America’s Cup: Neuseeland zieht in das Cup-Finale ein – souveräner Sieg gegen Artemis

Pfeifkonzert

Was das unheimliche Piepen in dukler Nacht bedeutet. Peter Burling und sein Team waren heute bei wenig Wind unschlagbar. Aber für Artemis soll die Niederlage nicht das Ende sein.

Bermuda pfeift aus dem letzten Loch, so scheint es. Unheimlich tönt es aus stockfinsterer Nacht. Eine Audio-Kulisse wie bei einem Hitchcock-Thriller. Dann kriechen auch noch Kröten auf die Straßen. Viele werden überfahren. Steht eine neue biblische Plage bevor?

Minichten. Zwei Froscharten blasen die Backen auf, wenn um diese Jahreszeit auf der subtropischen Insel die Temperaturen und Wasserstände in den Pfützen steigen. Die Piepmatze sind dicke Kröten, die den Weibchen hinterher pfeifen.

Verdiente Sieger: Emirates Team New Zealand. © ACEA 2017 / Photo Gilles Martin-Raget

Irgendwie passen die Töne zum Geschehen auf der abgelegenen Insel. Die Tiere sollen um die Jahrhundertwende mit einer Orchideenlieferung aus der Karibik eingeschleppt worde sein. Und seitdem fühlen sie sich sehr wohl.

Gläser zerspringen

So geht es auch den anderen Pfeifen in Bermuda. Wenn die Cupper an den Zuschauerbooten vorbei rasen, droht ihr hoher Kammerton die Champagner-Gläser zerspringen zu lassen. Aber die Teams fühlen sich wohl, das Segelrevier ist perfekt für ihre Zwecke und fünf von sechs Teams würden gerne wiederkommen.

Alles hängt davon ab, wie sich die Neuseeländer schlagen. Es sickert immer mehr durch, was sie vorhaben. So soll ihr Team finanziell längst nicht so schwach dastehen, wie immer angenommen. Am Steg erzählt man sich, dass nicht nur die Übernahme des Luna-Rossa-Materials den Start erleichtert hat, sondern auch eine 30 Millionen Finanzspritze vor Patrizio Bertelli, der das Budget auf deutlich über 100 Millionen Dollar hat anwachsen lassen.

Damit verbunden ist wohl aber auch die Verpflichtung, im Falle eines Sieges wieder zum Monohull zurückzukehren. Luna Rossa, Alinghi oder China wären dann wohl wieder dabei. Artemis und Land Rover BAR machen weiter. Noch mehr Interesse deutet sich an.

Superyachten und J-Class-Monster

Das alles steht heute zur Disposition. Wenn Artemis die Neuseeländer doch noch rauswerfen sollte, wäre der Spuk vorbei, und schon in zwei Jahren zieht der Tross wieder zu den pfeifenden Fröschen. Falls nicht, muss sich Ellisons Team selber um die Eliminierung kümmern.

Es lässt nichts unversucht. Schon früh am Morgen zieht es seine Kreise in der Bucht. Mit den trainierenden Superyachten und J-Class-Monster im Hintergrund, die in dieser Woche in das Geschehen eingreifen, testet Oracle neue Konfigurationen. Immer an der Seite: das japanische Softbank Team.

Ihr Pakt mit dem (Oracle-)Teufel beinhaltete die Klausel, dass sie für Vergleichsfahrten zur Verfügung stehen müssen. Die Japaner erfüllen ihren Job, aber großer Enthusiasmus bricht nicht aus, wenn der große Bruder zum Training antreten lässt.

Keinen Pfifferling auf Artemis setzen

Der Himmel ist verhangen und der Wind weht leicht, als sich das große Herausforderer-Finale zum Ende neigen soll. Bedingungen, bei denen die Experten keinen Pfifferling auf Artemis wetten.

Land Rover BAR Grinder David Carr, dessen Eloquenz ihn neben seiner Muskelmasse zur vielseitigen Allzweckwaffe macht, hält Schweden für chancenlos. Sie hatten ihre Chance am gestrigen Tag. Denn ihre Wahl der Foils passte zur Wettervorhersage, die Kiwis lagen dagegen falsch. Trotzdem gewannen sie. Und das sagt alles über ihre Vorteile aus.

Artemis kann nur gewinnen, wenn Outteridge auch den siebten Start in Folge klar gewinnt. Es kommt anders. Ein unerzwungener Frühstart des Australiers macht die Hoffnungen schnell zunichte. Dabei ist nicht klar, ob er seine Luvposition wieder in eine Führung hätte verwandeln können. Der höhere Speed beim Start deutet darauf hin.

Überraschung ist keine Überraschung

Aber das Zählen der besseren Starts ist ohnehin irrelevant. Sechsmal lag Outteridge am Leetor vor viermal hat er dennoch verloren. Wie soll er nun diesen Rückstand aufholen? Aber es folgt die große Überraschung, die bei dieser Regatta der fortlaufenden Überraschungen schon keine mehr sein kann. Artemis findet bei leichter werdendem Wind einige Windstriche und setzt kurz vor dem Luvtor zum Überholen an.

Burling verteidigt mit einem Luvmanöver und Outteridge lässt sich erwischen. Das ist so schwach wie der Frühstart im entscheidenden Moment. Burling scheint diesen finalen Druck-Tag deutlich besser zu verkrafte. Aber dann bleibt der Wind völlig aus und das Zeitlimit läuft aus.

Vertagung auf Morgen? Nein, die Teams müssen noch einmal ran. Und nun segelt Artemis den schlechtesten Start der Finalserie. Aber er kann sich trösten: Diesmal bei dem wenigen Wind hätte Schweden tatsächlich keine Chance gehabt, eine Vorsprung zu verteidigen. Im Durchschnitt sind die Kiwis genau drei Knoten schneller. Ein erschreckendes Ergebnis für Artemis. Game over!

Trotzdem hätten sie es schaffen können. Artemis hatte das langsamere Boot, und trotzdem wäre der Vorsprung in einigen Fällen besser zu verteidigen gewesen. Die Deckungswende gestern mit zu großem Abstand nach Luv war ein ungewohnter Fehler. Aber die passieren, wenn man langsamer ist.

Beim nächsten Mal soll das anders werden. Torbjörn Tornquist ist der Spaß an dieser Regatta nicht vergangen. Er will auch dabei sein, falls die Neuseeländer wieder zu Einrumpfern zurückkehren.

Höhepunkte der ersten beiden Renntage:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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