Arktis-Regatta: Vorstart-Phase für Boris und Co – Pressekonferenzen auf dem Bett

Ein Test, kein Rennen

Die Hochseeszene fiebert der ersten großen Regatta der Saison am Samstag entgegen. Nur wenige Teilnehmer wollen ans Limit gehen. Nichts als die Qualifikation für die Vendée Globe zählt. SR ist vor Ort.

VALSO schlägt Wellen. Zwar sind diese noch klein und eher eines Binnensees als des Atlantiks würdig, doch immerhin weckt das Rennen bereits reichlich Interesse bei den internationalen Sportmedien und bei den Hochsee-verrückten Franzosen im Besonderen. 

VALSO steht für Vendée-Arctique-Les Sables d’Olonnes – eine Regatta, die aus pandemischen Gründen als Ersatz für die ausgefallenen, Vendée Globe-Qualifier THE TRANSAT und New York-Les Sables  aus dem Boden, pardon: dem Atlantik gestampft wurde. 

Denn viele der gemeldeten Vendée-Globe-Teilnehmer hatten noch nicht alle Qualifikationen für das legendäre Einhand-Nonstop-Um-die-Welt-Rennen absolviert und rechneten voll und ganz mit einer Teilnahme und somit Qualifikation bei den o.g. Transatlantik-Regatten. 

Bald geht’s wieder los vor Les Sables d’Olonnes © imoca

Was man schon jetzt, drei Tage vor dem Start der Regatta unterstreichen muss: Die IMOCA-Klasse hat mit der Organisation von VALSO  ein kleines Meisterstück auf die Beine gestellt. Innerhalb kürzester Zeit eine 3.600 sm lange Hochseeregatta buchstäblich zu entwerfen und ins Leben zu rufen, ist per se schon bemerkenswert. Wenn dann allerdings auch noch COVID 19-Restriktionen hinzu kommen, wird die Durchführung eines solchen Rennens zum va-banque-Spiel.

Keine Boote in Les Sables d’Olonnes

So müssen die IMOCA-Skipper fünf Tage vor dem Rennen in ihren Heimathäfen in Quarantäne begeben. Kurz vor der Überführung der Boote zum Regattastart vor Les Sables d’Olonne werden sie und die Überführungscrew (zwei Personen) ein letztes Mal auf Corona getestet, damit auch wirklich jeder mögliche Corona-Ausbruch auf offener See auf den IMOCA vermieden wird. 

Auch Arkea-Paprec hat neue Foils bekommen. © arkea paprec

Zweite Besonderheit bei dieser Regatta sind die Pre-Start-Modalitäten. Obwohl mit Les Sables d’Olonnes der wohl imageträchtigste, französische Hafen (=Starthafen der Vendée Globe mit Millionen Besuchern) gewählt wurde, kann man genau dort keine IMOCA am berühmten Hochsee-Steg zu bewundern. Denn die Boote werden von ihren Heimathäfen aus in den 24 Stunden vor dem Start zur Linie vor Les Sables gesegelt – bloß keinen Kontakt mit fremden, möglicherweise infizierten Menschen! 

Auf den Geschmack gekommen?

Entsprechend sind auch die Pressekonferenzen – obligatorisch vor solchen Events – in den virtuellen Bereich verlegt worden. In kleine Gruppen aufgeteilt, stehen die IMOCA-Skipper einer meist 40 – 60 Personen starken Journalistengruppe Rede und Antwort.

Vor Corona undenkbar, kommen nun auch die Franzosen auf den Geschmack virtueller Konferenzen. Es wird sogar schon gemunkelt, dass so deutlich mehr Journalisten in die Rennen involviert werden können, als in den räumlich eher beschränkten PK-Sälen in Les Sables d’Olonnes oder anderswo. 

Pressekonferenz im Bett

Auch die Protagonisten der VALSO  scheinen sich mit diesem Kommunikations-Instrument angefreundet zu haben. Manche unter ihnen, die sonst als eher verschlossen bis mundfaul bekannt sind, reden plötzlich ellenlange Sätze in der vermeintlichen Anonymität der Video-Konferenz.

Andere „empfangen“ die Journalisten in ihrer Küche und bereiten sich bei ihren Antworten noch schnell einen Tee zu. Dritte wiederum plaudern direkt aus dem Bett – allerdings angezogen. Nur Miranda Merron zeigte sich zünftig auf ihrem IMOCA der Kamera. Das komme ihr einfach authentischer vor, bei einer Pressekonferenz vor dem Start einer Regatta, meinte sie nur schulterzuckend. 

Isabelle Joschke verliert jedenfalls nicht ihr großes Ziel aus den Augen: die Vendée Globe-Teilnahme! © Gladu

In La Base, dem weltberühmten Hochseeregattahafen von Lorient, ist die Stimmung derweil normal. Und genau das ist beunruhigend, denn „normal“ sollte eigentlich vor einem Event, das seine Teilnehmer von Les Sables um die Azoren und dann mal eben schnell in nördliche Hemisphären kurz vor Island und wieder zurück führen wird, normal sollte da nun wirklich gar nichts sein. 

Doch durch die Quarantäne der Skipper, durch das weitgehende Ausbleiben von Neugierigen auf den Stegen, herrscht so alles andere als die übliche Vor-Start-Stimmung mit viel Gedöns und Unterhaltung. 

Hinter den Kulissen geht dennoch „Radio Ponton“ (Gerüchte und superwichtige Informationen zum Thema Segeln) 24 Stunden lang auf Sendung. Das am meisten diskutierte Thema: Drei Tage vor dem Start ist die Richtung der zu segelnden Strecke noch nicht bekannt. Wird zunächst in Richtung Arktis gesegelt und danach der große Schlenker gen Azoren gemacht? Oder umgekehrt, wie zunächst vorgesehen?

Die Gründe für die eher zögerliche Bekanntgabe der Routenführung liegen logischerweise beim Wetter: Einige Tiefs, die sich langsam aber sicher heranschleichen, könnten den Teilnehmern schwer zu schaffen machen – es ist von möglichen 45 Knoten-Böen die Rede. 

Tiefs, die nicht umfahren werden können

Womit wir auch schon bei zweiten, durchaus kontrovers diskutierten Thema wären: Die Befindlichkeiten der Skipper im Umgang mit einem Event, das sie einerseits für das Ziel ihrer Kampagne, nämlich die Vendée Globe, qualifizieren soll. Und ihre Boote andrerseits  hohen Materialrisiken aussetzt. Denn jetzt schon gilt als sicher, dass es nördlich von Irland ziemlich ungemütlich werden kann, und man dort Tiefs begegnet, die nicht mal eben schnell umfahren werden können. 

Wie rum denn nun? Erst Azoren oder erst in den Norden? © IMOCA

Kein Wunder, dass Fragen in diesem Zusammenhang zu den am häufigsten gestellten zählen, wenn sich Journalisten und Segler virtuell treffen. Dabei ist interessant, wie unterschiedlich die Herangehensweise der einzelnen Protagonisten an dieses Thema ist. Besonders auffällig: die Segler reden nur selten von Regatta oder Rennen, sondern nutzen am häufigsten den Begriff „Test“. Test für das Boot, Test für den Segler und die Seglerin, Test für das Zusammenspiel in der Symbiose Boot-Mensch.

45 Knoten? Willkommen!

So stellt Charlie Dalin (Apivia) als einer der Favoriten für die Vendée Globe klar, dass er VALSO als ultimative Belastungsprobe fürs Material sieht. „45-Knoten-Tiefs? Sind willkommen! Ich will wissen, wo die Grenzen meines Boots sind. Wenn ich im Winter durch den Southern Ocean rase, kann ich mir keine unentdeckten Bruchstellen leisten. Da muss alles passen, komme was wolle! Ich werde jedenfalls ein Maximum geben und von meinem Boot das gleiche verlangen!“

Ganz anders etwa Isabelle Joschke. Die als eher bedächtig (nicht zu verwechseln mit „vorsichtig“) bekannte Deutsch-Französin macht keinen Hehl daraus, dass sie keineswegs von Anfang an den Hebel auf den Tisch drücken will. „Das ist mein erstes Solo-Rennen seit langer Zeit auf dem Boot – da sollte man nichts überstürzen, bloß weil irgendeiner in Lee mit ein paar Knoten mehr davonzieht.“

Isabelles Prämisse für die VALSO ist klar: ich will mich durch ein Finish qualifizieren und ohne Bruch nach Hause kommen. Mein großes Ziel ist die Teilnahme bei der Vendée Globe – sonst nichts!“ 

Charlie Dahlin vor seiner neuen Apivia. © Apivia Voile

Das sieht auch Rookie Clarisse Cremer ähnlich. „Hey, ich war noch nie so weit oben im Norden. Das wird schon abenteuerlich genug. Ich werde in keinem Fall Boot und Frau unnötigen Risiken aussetzen und somit meine Vendée Globe-Teilnahme in Gefahr bringen. VALSO wird ein Test – mehr nicht!“ 

„Mit dem Bootsspeed zufrieden“

Der Deutsche Boris Herrmann, der auf seiner Sea Explorer / Malizia die Quarantäne ebenfalls in Lorient verbringt und von hier aus starten wird, reiht sich mit seiner Einschätzung für das kommende Rennen ungefähr zwischen den beiden Meinungsrichtungen ein.

Herrmann, dessen Boot kürzlich mit neuen Foils ausgestattet wurde, ist derzeit viel im Gespräch – nicht nur bei „Radio Ponton“. Die guten Bootsgeschwindigkeit bei einem Training vor Port La Foret mit mehreren IMOCA haben offenbar für Aufsehen gesorgt. Konkurrent Thomas Ruyant (Mitsegler auf Malizia während der TJV) sagte sogar, dass Boris’ Speed ziemlich beeindruckend sei. 

Bermude 1000 Race, Boris Herrmann, Samantha Davies

Boris Herrmann an Bord der Malizia © herrmann racing

Auch Herrmann selbst gibt sich zufrieden mit seinem Sprung auf ein anderes Level und sagt freimütig, dass er zum Beispiel an der Kreuz – ein bei der VALSO eher häufig zu segelnder Kurs – mehrere Knoten schneller geworden sei.

Boris Herrmann: „Ich will schon wissen, wo ich „stehe“ zwischen meinen Konkurrenten. Dennoch werde ich keine Risiken eingehen. Ich halte es aber auch mit den Kollegen, die der Meinung sind, dass man bei so einem Rennen bestens die Boote austesten kann. Später, bei der Vendée Globe, können im Southern Ocean durchaus mal 50 Knoten wehen. Und da wäre es doch ganz gut, wenn man ähnliche Bedingungen zuvor schon mal ausgetestet hat!“

Sein Boot sei derzeit richtig schnell, er müsse aber auch unglaublich viel lernen, unterstreicht Boris Herrmann. Oberste Priorität habe für ihn, das Boot heil zurück nach Les Sables d’Olonnes zu bringen. „Ich bin mit den neuen Foils erst sechs Tage gesegelt. Also kann VALSO eher ein Test, als ein Rennen für mich und mein Boot sein!“ 

Start VALSO: 4.Juli

Event Website VALSO

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Michael Kunst

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