America’s Cup: INEOS Team UK zieht vorerst ungeschlagen ins Finale des Prada Cups ein

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen

Die Briten beweisen erneut ihre Klasse und liefern sich ein umkämpftes Rennen mit den Italienern, die unbedingt den Sieg brauchen. Für die Zuschauer eine Wonne, denn das Match Race ist zurück im America’s Cup!

Das INEOS Team UK zieht direkt in das Finale des Prada Cups ein. © COR 36 | Studio Borlenghi

Nach der Kenterung der Amerikaner am vergangenen Wochenende und den großen Schäden am Boot, musste der Rennplan angepasst werden, da American Magic auf den Start an diesem Wochenende verzichten musste. Die geplanten Rennen am Freitag entfielen und für Samstag und Sonntag planten die Organisatoren jeweils noch ein Geisterrennen gegen die Amerikaner ein – das Reglement sieht dies vor.

In Vorberichterstattung der Übertragung war natürlich die Kenterung ein großes Thema. Skipper Terry Hutchinson schilderte in einem längeren Interview sehr offen, was passiert ist, und vor welchen Herausforderungen das Team steht, um das Boot wieder einsatzfähig zu machen. Unterstützt wurde das Interview durch bisher unveröffentlichtes Filmmaterial der Kenterung und der Begutachtung des Schadens. Die Transparenz, mit der das Team hier agiert, ist für den America’s Cup außergewöhnlich. Normalerweise kommen Details erst Monate oder gar Jahre nach dem Cup heraus. Nach dem Stecker der Neuseeländer beim letzten Cup war dies noch anders. In einem Rückblick zeigte sich auch hier das Ausmaß der Schäden am Kiwi-Kat vor vier Jahren.

Hutchinson spricht auch einen brenzligen Moment kurz nach der Kenterung an. Er geriet im Wasser unter das Großsegel und wurde unter Wasser gedrückt. Er griff zwar sofort zu seinem Messer, konnte sich aber nicht befreien. Ein Crewmitglied half ihm schließlich, aus der tödlichen Falle zu entkommen. Dramatische Momente, in denen es nicht um Material ging. Momente, die wir in den Live-Aufnahmen nicht wahrgenommen haben.

Unfallanalyse durch Ken Read und Nathan Outerridge

Auf das Interview folgte eine sehenswerte Analyse des Unfalls durch Ken Read und Nathan Outterridge, die einige Schlüsselszenen definierten. Die größte Frage war, ob die Amerikaner wirklich um die Tonne hätten wenden müssen. Aufgrund eines Winddrehers nach Links entschlossen sich die Amerikaner um die linke Tonne zu wenden und dann direkt abzufallen, um auf dem Vorwindkurs den Vorsprung sicher ins Ziel zu fahren. Vor dem Manöver sagte Flight Controller Andrew Campbell, der auf der Luvseite saß und freie Sicht auf die rechte Seite des Gates hatte, dass die rechte Tonne etwa 100 Meter näher am Ziel liege. Die Vorteile auf der linken Seite machten den Unterschied in der Strecke aber wett, sodass die Amerikaner weiter auf die linke Tonne zurasten. In diesem Moment bemerkte Großsegeltrimmer Paul Goodison, dass er in der Bö über das Großsegel kaum Druck rausnehmen konnte, da die Fock zu dicht gefahren wurde. Goodison wurde klar, dass es schwer werden würde, nach der Wende in der Bö abzufallen und warf jetzt – wenige Sekunden vor dem Manöver – ein, dass es besser wäre („smarter move“), nach rechts zu gehen und zu halsen. Steuermann Dean Barker drehte sich sogar um, will sich vergewissern, dass er es richtig verstanden hat. Meint Goodison es ernst, jetzt nur ein paar Sekunden vor der Wende die Taktik zu ändern? Barker setzte weiter auf die linke Seite.

Das Leebackstag spielte zwar keine so große Rolle wie zuerst angenommen, dennoch verhinderte es, dass sich das Groß im Topp öffnen konnte.

Startverschiebung und Hydraulikprobleme

Der heutige Renntag sollte mit schwierigen Bedingungen starten. Der Wind wehte sehr unbeständig, drehte regelmäßig um bis zu 20 Grad und kleine Regenfronten wirbelten wieder alles durcheinander. Kaum hatte die Regattaleitung einen Kurs ausgelegt, drehte der Wind und alles ging von vorne los, um faire Bedingungen zu ermöglichen. Kurz vor dem Start zogen die Briten ihre „Verzögerungskarte“, da sie Probleme mit der Hydraulik des Cunningham hatten. Auf den AC75-Booten wird mithilfe des Cunninghams auch die Mastbiegung kontrolliert. Trotz der Startaufschiebung um 15 Minuten lief die Uhr gegen die Briten, die womöglich aufgrund der technischen Probleme am Rennen nicht teilnehmen konnten. Doch die Crew schafft es, das Problem zu beheben.

Match Race!

Auf den Schultern der Italiener lastet großer Druck. Sie müssen das erste Rennen gegen die Briten gewinnen, um noch eine theoretische Chance auf den direkten Einzug in das Finale des Prada Cups zu wahren. Sie müssen aggressiv segeln – aber Jimmy Spithill kann genau dies.
Der Start erfolgt dennoch beinahe unspektakulär, die Italiener fallen sogar kurzzeitig von den Foils, als sie zu viel anluven, um den Briten den Weg zu versperren. Doch sie fliegen schnell wieder, während die Briten sich in Luv zu positionieren. Beide Boote gehen zeitgleich über die Linie. Die Briten wenden zuerst, einige Meter vor der Begrenzung. Luna Rossa segelt zieht hingegen maximal bis an die Begrenzung. Jetzt beginnen taktische Spielchen, denn jetzt wird zu einem Cross auf der rechten Kursseite kommen. Und hier greifen die Italiener an, sie unterwenden die Briten, verlieren aber zu viel Speed und kleben jetzt direkt in Lee an INEOS. Spithill muss etwas unternehmen, um den Angriff zu retten, luvt hoch, um die Briten zu einem Fehler zu verleiten. Zeitgleich drückt er den Protestknopf, da die Briten ihm keinen Platz gegeben hätten. Und es funktioniert: Der Protest wird zwar abgewiesen, doch die Briten straucheln, fahren einen Schlenker, verlieren Speed, möchten wegwenden und fallen in der Wende von den Foils. Normalerweise eine Vorentscheidung.

Die Italiener kämpfen bis zum Schluss © COR 36 | Studio Borlenghi

Die Briten kommen schnell wieder hoch, haben etwas besseren Wind auf der rechten Seite und schaffen es am Gate, die Innenposition an der linken Marke zu erobern. Auf der Vorwindstrecke können die Briten den Vorsprung von zwei auf neun Sekunden ausbauen. Die Italiener wählen am Leegate den Split und haben den richtigen Riecher, denn beim ersten Cross haben sie die Nase vorn, wenden auf die Briten und zwingen sie in die Wende. Am Luvgate liegt Luna Rossa schließlich 19 Sekunden vor INEOS Team UK, das auf die linke Seite des Kurses wechselt.

INEOS-Taktiker Giles Scott beweist den richtigen Riecher und die Briten profitieren von einem leichten Winddreher nach rechts, sodass die Briten den Schenkel länger ausfahren können als die Italiener auf der rechten Seite, die früher halsen müssen. Zwar erreicht Luna Rossa zuerst das Leegate, aber der Vorsprung schmilzt auf zehn Sekunden.

In der zweiten Hälfte des Rennen runden die Italiener zuerst die Tonnen © COR 36 | Studio Borlenghi

Erstaunlicherweise nehmen beide Boote, die rechte Tonne. Doch Ainslie wendet direkt hinter der Tonne nach links und bringt die Italiener so leicht aus dem Konzept, die nach einigen Moment aber mitwenden, um die Briten zu decken. Auf der linken Seite kommt es dann zu einer Schlüsselszene des Rennens. Ben Ainslie und seine Crew wenden wieder weit vor der Kursbegrenzung. Anstatt zu unterwenden, segeln die Italiener aber bis zur Begrenzung und lassen die Briten ziehen. Die Briten übernehmen wieder die Führung, liegen am Gate eine Sekunde voraus. Luna Rossa muss jetzt angreifen und sucht den Split.

Letzter Angriff: Luna Rossa möchte mit Wegerecht ein Dial-Down-Manöver erzwingen © COR 36 | Studio Borlenghi

Im ersten Cross ziehen die Briten mit Wegerecht dann bereits deutlich vor den Italienern durch. Im nächsten Cross wird Luna Rossa Wegerecht haben. Die letzte Chance für die Italiener doch noch das Rennen zu gewinnen. Die Briten können nach der Halse das Ziel anliegen lassen, die Italiener rauschen mit Wegerecht heran. Doch es reicht nicht. Spithill fällt ab, probiert den Dial-Down, aber die Briten haben zu viel Vorsprung. Spithill drückt zwar noch den Protestknopf, aber die Schiedsrichter haben einen eindeutigen Cross der Briten erkannt – keine Strafe für die Briten, die jetzt ins Ziel segeln. Ungeschlagen stehen sie nun im Finale des Prada Cups.

Ausblick

Die Briten können jetzt etwas verschnaufen, denn sie müssen theoretisch erst in drei Wochen im Finale des Prada Cups wieder auf die Regattastrecke. Doch das Rennen morgen werden sie wahrscheinlich für die Rennpraxis noch mitnehmen – sofern der Wind mitspielt. Ainslie zeigte sich noch unentschlossen. Am nächsten Wochenende fällt dann zwischen Luna Rossa und American Magic die Entscheidung, wer INEOS ins Finale folgen wird. Vorausgesetzt die Amerikaner schaffen bis dahin die Reparatur. 

Erfreulicherweise konnten sich die Rennen seit Dezember deutlich steigern. Die Matches sind wesentlich enger geworden und taktische Spielchen nehmen einen höheren Stellenwert ein. Auf den Booten ist nicht mehr allein ein gutes Bootshandling und Speedpotenzial gefragt, sondern auch Match-Race-Qualitäten. Und hier liegen die Vorteile wahrscheinlich eher bei den Herausforderern als bei den Verteidigern aus Neuseeland. 

Ein Kommentar „America’s Cup: INEOS Team UK zieht vorerst ungeschlagen ins Finale des Prada Cups ein“

  1. avatar Kwasi sagt:

    War echt ein super Rennen.
    Leider findet die “freiwillige” Wettfahrt heute Nacht laut AC Webseite nicht statt.

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