America’s Cup: Spannung nach 2:2 – Die Entscheidungen fallen früh beim Start

Zu viel gewollt

Der America’s Cup bleibt auch nach dem zweiten Renntag in Auckland spannend. Luna Rossa demonstriert bei leichtem Wind seine Stärke. Aber die Kiwis schlagen zurück.

Jimmy Spithill sieht sich als Mentalitätsmonster. Der Luna-Rossa-Steuermann liebt diesen Status, den er sich 2013 nach einem der größten Sport-Comebacks erarbeitet hat. 1:8 lag er mit dem Oracle-Team gegen die Neuseeländer hinten und gab sein in der Segelwelt legendäres “imagine”-Statement ab. “Stellt euch vor, wenn diese Jungs jetzt noch verlieren sollten. Sie haben den Sieg doch schon fast in der Tasche.” Und tatsächlich drehte sich das Blatt noch.

So sieht ein gewonnener Start für Luna Rossa (r.) aus. Der Querabstand zum Leeboot reicht aus für spätere Dominanz im dritten Rennen. © ACE | Studio Borlenghi

Beim vierten Start ist hängt Luna Rossa näher am Leeboot und verliert. © ACE | Studio Borlenghi

Allerdings nicht, weil Spithill plötzlich besser segelte. Die US-Performance-Abteilung hatte einen besseren Trimm gefunden, mit dem der Kat auch am Wind flog. Seitdem hält sich die Legende, der 41-jährige Australier sei insbesondere beim Start besser als andere. Auch wenn sich das während seiner relativ kurzen Match-Race-Karriere mit Einheitsyachten zum Höhepunkt vor etwa 15 Jahren kaum belegen lässt. Er war gut, aber nie überlegen. Schon gar nicht bei den America’s Cup-Starts in San Francisco und später in Bermuda.

Spithill bei der Pressekonferenz. Schafft er es, in den Kopf des Gegners zu kommen? © ACE | Studio Borlenghi

Aber sein Selbstbewusstsein mag helfen. Und insbesondere vor der Kamera stellt Spithill gerne diese vermeintliche Stärke zur Schau. Süffisant arbeitete er sich schon nach dem ersten Renntag an den Medien ab, die seinem Team zuvor kaum eine Chance ausgerechnet haben.

Spithill will das Fallrückzieher-Tor

Aber das zur Schau gestellte breite Kreuz, hinter dem sich die im America’s Cup weniger erfahrene Luna-Rossa-Crew verstecken kann, ist vielleicht auch seine größte Schwäche. Denn Jimmy Spithill will nicht einfach nur gewinnen. Er will glänzen. Insbesondere beim Start.

Spithills Luvmanöver im ersten Rennen am Mittwoch. Er verpasste es, mit seiner blauen Elektronik-Zone die gelbe des Gegners zu erwischen und fiel danach weit zurück.

Das hat nach dem Harakiri-Luvmanöver am Mittwoch schon zu einer klaren Niederlage im ersten Rennen geführt. Und im vierten Rennen scheint er wieder zu viel zu wollen. Team New Zealand sieht verletzlich aus. 40 Sekunden vor dem Start rutscht das Heimteam von den Tragflächen. Bei Wind zwischen 8 und 9 Knoten ist das gefährlich bei diesen AC75. Kommen die Kiwis rechtzeitig wieder in Fahrt, bevor sie vom Gegner erwischt werden?

“Sie sind im Verdänger-Modus”, informiert Backbord-Steuermann Francesco Bruni seinen Partner Spithill, der auf der anderen Seite am Rad dreht. Der entscheidet: “Okay. Lass uns schnell fahren.” Aus der Luvposition stößt er herab. Wie ein Adler auf seine Beute. 30 Knoten Speed stehen 16 gegenüber. Spithill will den Hook – in Lee überlappen, den Gegner zum Luven zwingen, ihm jegliche Möglichkeit zum Beschleunigen nehmen, ihn regelrecht erlegen. Es wäre das Manöver zum Glänzen. Game Over für den Gegner in der ersten Minute. Spithill will das Fallrückzieher-Tor, nicht den Abstauber.

Den Gegner herunter gelockt?

Dabei könnte er auch geduldig sein. So wie im ersten Rennen. Als er in ähnlicher Situation eine starke Luvposition hält, beim Start genügend Abstand zum Leeboot hat und nach der ersten Wende ausreichend Druck ausübt, um den Gegner zum Wegwenden zu zwingen.

LNR lauert vor dem Start in der Luvposition…

…und stößt dann herab als TNZ in Verdrängerfahrt sehr langsam wird…

…Aber TNZ nimmt rechtzeitig wieder Fahrt auf…

…Und bleibt klar vor dem Gegner…

…beschleunigt auf 27 Knoten..

…und startet in einer engen Leeposition mit “sicherer Leestellung”, die Luna Rossa zu einer schnellen Wende zwingt.

Diesmal ist die Position zur rechten Startlinienbegrenzung zwar knapper und die Kiwis drohen, dort die Türe zu schließen, aber irgendwann müssen auch sie den Speed aufnehmen für den Start.

Ob sie den Heißsporn Spithill aus der starken Luvposition herunter locken? Bremsen sie absichtlich und täuschen vor, von den Foils gefallen zu sein? Bruni warnt noch: “Nicht zu tief, nicht zu tief – glaube ich.” Aber dann ist es schon zu spät.

Peter Burling gelingt es, rechtzeitig wieder den Flugmodus zu erreichen. Ob geplant, oder nicht, er wehrt den drohenden Hook lässig ab und der Querabstand verringert sich so sehr, dass er nun beim Start eine sichere Leestellung einnimmt. Luna Rossa wird in der Luv-Position durch die Abwinde beeinträchtigt und muss schnell wenden. Der kleine Rückstand reicht schon aus, um dieses Rennen zu verlieren.

Luna Rossa muss nach dem Start schnell wegwenden…

…scheint auf der rechten Seite vorne zu liegen…

…verliert aber klar den ersten Cross. TNZ legt wendet direkt vor den Bug und dominiert fortan das Rennen.

Kurs E lässt erneut keine Überholmanöver nach einem verlorenen Start zu. Zu konstant ist der Wind. Zu stark jeweils die Position des führenden Bootes. Schließlich können diese Foiler vor dem Wind aus der Verfolger-Position nicht mehrwie früher durch ihre Abwinde unter Spinnaker Druck nach vorne aufbauen. Angriffe erfolgen durch Wind-Unterschiede.

Unforced Error bei Luna Rossa

Wenn dann noch Unforced Errors wie bei Luna Rossa dazu kommen, als sich das Backbordfoil bei der dritten Halse nicht weit genug absenkt, ist das Rennen schnell gelaufen. Francesco Bruni rutscht das böse F-Wort aus dem Mund. Er gibt später zu, einen falschen Knopf gedrückt zu haben.

Aus einem Rückstand von nur 9 Sekunden am Luvtor werden plötzlich 34 Sekunden in Lee. Die folgende Kreuz ändert nichts daran. Im Verlauf des Rennens wächst der Rückstand auf 1:03 Minuten. Das mag den Italienern Sorgen machen. Denn plötzlich ist von einer vermeintlichen Unterlegenheit der Neuseeländer bei leichtem Wind nichts mehr zu sehen. Im Gegenteil: Als beide Boote frei sind, segeln die Kiwis davon. Allerdings liegt Luna Rossa nach dem Foil-Fehler auch so weit zurück, dass sie möglicherweise nicht mehr Vollgas geben.

“Bad luck, aber ein guter Tag”, sagt Spithill im Ziel. Insbesondere das erste Rennen kann ihm und den italienischen Fans große Hoffnung machen. Es bestätigt einmal mehr, wie sehr sich die Leistung der beiden Boote ähnelt. Der Start macht den Unterschied aus.

Burling lässt die Türe offen

Diesmal hält Spithill im Prestart seine Position in Luv. Im Austausch mit Partner Bruni wundert er sich schon: “Er kann nicht hoch zur Layline kommen, oder?” Bruni bestätigt: “Ja, wahrscheinlich kann er die Türe nicht schließen” – also so eng an der rechten Startbegrenzung starten, dass für Luna Rossa kein Platz mehr bleiben würde.

Was dann passieren kann, musste schon Ben Ainslie erfahren:

Luna Rossa schließt im Prada-Cup-Finale gegen Ainslie die Türe…

…und Ainslie (r.) bekommt den Penalty…

Tatsächlich machen die Neuseeländer die Türe zur rechten Starttonne weit auf. Sie ermöglichen dem Gegner einen freien Start mit ausreichend Abstand nach Lee und geraten schon nach der ersten Wende extrem unter Druck.

LNR hält die Position in Luv…

…nachdem die Entscheidung gefallen ist, dass der Gegner nicht mehr hoch genug steuern kann, um die “Türe” zwischen sich und der Starttonne zu schließen…

…Als TNZ für den Start beschleunigen muss, hält LNR den perfekten Querabstand…

…ohne Abwinde vom Leeboot…

…liegt auf den ersten Metern gleichauf…

…und muss erst ausweichen als TNZ die Zone zur Spielfeldgrenze erreicht…

…Dann erfolgt die perfekt positionierte Leewende…

…und eine solide Führung.

Die Position der Neuseeländer ist eigentlich noch nicht so dramatisch. Sie könnten sich mit einer schnellen Wende nach links wieder befreien. Aber dann passiert etwas Eigenartiges. Burling fällt ab direkt in den Windschatten der Italiener. Will er etwa mit höherem Speed in Lee durchrutschen? Keine Chance. Es geht wohl nur darum, Speed für die Wende aufzubauen, aber der Wegverlust ist dramatisch.

TNZ rutscht aus der Luvposition nach Lee in den Windschatten von LNR…

…verliert dramatisch…

…und wendet schließlich doch weg. Es ist der Big Point für LNR in diesem dritten Rennen.

Danach wird es noch einmal knapp, als Spithill beim nächsten Cross auf ein Deckungsmanöver verzichtet. Aber so spart er erst eine Wende und schließlich auch eine Halse beim ersten Vorwindkurs. Ob die Software an Bord die Kurse beider Boote so weit vorausberechnen kann, dass sie erkennt, wann die Boote an die Spiefeldbegrenzungen geraten?

Diese zwei fehlenden Manöver machen jedenfalls den Unterschied aus, der am ersten Leetor 13 Sekunden beträgt. Er wächst schließlich im Ziel bis auf 37 Sekunden.

Anderes Spiel auf Innenkursen

Der zweite Renntag bestätigt den geringen Leistungsunterschied zwischen den beiden Booten und die große Bedeutung des Starts. Nach wie vor ist bisher es zu keinem Überholmanöver auf dem Kurs gekommen.

Während aber die Neuseeländer erstaunt sein müssen, dass die Italiener bei bis zu 15 Knoten Wind gleichauf liegen, können sie sich nun aber auch darüber freuen, dass sie auch bei wenig Wind Rennen gewinnen. Das dürfte sie für das Wochenende sehr ermutigen, denn weiterhin ist eher leichter Wind angesagt.

Das Spiel könnte sich auch deutlich ändern, wenn die Rennen auf den Innenkursen ausgetragen werden. Das wäre auch heute möglich gewesen. Denn seit Mittag ist die Corona-Warnstufe in Auckland wieder auf Level 1 herabgesetzt. Deshalb wäre es für Wettfahrtleiter Iain Murray eigentlich nicht mehr notwendig gewesen, auf dem entfernten E-Kurs ohne Winddreher segeln zu lassen.

Bisher wurde auf dem E Kurs bei stabilem Wind gesegelt. Die Innenkurse versprechen mehr Überholspuren bei drehenderem Wind. © AC Media

Aber er hatte Angst, dass der Wind direkt vor Auckland unter das 6,5 Knoten-Limit gesackt wäre und die Rennen hätten verschoben werden müssen. Schließlich waren nur 2 bis 7 Knoten Wind aus Nordost angesagt.

Möglicherweise besteht für den dritten Renntag am Samstag eine Chance für einen Umzug auf die Innenbahnen. Dann würde die Aussicht auf spannendere Rennen erhöhen, die durch Windschwankungen beeinflusst werden. Bei den AC75 kann stärkerer Wind von einem Knoten zu höherem Speed bis zu drei Knoten führen. Und besonders vor dem Wind verändern sich die Winkel radikal.

Erstaunlich spannend ist der Wettkampf jetzt schon. Allerdings beschränkt sich der Nervenkitzel auf den Moment des Starts. Da geht noch was…

Der Zeitplan sieht vor, dass ab jetzt jeden Tag gesegelt wird. So lange bis ein Team zuerst sieben Rennen gewonnen hat. Somit ist es nach diesem 2:2 jetzt schon sicher, dass dieses Duell am Montag in die Verlängerung geht.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

4 Kommentare zu „America’s Cup: Spannung nach 2:2 – Die Entscheidungen fallen früh beim Start“

  1. avatar Fördepirat sagt:

    Nur weil der Spielstand spannend ist, bedeutet es nicht, dass das Spiel spannend ist. Das sollte man in der Überschrift deutlicher kenntlich machen. Der Cup ist eine reine Zeitverschwendung. Nachdem Start ist alles entschieden, so etwas spiegelt nicht den Segelsport wieder… Der Americas Cup is eine komplette Enttäuschung, das ist kein Segeln! Alle skipen sich nur durch die Highlights und schauen sich den Start und die Anschließende erste Wende an, danach weiß man wer gewinnt.

    Schade

  2. avatar Marc sagt:

    Ich glaube eher das die Kiwis ein bisschen Show machen. Sie segeln sehr passiv, hätten stellenweise problemlos vorher über die Startlinie luven können.

    Wenn es vermeintlich spannend ist und 12 Rennen gesegelt werden bringt das mehr Geld und Aufmerksamkeit als wenn nach 7 Rennen der AC beendet ist. Wenn sie ernst machen haben sie bisher immer gewonnen. Daher denke ich die ziehen das Spiel bis 4:4 oder 5:5 durch. Um dann nicht doch durch kleine Fehler Rennen zu verlieren wird es dann ernst und das volle Potenzial ausgeschöpft. Mein Tipp: 7:4 für ETNZ

  3. avatar herr zettpunkt sagt:

    Ähnlich ist es auch beim Formel 1 GP in Monaco. Wer das Qualifying gewinnt hat die besten Chancen das Rennen zu gewinnen.

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