Foils.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 16

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Genau. Unter anderem heißt Führungswechsel, dass ein führendes Boot auf der Kreuz hinter dem Wegerecht-Boot passieren muss. Das hat aber nicht mit Angst und Speed zu tun. Bei langsameren Booten ist es genauso. Die Wechsel kamen durch Winddrehungen zustande aber auch durch einzelne schlechtere Wenden.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 3

      • avatar Yachtie sagt:

        Danke vielmals für die Erklärung !

        Ich bin allerdings der festen Überzeugung, dass der hohe Speed der Foiler dazu führt, dass sich die Foiler nicht trauen, vor dem Wegerechtsschiff zu passieren, da im Falle eines Crashs aufgrund der hohen kinetischen Energie mit Todesfolgen zu rechnen wäre.
        Das wäre also viel zu gefährlich und würde auch mit Penalties bestraft werden.

        Diesbezüglich besteht also ein erheblicher Unterschied zu den herkömmlichen Booten, wo man per Peilung gut erkennen kann, ob man vor dem Wegerechtsschiff vorbeikommt.

        Echte, herausgesegelte Führungswechsel waren’s also nicht !

        Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 19

        • avatar SUI 46 36 sagt:

          @Yachtie: …was meinst du mit herausgesegelter Führungswechsel ?

          …. das eine eine Boot macht eine einwandfreie Wende, das andere Boot nicht, das ist Segeln

          … der eine Taktiker sieht die Winddreher und plant sie in seinen Kurs ein, der Andere schafft das nicht, das ist Segeln

          … die eine Crew kann die Foils richtig bedienen, die andere nur zum Teik, auch das ist Segeln.

          Also waren es herausgesegelte Führungswechsel, was sonst ????

          Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 15 Daumen runter 5

          • avatar Yachtie sagt:

            https://segelreporter.com/regatta/americas-cup-video-zusammenfassung-des-artemis-neuseeland-rennens/

            In dem Video sieht man, dass es sich an der Kreuz um keine echten Führungswechsel handelt. Das vermeintlich vorn liegende Boot muss immer wieder hinter hinter dem Heck des Wegerechtschiffes durchgehen, d.h fast schon einen Kurs entgegen der Zielrichtung segeln.

            Bei den Foilern ist es im Gegensatz zu herrkömmlichen Booten an der Kreuz ein echter Führungswechsel schwierig, da man aufgrund der hohen Bootsgeschwindigkeit einen sehr grossen Sicherheitsabstand zu dem Wegerechtschiff einhalten muss.

            Der erforderliche Sicherheitsabstand lässt sich von den Foilern in der Regel nicht heraussegeln, während dies bsw. im Jollenbereich überhaupt kein Problem ist.

            Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 7 Daumen runter 13

        • avatar Olli sagt:

          Doch, waren es. So sind Führungswechsel nun mal zu definieren beim Segeln. Egal ob im Opti oder AC Kat

          Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 3

          • avatar Yachtie sagt:

            Man führt doch an der Kreuz nicht, solange man ausweichpflichtig ist, und einen Bogen um das Heck des Wegerechtinhabers segeln muss.
            Wir können in diesem Fall allenfalls von einer scheinbaren Führung sprechen.

            Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 3 Daumen runter 7

          • avatar Yachtie sagt:

            Um es noch einmal ganz klar zu sagen:

            Der vornliegende führt nicht, wenn er noch eine Runde zurückliegt oder dem Führenden ausweichen muss, d.h das Heck des Führenden passieren muss.

            Der Führungswechsel ist also erst dann vollzogen, wenn an der Kreuz der Cross vor dem Bug des Gegners gelungen ist.

            Bei den schnellen Fpilern ist der Cross vor dem Bug des Gegner besonders schwierig, da aufgrund der hohen Geschwindigkeit ein grosser Sicherheitsabstand eingehalten werden muss.

            Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 1

  3. avatar Harrie Jasses sagt:

    Wen meint Ken Read Bloß mit “Some angry Sweds out there right now”? Ian Percy den alten Schweden? Nathan Outteridge? Ian Jensen? Der hört sich zumindest noch zur Hälfte schwedisch an…

    Im Grunde kämpfen hier Neuseeländer, Briten und Franzosen gegen die Söldner der heutigen Oligarchie, die sich zu einem großen Teil aus ihren eigenen Landsleuten rekrutieren. Aber was solls, mit einer aufgedruckten, aber sinnentleerte Flagge, lässt sich genauso gut oder schlecht identifizieren, wie mit den Symbolen von Fußballunternehmen.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 8 Daumen runter 5

    • avatar Henk sagt:

      … Drum drücke ich Franc Cammas die Daumen. Das arme, reiche Hightech-Deutschland bekommt sowas ja nicht hin…

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 2

      • avatar Carsten Kemmling sagt:

        Ja, das ist sicher ein Manko. Vor dem Cup wurde eine Nationalitäten-Regel immer wieder diskutiert. Sie wird sicher bald auch kommen. Nur die Kiwis, Franzosen und Briten segeln mit überwiegend einheimischen Seglern. Bei Artemis und Oracle überwiegen Australier. Für Japan hat Dean Barker seine alten Kiwi-Kumpels mitgebracht.

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

  4. avatar jan sagt:

    Also ich versteh die ganze Kritik am Cup nicht, innovativer war er noch nie, die Rennen sind spannender als gedacht, Artemis ist nicht der große, starke Herausforderer, die Franzosen können siegen, das Rennen gestern zwischen Artemis und ETNZ war an Spannung kaum zu überbieten und wenn man diesem link: http://live.robinwidget.org/streamvideo8/sailing-vs-35th-americas-cup-2017-live-stream-1845137.html folgt, bekommt man gratis eine super Liveübertragung kommentiert von Ken Read, der mehr davon verstehen dürfte als alle die hier schreiben, sorry Carsten ich glaube Dich inbegriffen, er macht halt nichts anderes.

    Wollt ihr wirklich wieder 10 Knoten treibenden Einrümpfern zusehen?

    Ich für meinen Teil finde es sehr spannend und es Können nach Round Robin 1 Frankreich, England, Schweden und Japan ausscheiden, das hätte vor einer Woche keiner für möglich gehalten.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 18 Daumen runter 4

    • avatar bowman sagt:

      Ken Read macht nichts anderes? Er ist VP Sailmaking by North, das ist sein Hauptjob, und ab und zu skippert er Comanche. Seine Weltklasse in allen Ehren, aber Experte für Multihulls und Foilen? Woher?

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 4 Daumen runter 6

      • avatar Carsten Kemmling sagt:

        ich denke auch, das Ken der Beste ist. Er hat schon 2013 den Cup co-kommentiert, für Puma zweimal das Volvo geskippert, zweimal für Dennis im Cup gesteuert, war einer der besten Match Racer, ist bestens vernetzt und einfach ein klasse Typ.

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 1

  5. avatar Ingo Günthersen sagt:

    Ich vermisse die Spinnaker beim AC.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 4

    • avatar jorgo sagt:

      @Ingo: Bringt nix auf diesen Booten …. sonst hätten sie welche!
      Ist ja auch logisch: Ein Spi kann nur bremsen bei einem Speed von dreifacher Windgeschwindigkeit.
      Die Rennen sind teilweise an Spannung nicht zu überbieten… was will man mehr?

      Die Schiedsrichterentscheidung war wohl falsch … ist aber auch nachvollziehbar.
      An dieser Stelle die richtige Entscheidung zu treffen ist nicht einfach.
      Man denke nur an die Folgen wenn NZ im letzten Moment noch einen “Push” bekommen hätte.
      So knapp zu segeln mit diesen Foilern ist schon ein sehr hohes Risiko. Von Aussen sieht es einfacher aus….

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 3

      • avatar Carsten Kemmling sagt:

        Hut ab, dass der Schiri sagt, er habe falsch entschieden.
        Aber was heißt das für Burling, wenn es wieder zu so einem Fall kommt? Dann muss er in Zukunft noch länger auf Artemis zuhalten, um zu beweisen, dass der Cross nicht passt. Er wird sein Kollisionsverhinderungsmanöver – die Halse – also noch später ausführen. Es ist seine einzige Chance, das Rennen zu gewinnen. Sobald er halst, hat er verloren. Ob die Schiedsrichter das wirklich so wollen?

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 1

  6. avatar Rahn sagt:

    Ich begleite seit 2001 meine Töchter im Teeny 2 Jugendklasse und fahre heute noch mit.Das was die Kinder an den Bojen bringen,geht immer fair zu.Aber was der Peter Burling da abzog,ist Unfairer Sport.Schweden bekommt den Penalty für was ,nur weil der Neuseeländer mal zuckt.Der Schiri fällt drauf rein.Das war reine Unsportlich,kein Punkt für Neuseeland.Aber trotzdem meine Anerkennung an den Schiri.Aber nan hätte auch im nachhinein Schweden als Gewinner erklären sollen.

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *