America’s Cup: Neuseeländische Fahrrad-Grinder – James Spithill ist nicht überzeugt

Hoffnung für die Kiwis

Oracle-Team-USA-Skipper James Spithill ist nicht von den Kiwi-Radfahrern überzeugt. Aber die Herausforderer lassen durchblicken, dass viel mehr hinter den Bein-Grindern steckt als ein PR-Gag.

Die Neuseeländer sind stolz auf ihre America’s Cup Geschichte, die durch radikale Innovationen geprägt ist. Besonders 2013 hätte ihre Erfindung des Foilens fast zum nicht für möglich gehaltenen Sieg gegen das finanziell deutlich besser ausgestattete Oracle Team USA ausgereicht.

Wie die Kraftübertragung bei Land Rover BAR auf klassische Weise funktioniert:

Die Kiwis sind die Position des Underdogs gewohnt, auch wenn sie auf die Unwägbarkeiten der aktuellen Kampagne gerne verzichtet hätten. Die vermeintlichen Sieger der Herzen gerieten im eigenen Land nach der Niederlage 2013 schwer unter Druck und hatten große Probleme, überhaupt eine Herausforderung auf die Beine zu stellen.

Dazu kam die schwierige Beziehung zum Ellison Team. Seit dem Finale in San Francisco ist die Atmosphäre besonders zwischen den Teamchefs Russell Coutts und Grant Dalton vergiftet. Als der verdiente Skipper Dean Barker noch an die Luft gesetzt wurde und schließlich zu den Japanern wechselte, war der America’s Cup dem gemeinen Neuseeländer nur noch schwer zu vermitteln.

Neue Hoffnung

Aber die Segelnation aus Down Under hat seit einigen Tagen wieder Hoffnung, an alte Glanzeiten anknüpfen zu können. Sie basiert auf acht Fahrradsätteln, die auf dem nagelneuen AC50 montiert sind. Das Emirates Team New Zealand setzt wohl als einziges Team voll auf die Kraft der Beinmuskeln statt auf die üblichen Arm-Grinder.

Aus den Cockpits ragen die Fahrrad-Sättel. © www.photosport.co.nz

Schnell äußerten die Gegner Skepsis gegenüber diesem radikalen Design-Vorstoß. Ex Skipper Dean Barker sagt, dass man diese Option natürlich auch überlegt aber schließlich verworfen habe.

Nun kommentiert auch Cup Verteidiger James Spithill die Entwicklung. Der Royal Gazette in Bermuda sagt er: “Wir haben diese Möglichkeit schon früh genau untersucht, wie alle anderen auch, und es ist ein Kompromiss. Man generiert natürlich mehr Kraft mit den Beinen, aber ich glaube nicht, dass es kein entscheidender Faktor wird. Wir werden aber erst wissen, ob es eine gute Entscheidung war, wenn sie hier auf dem Great Sound segeln.”

Cupper per Flugzeug nach Bermuda

Die Neuseeländer wollen aber noch einen Monat in Auckland trainieren bevor sie ihren Cupper per Luftfracht nach Bermuda ausfliegen. Sie lassen nun durchblicken, dass sie ihre Fahrrad-Lösung als echten Coup verstehen und schon zwei Jahre an der Umsetzung basteln.

Das Kiwi-Segelteam bei der Arbeit. © © Hamish Hooper

Eine andere Möglichkeit, als diesen extremen Design-Weg zu gehen, haben sie auch nicht. Zu spät konnten sie die neue Kampagne mit Vollgas betreiben, zu wenig Geld war in der Kasse. Allein die Übernahme von Luna-Rossa-Know-How und Material nach dem Ausscheiden des italienischen Herausforderers inklusive ex Skipper Max Sirena, könnte Zeit und Geld gespart haben. Und die Entschädigungszahlungen nach Vertragsbruch mögen einen späten Entwicklungsboost ermöglichen.

Das Emirates Team New Zealand beschäftigt inzwischen 96 Mitarbeiter. Dazu gehören nur elf Segler inklusive der 49er Olympiasieger Peter Burling (Steuermann) und Blair Tuke (Trimmer). Sieben werden mit der Bezeichnung Grinder geführt. Das zeigt den Fokus, der auf die Kraft gelegt wird. Darunter befindet sich der Ruder-Olympiasieger 2012 Joseph Sullivan aber auch Laser Weltklasse-Segler Andy Maloney (WM. 3.) oder der Olympia 7. im Finn Josh Junior.

Vorbereitung im Geheimen

Sie alle bereiten sich seit zwei Jahren im Geheimen für den Einsatz auf dem Rad vor. Überwiegend trainierten sie die Beine per Ergometer in der Halle. Es gab aber auch 200 Kilometer-Ausfahrten auf der Neuseeländischen Nord-Insel. Für das Spezialwissen in dieser neuen Disziplin ist der Bahnrad Olympia-Dritte (Keirin 2012)  Simon van Velthooven (28) schon vor einem Jahr eingestellt worden.

Seine Werte auf dem Rad sind die Messlatte für die Grinder. Sailing Director und Skipper Glenn Ashby sagt,  dass sie beim Umbau ihrer Muskelmasse von der Arm auf die Bein-Belastung enorme Fortschritte gemacht haben. Reine Muskelmonster am Grinder, die in vergangenen Tagen bis zu 115 Kilogramm auf die Waage brachten, seinen entsprechend der neuen Regeln nicht mehr einsetzbar. Das Crewgewicht ist auf einen Durchschnitt von 87,5 Kilogramm beschränkt worden.

Der Chief Operating Officer Kevin Shoebridge berichtet, dass insbesondere die Aerodynamik-Untersuchungen eine große Rolle gespielt haben, bevor der Daumen hoch ging. Zahlreiche Test-Cockpits wurden gebaut, um im Windtunnel die beste Konfiguration zu finden.

Keine Zeit zum Kopieren

Nun ist man sich offenbar sicher, dass in der Kürze der Zeit niemand das Konzept kopieren kann. Die erste Segeleinheit sei schon sehr vielversprechend verlaufen, obwohl man die Räder noch nicht auf den AC45S Testboot habe installieren können. Schon die vierte Wende konnte durchfoilt werden.

Ob sich die gegnerischen Teams nun wirklich Sorgen machen, ist schwer abzuschätzen. Möglicherweise haben sie die Neuseeländer diesmal unterschätzt. Die Kraft-Bereitstellung ist aber auch nur ein Faktor für ein leistungsfähiges Gesamtpaket. Aber möglicherweise erwächst daraus eine bessere Manövrierbarkeit.

Land Rover BAR Steuermann Leigh McMillan hat gegenüber SR schon klar gemacht, dass es auch nach dem Beherrschen der Foil-Wende keine echten Wendeduelle geben wird. Der Fahrtverlust sei mit etwa drei Bootslängen noch verschmerzbar, aber fehlende Kraft der Grinder sei der limitierende Faktor. Vielleicht haben die Kiwis auf diesem Gebiet nun einen Vorteil.

Ob die Rad-Innovation ausreicht, den Cup zu gewinnen, muss sich zeigen. Auf jeden Fall hat die Diskussion um die Entwicklung schon jetzt etwas Würze in den 35. America’s Cup gebracht.

 

 

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Carsten Kemmling

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2 Kommentare zu „America’s Cup: Neuseeländische Fahrrad-Grinder – James Spithill ist nicht überzeugt“

  1. avatar Greg sagt:

    Down under is Australia 🇦🇺

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 9

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