America’s Cup: Schließen TNZ und INEOS Herausforderer aus? – Amis drohen mit Gericht

Die neuen Bestimmer

Kaum ist der 36. America’s Cup beendet, droht Ärger für die nächsten Auflage. Team New Zealand und der neue Challenger of Record INEOS Team UK wollen erstmal ihr eigenes Ding machen. Die Konkurrenz ist erbost.

Emirates Team New Zealand weicht bei einem Duell dem Ineos Team UK vor dem Start in letzter Sekunde aus. © COR 36 | Studio Borlenghi

Nach dem Cup ist vor dem Cup. Insbesondere die speziellen Regeln des America’s Cups rund um die komplizierten Auslegungen der Stiftungsurkunde (Deed of Gift) seit 1851 erlauben es dem Sieger kaum, sich nur auf das Feiern zu konzentrieren. Denn der seit Jahrzehnten praktizierte Ablauf sieht vor, dass der erste Herausforderer auch Challenger of Record wird – also derjenige Club, der mit dem Verteidiger die Regeln für die nächste Auflage des America’s Cups festlegt.

Dabei ist “der erste” durchaus zeitlich und wörtlich zu sehen. Der Verteidiger muss entsprechend der Deed of Gift die Herausforderung annehmen, die ihn zuerst erreicht. Ungern arbeitet er aber mit jemandem zusammen, der nicht gleiche Vorstellungen teilt. Das kann zu größten Problemen führen.

Zum Beispiel 2010. Alinghi wollte mit dem extra für die neue America’s Cup Kampagne gegründeten Retortenverein Club Náutico Español de Vela (CNEV) und dem spanischen Team Desafío Español den nächsten Cup organisieren. Aber Larry Ellison, der mit BMW Oracle Racing für den Golden Gate Yacht Club (GGYC) um den Cup segeln wollte, fühlte sich  ausgebootet. Er ließ den Fall vor dem Supreme Court in New York prüfen, dem Gerichtsstand des America’s Cups, und wurde in seiner Ansicht bestätigt, dass der CNEV den Bestimmungen der Stiftungsurkunde „Deed of Gift“ bezüglich des Challenger of Record nicht genügte.

Der Alinghi-Kat im legendären Zweikampf mit dem Trimaran von BMW Oracle. © G.Martin-Raget

Alinghi musste den nächsten Herausforderer akzeptieren, der seine Bewerbung abgegeben hatte , den GGYC. Das Ergebnis: Die Streitparteien konnten sich auf kein Protokoll einigen und hielten in Valencia ein sogenanntes Deed-of-Gift-Match ab nach den Vorgaben der alten Stiftungsurkunde mit Booten der maximalen Größe von 90 Fuß, stundenlanger Renndauer und nur zwei Duellen – einer der absoluten Tiefpunkte der Cup-Historie.

Unterschrift im Moment des Zieleinlaufs

Damit sich also kein unliebsamer Herausforderer zuerst bei dem Verteidiger melden kann, hat sich die Praxis durchgesetzt, dass je ein Vertreter der beiden Vereine, die den nächsten Cup gestalten wollen, im Moment des Zieleinlaufs die Dokumente unterschreiben.

Im aktuellen Fall wurde die Challenger-Urkunde am 17. März an Bord der Yacht “Imagine 2” von Team New Zealand Principal Matteo de Nora unterzeichnet. Bertie Bicket, Vorsitzender der britischen Royal Yacht Squadron Racing, erledigte die Formalitäten zusammen mit Aaron Young, Kommodore des Royal New Zealand Yacht Clubs.

Damit bestätigen sich die Vermutungen, dass die Rolle des Challenger of Record von Luna Rossa zum INEOS Team UK wechselt. Im Verlauf der Regatta hatte es mehrfach mächtig geknirscht in der Beziehung zwischen den Italienern und Neuseeländern. Gegenseitig warf man sich zuletzt Unfairness vor.

Im Vergleich zu anderen Cup-Auflagen handelte es sich aber eher um Kleinigkeiten. Und die Kiwis hatten wohl auch kein Interesse an einer Eskalation. Schließlich haben sie ihren Sieg 2017 zu einem großen Teil Patrizio Bertelli zu verdanken, der sie auch wegen seines Ärgers über Larry Ellison massiv unterstützt hat.

Respekt unter den Seglern

Die Luna-Rossa-Segler glätteten im Verlauf des Finals die Wogen. Der Wettkampf war dann doch eher von gegenseitigem Respekt unter den Sportlern geprägt. Schließlich hat Bertelli über seine Firma Prada als Presenting Sponsor des 36. America’s Cups erstmals allen 150 Mitgliedern eines Siegerteams Medaillen überreichen lassen.

Nun aber ist die enge Zusammenarbeit mit dem Team New Zealand beendet. Teamchef Max Sirena kündigte zwar erstaunlich schnell nach dem Zieleinlauf an, dass sein Boss Bertelli noch einmal antreten wolle, aber seinen Platz an der Seite der Neuseeländer haben die Briten eingenommen.

Wie vorteilhaft diese Position sein kann, hat der 36. America’s Cup gezeigt. Weil die beiden Organisatoren eine völlig neue Klasse entwickelten, hatten sie deutlich früher Einblick in die neue Regel. Nie zeigte sich ein solcher Zeitvorsprung von fünf Monaten gegenüber den Herausforderern so deutlich im Bootsdesign.

Nachdem die ersten Eckdaten durch die Rechner gejagt wurden, spuckten sie noch Rümpfe  ohne die charakteristischen Buckel aus. Die platten Scow Designs von Amis und Briten waren weniger besonderen Überlegungen ihrer Designer als fehlender Zeit geschuldet. Beim Bau des zweiten Bootes wurden sich nicht mehr annähernd berücksichtigt.

Radikale Panzerkreuzer-Konstruktion

Die beiden Luna-Rossa-Boote dagegen wiesen kaum einen Unterschied in der Formgebung auf. Die Italiener waren sichtbar zufrieden mit ihren ersten Berechnungen. Sie änderten nur noch Kleinigkeiten. INEOS Team UK dagegen sah sich gezwungen die Designstrategie radikal zu verändern. Resultat war die Panzerkreuzer-Konstruktion mit dem eckigen Buckel unter dem Rumpf. Damit konnten sie anders als Luna Rossa kaum auf den Daten des ersten Baus aufbauen und verloren weitere Zeit.

Das INEOS Team UK hat nachträglich einen Wulst unter den Rumpf des ersten Bootes geklebt. © INEOS Team UK

Radikaler Wulst unter dem neuen britischen Cupper. © INEOS Team UK

Beim  37. America’s Cup wird krass wird dieser Vorteil des Verteidigers und Challenger of Records nicht sein. Denn beide Parteien haben schon deutlich gemacht, dass sie mit der AC75-Klasse weitermachen wollen. Alle vier Teams aus dem vergangenen Cup Zyklus können also ihr Know How verfeinern.

Allerdings wird es einige Anpassungen der Regeln geben müssen, wenn der nächste Cup zum viel beschworenen Erfolg werden soll mit möglichst vielen Teilnehmern. Potenziellen Herausforderern muss jede Menge Wissen zur Verfügung gestellt werden, damit sie an einen möglichen Erfolg glauben können. Das erfordert auch eine weitere Einschränkung des Entwicklungsspielraums etwa durch zusätzliche One Design Elemente. Aktuell ist die Foiler-Mechanik samt Armen vorgegeben, oder auch der Mast.

Kommt Alinghi?

Erst wenn solche entscheidenden Fragen geklärt sind, wird es sich zeigen, ob tatsächlich neue Teams wie etwa Alinghi melden. Ernesto Bertarelli soll der Favorit von Patrizio Bertelli gewesen sein, das Amt des Challenger of Records zu übernehmen, wenn er gewonnen hätte. Der Schweizer hat längst deutlich gemacht, dass ihn der Wettkampf mit den neuen Foilern sehr interessiert.

Wie es aber nun konkret weiter geht mit dem Cup, ist längst nicht klar. Team New Zealand und INEOS Team UK haben erst einmal potenzielle Herausforderer aufgeschreckt mit der Aussage, dass sie den 37. America’s Cup möglicherweise unter Ausschluss weiterer Teilnehmer abhalten wollen. Das Match würde dann schon im nächsten Jahr wohl vor Cowes in England stattfinden und den Zeitplan zur nächsten offenen Duell-Serie 2024 kaum verändern.

Aber das sehen die drei potenziellen Herausforderer offenbar anders. American Magic hat in seiner Stellungnahme schon unverhohlen mit einer Anrufung des Supreme Courts gedroht. In einem Statement des New York Yacht Clubs heißt es: Mit dem richtigen Zeitplan und den richtigen Wettkampfbedingungen sei ein Wettbewerb zu erwarten, der mit den Multi-Challenger-Regatten in Perth 1987, Auckland 2003 und Valencia 2007 zu vergleichen wäre. “Jeder dieser America’s-Cup-Zyklen zog zehn oder mehr Teams an, die um die alte Kanne kämpften…Es wäre nicht im Interesse des America’s Cup oder des Segelsports, diese Gelegenheit mit einem Zwei-Teams-Event zu vergeuden, um möglicherweise erneut vor dem Gericht des Staates New York zu landen.”

Drei Millionen von der Regierung

Doch insbesondere die Neuseeländer stehen unter Druck, ihren Sieg zu versilbern, um eine neue Kampagne bezahlen zu können. Der einzige Trumpf des Verteidigers ist das Recht, den Ausrichtungsort bestimmen zu können. Damit pokert Grant Dalton gerade und setzt damit insbesondere die Regierung in Auckland unter Druck, erneut Geld bereitzustellen. Umgerechnet drei Millionen Euro sollen vorm Kabinett zugesagt worden sein, um die Schlüsselfiguren des Teams trotz auslaufender Verträge bei der Stange zu halten. Aber das gilt nur, wenn der Cup tatsächlich erneut in Neuseeland ausgetragen wird.

Längst kursiert aber auch die Möglichkeit eines Matches in Dubai oder China. So weit muss man aber wohl nicht gehen. INEOS-Chef Ratcliffe hat selber genug Geld, um den Cup vor England Küste austragen lassen zu können.

Die Chancen, dass der America’s Cup in Neuseeland ausgesegelt wird beziffert der TNZ-Vorstand Stephen Tindall inzwischen mit nur noch 50 Prozent. Dem Sender 1 News sagt er: “Wir werden alles tun, was wir können, um die Regatta hier zu behalten, aber das sind schwierige Zeiten – werden unsere langjährigen Sponsoren noch verfügbar sein?…Wie kann man wissen, ob es klappt? Es hängt alles vom Geld ab.” Hauptsponsor Emirates etwa hat im ersten Halbjahr 2020 erstmals nach 30 Jahren 3,8 Milliarden Dollar Verlust gemacht.

Als Direktor des Teams sei er insbesondere dafür verantwortlich, zahlungsfähig zu bleiben. “Wenn das bedeutet, dass wir Dinge tun müssen, die wir lieber nicht tun würden, dann muss das vielleicht so sein.” In mancher Hinsicht sei es sogar besser, kein Geld von der Regierung zu bekommen. Damit spielt er auf den vermeintlichen Skandal im Vorfeld des Cups an, bei dem Grant Dalton in der heimischen Presse schwer unter Beschuss geraten war.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „America’s Cup: Schließen TNZ und INEOS Herausforderer aus? – Amis drohen mit Gericht“

  1. avatar Werner König sagt:

    Die neuseeländische Regierung sitzt in Wellington und nicht in Auckland !

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