Anders leben: ZDF-Reportage – Achtköpfige Familie lebt den Traum, sechs Jahre auf See

"Das Boot lebt"

Sechs Jahre lang lebte die achtköpfige Familie um Michael Berndonner (54) und Corina Lundfers (41) an Bord. Die Vision: den Kindern zeigen, dass man auch anders leben kann. Dann meuterte die Älteste. TV-Tipp.

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Die Sehnsucht nach Weite und Freiheit zieht die Familie 2013 aufs Meer. Dafür geben sie alles auf. Haus, Arbeit, Freunde. 300 Quadratmeter in der Schweiz im Tausch für 30 Quadratmeter auf dem Meer. Knapp zwei Quadratmeter Privatraum für jeden – das kann schon mal eng werden. Und doch sind sie glücklicher als je zuvor.

Michael und Corina sehen sich als Freigeister. Sie lassen sich nicht vorschreiben, wie sie ihr Leben zu leben haben. Und diese Einstellung geben sie an ihre Kinder weiter. Die ursprüngliche Idee: den Sprösslingen zeigen, dass es auch anders geht und es Alternativen zur “konsum- und leistungsdominierten Lebensart der westlichen Welt” gibt.

Michael und Corinas segelnde Familie.

Mit der Zeit wird die Familie ein eingespieltes Team an Bord der “Pinut”, einer 44 Jahre alten, 12 Meter langen 20 Tonnen Stahlyacht vom Typ Suncoast 42. Mit der nötigen Improvisation ist trotz des geringen Platzes Vieles machbar. Über das ausgefeilte Weihnachtsmenü aus der Mini-Küche soll sich niemand beschwert haben.

Die Familie lebt bescheiden und benötigt nicht viel. Michael geht in seinen neuen Rollen als Skipper und Lehrer auf. “Ich könnte mir das nie vorstellen, dass ich als Angestellter irgendwo arbeite. Mich in ein Schema einfügen, mit fünf Wochen Urlaub pro Jahr – so könnte ich nicht leben.”

Ganz ohne Arbeit geht es aber trotzdem nicht. Der ehemalige Dirigent verdient nun sein Geld als Dozent für Rhetorik an Hochschulen in der Schweiz. Zweimal im Jahr fliegt er  zurück in die Heimat. Corina arbeitet als Autorin und hat schon einige Bücher veröffentlicht. Dabei schaffen sie es, ihre Freiheit und Selbstständigkeit zu bewahren.

Das Leben auf dem Meer macht klassischen Schulunterricht für die Kinder undenkbar. Das kommt Corina ganz recht, ist sie doch sehr unzufrieden mit dem starren Schulystem in der Schweiz. Die Eltern nehmen die Rolle der Lehrer ein. Ihr Unterricht findet individuell für jedes Kind statt und orientiert sich an deren Stärken. Neben der Schule des Lebens stehen Mathe, Fremdsprachen und diverse andere Fächer auf dem Plan.

Neue Sehnsüchte führen zum Umbruch

Die Kinder kennen fast nur das Leben an Bord. Das jüngste Crewmitglied ist auf dem Schiff zur Welt gekommen. Geht es nach den Eltern, würden sie das Boot nie wieder verlassen. Doch die Gemeinschaft besteht aus acht Mitgliedern und die oft nur sporadischen Freundschaften und wenigen sozialen Kontakte, die die Kinder schließen, rufen neue Sehnsüchte auf den Plan.

Nach sechs Jahre auf dem Schiff wird es der ältesten Tochter Saskia (16) zu viel. Sie wünscht sich ein normales Leben mit Schule, Haus und Freunden. Aber eine Familie kann man nicht so einfach verlassen.

Vor Beginn der Reise legten alle zusammen fest, dass die wichtigen Entschlüsse als Kompromiss oder im Konsens beschlossen werden. Die klare Regel: wenn ein Mitglied der Familie unglücklich ist, muss reagiert werden. Und so entscheidet der Familienrat zu Saskias Gunsten.

Nach der Rückkehr in die ehemalige Schweizer Heimat steht schnell fest, dass die Familie an diesem Ort nicht wieder leben möchte. Der Bruch mit der Vergangenheit ist auch finanziell bedingt. Für Michael und Corina steht ihre Freiheit über dem Wohlstand und die Aussicht, diese durch einen Job zu verlieren kommt nicht in Frage. Die Großfamilie beschließt daraufhin in Georgien sesshaft zu werden. Der Skipper pflegt dorthin ältere berufliche Kontakte.

“Es war nie mein Wunsch wieder sesshaft zu werden”

Er bekommt einen Job bei einem Tourismusunternehmen. Vor kurzem war das für ihn noch unvorstellbar. Das Leben an Land findet er inzwischen einfacher. Die heranwachsenden Kinder brauchen immer mehr Freiräume. Auf dem Boot sind sie nicht zu schaffen.

Die Töchter Ursina und Saskia gehen auf eine deutsche Schule, während die anderen Kinder weiter zuhause unterrichtet werden. Der Privatunterricht der Eltern trägt Früchte. Die beiden Mädchen in der Schule finden schnell Anschluss.

Während die Kinder, allen voran Saskia, sich gut in ihre neue Heimat einleben, quält Mutter Corina die Sehnsucht. Die weißen Wände, der kalte Fußboden, die Gartenmauern um das Haus – sie ist unglücklich. “Es war nie mein Wunsch wieder sesshaft zu werden.”

Die Corona-Pandemie trifft die Freiheitsverwöhnten besonders hart. Teilweise macht sich  Verzweiflung breit. Die Trennung von ihrem Boot auf unbestimmte Zeit ist schwierig. Aber auch die Krisenstimmung in der Tourismusbranche, die Michael hart trifft.

“Das Boot lebt”

Sobald die Grenzen wieder öffnen, reist die Familie nach Portugal zurück zu ihrem Schiff. Das Jahr der Trennung ist dem Zweimaster nicht gut bekommen. Die Farbe blättert ab, Rost hat sich gebildet. Besonderes Corina setzt nun alles daran, ihrem Liebling wieder zu altem Glanz zu verhelfen. Er soll wieder startklar werden.

Sanierung der “Pinut”.

Sie ist sichtlich berührt von dem Wiedersehen. “An dem Boot hängt alles von mir dran. Da hängt mein Herz dran, die ganzen Erinnerungen.” Corina hat ihr Herz an die Yacht verloren. “Das Boot lebt.” “Pinut” ist Teil der Familie geworden und nicht mehr wegzudenken. Die lange Trennung hat das nur deutlicher werden lassen.

Die alte Sehnsucht nach Schiff, Weite und Meer, sie ist wieder entfacht. Und das schneller als Michael und Corina es für möglich gehalten haben. Ob sie sich aber ein zweites Mal lossegeln können, steht noch in den Sternen.

Ein Familienmitglied wird definitiv nicht mit dabei sein. Saskia. Sie fühlt sich wohl in ihrem neuen Umfeld, liebt die Schule und kann sich endlich beweisen. Auf dem Schiff ist das undenkbar. Sie bleibt in Georgien und lernt für das Abitur. Dennoch ist sie dankbar für die Erfahrung, die ihre Eltern ihr mit auf den Weg gegeben haben. “Meine Eltern haben mir gezeigt, dass es nicht unmöglich ist, seine Träume zu leben.”

PINUT Website

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