Baltic 500: Die Doublehand-Langstrecke ist auch erster Test für Olympia-ambitionierte Teams

Zwei Duos mit Blick auf Marseille

Mit der Baltic 500 startet bundesweit die Regattasaison nach Corona. Die Doublehand-Langstrecke böte auch Gelegenheit für die Olympia-ambitionierten Athleten, sich schon mal in der künftigen Olympiadisziplin zu zeigen. Doch aus dem Kreis der Anwärter für 2024 sind nur zwei deutsche Crews am Start.

Nach der Premiere der IDM Offhore Doublehand im vergangenen Jahr zur Travemünder Woche rückt die Disziplin nun in den Fokus in Richtung Olympia 2024. Foto: segel-bilder.de

Lina Rixgens, die sich auf die Teilnahme am Minitransat 2021 vorbereitet, bildet mit ihrem Kollegen aus Europe-Zeiten und Doublehanded-Partner Sverre Reinke ein Team, und Yacht-Optimierer Max Gurgel geht mit der ehemaligen Laser-Seglerin Lena Weißkichel an den Start.

2017 war Lina Rixgens die erste deutsche Seglerin, die das Minitransat erfolgreich beendete, im kommenden Jahr will sie auf ihrem neuen Mini, einem Wevo 6.5, ein weiteres Mal im Rennmodus über den Atlantik. Dafür hat sie im vergangenen Jahr zur Travemünder ihre „Whomper“ getauft und ist gleich bei der Premiere einer Deutschen Meisterschaft im Offshore Doublehanded gemeinsam mit Sverre Reinke an den Start gegangen. Doch der Mini brauchte damals noch einiges an Arbeit, inzwischen hat sie rund 1000 Meilen geloggt und freut sich auf einen Regattastart an Himmelfahrt: „Mit Sverre bin ich sehr gut eingespielt, und die Baltic 500 ist ein gutes Alternativprogramm zu den Regatten in Frankreich, die ich eigentlich zu dieser Zeit geplant hatte.“

Die “Whomper” von Lina Rixgens wurde zur TW 2019 getauft und ist nun bestens präpariert für die Baltic 500. Foto: segel-bilder.de

Der Höhepunkt in 2020 hätte im Sommer das Azoren-Rennen sein sollen. Nach der Absage geht der Blick nun auf ein alternatives Etappen-Rennen in der Biskaya im August, und 2021 würde Lina Rixgens dann die Vorbereitungsregatten in Frankreich für das Minitransat segeln. „Noch bin ich nicht für das Rennen 2021 qualifiziert. Dafür muss ich noch 1500 Seemeilen bei Regatten nachweisen. Nur den 1000-Seemeilen-Qualifier muss ich nicht noch einmal segeln.“ Der Fokus von Lina Rixgens, das wird aus ihrer Planung deutlich, liegt auf dem Minitransat. Dennoch kommt für sie auch Olympia 2024 in Marseille in der neuen Offshore-Disziplin in Frage: „Ich will nicht sagen, dass die Verschiebung der Spiele von Tokio mir in die Karten spielt, aber es ist sicherlich kein Nachteil. Denn eine echte Förderung wird wohl erst ab 2022 greifen, und damit ist eine Kombination von Minitransat und Olympia realistischer.“

Definitiv ist für 2024 zwar noch nichts, aber die Medizinerin, die inzwischen ihre Klinik-Grundausbildung absolviert hat und vorerst zugunsten des Segelns eine berufliche Pause einlegt, will olympische Ambitionen neben dem Mini-Segeln pflegen. „Sverre und ich wollen auch parallel mal die L30 probieren. Letztlich hängt Olympia von vielen Faktoren ab, die Bootsklasse, die dann olympisch wird, ist sicherlich nicht entscheidend. Für uns sind auch 30-Füßer denkbar.“

Zur IDM zur TW 2019 trat Max Gurgel auf einer Seascape 27 an. Foto: segel-bilder.de

Einen Mix aus Großboot- und Jollen-Athleten bieten Max Gurgel und Lena Weißkichel. Der studierte Physiker Gurgel hat sich seit 2003 einen Namen in der Match-Race- und Seesegel-Szene gemacht. Fünf deutsche Titel (einmal Matchrace und viermal ORC in verschiedenen Kampagnen) hat er bisher gewonnen, ist seit vier Jahren mit seiner Firma VMax Yachting aktiv, um diverse Yacht-Projekte zu optimieren. Lena Weißkichel war bis 2018 Bewohnerin des Kieler Sportinternats, segelte zunächst Laser, später 49erFX und kurzzeitig auch Nacra17. Zuletzt agierte sie auch als Mitarbeiterin von Segelreporter und führte Interviews mit den Stars der Szene.

Zur Baltic500 werden Gurgel/Weißkichel die L30 von Rasmus Töpsch aus Strande segeln. „Seit etwa drei Wochen sammeln wir gemeinsam Erfahrung, seit einer Woche können wir die L30 segeln und sind am vergangenen Wochenende die Strecke Kiel-Warnemünde und zurück gesegelt“, berichtet Max Gurgel von den ersten gemeinsamen Erfahrungen. Kennengelernt hat sich das Duo, als Gurgel die Nacras des iPunkt-Segelteams durchgemessen hat, bei dem Lena Weißkichel damals als Vorschoterin agierte. „Ich habe sie als sehr engagiert kennengelernt. Sie hat ein großes Wissen über Boote, hat auch mal kurz Physik studiert. Wir haben uns gleich gut verstanden.“ Und nicht nur die Charaktere funktionieren gut zusammen, auch seglerisch passt es. „Wenn man über vier Tage und Nächte segelt, dann braucht man jemanden, der das Boot im Halbschlaf schnell steuern kann. Lena hat das Gefühl. Gerade Downwind macht sich das Laser-Segeln bemerkbar, sie liest das Wellenbild perfekt, surft jede Welle ab. Da agiert sie auf einem ganz anderen Niveau als ich. Auf dem Am-Wind-Kurs ist es andersherum. Da muss sie noch mehr verinnerlichen, in den Böen konsequent Höhe zu ziehen.“ Auf dem Warnemünde-Törn durfte Lena Weißkichel zudem eine echte Grenzerfahrung machen, als sich die Yacht unter Gennaker für fünf Minuten flach auf das Wasser legte. „Das war schon extrem, aber sie fand es trotzdem gut“, so Gurgel.

Rasmus Töpsch (hier zur IDM zur TW 2019 selbst an Bord) stellt seine L30 “Sharifa” Max Gurgel und Lena Weißkichel zur Verfügung: Foto: segel-bilder.de

Für das Duo soll die Baltic 500 kein einmaliges Doublehand-Erlebnis bleiben. Vielmehr haben sie die WM im Oktober vor Malta ins Auge gefasst. „Als der DSV eine Ausscheidung für eine deutschen WM-Start ausgeschrieben hat, habe ich zwei Tage darüber nachgedacht. Dann war mir klar, dass ich mich ärgern würde, wenn ich es nicht versuchen würde“, so Gurgel. Durch Corona ist nun zwar viel in der Schwebe, die Ausscheidung im April wurde zunächst abgesagt. Im Juni könnte es aber nun losgehen. Dass vor diesem Hintergrund nur zwei deutsche Mixed-Teams mit Ambitionen zur Baltic 500 dabei sind, wundert auch Max Gurgel: „Das sagt schon etwas zur Motivation der bisher Interessierten aus. Aber wir hatten auch besonderes Glück, dass wir die L30 von Rasmus segeln können.“

Für Rixgens/Reinke und Gurgel/Weißkichel kann die Baltic 500 dennoch zum echten Gradmesser werden. Denn auch die Österreicher Christian Kargl/Lisa Yo Berger, die Europameister 2019 in der neuen Olympia-Disziplin, haben sich mit ihrem Mini auf den Weg nach Strande gemacht. „Ich bin überrascht, dass sie kommen, und freue mich. Denn so haben wir in der Mini-Klasse vier Starter und können uns echt messen“, sagt Lina Rixgens. Und auch Max Gurgel hofft, von den internationalen Startern profitieren zu können: „Ich freue mich darauf, sie zu treffen, zu schnacken und Erfahrungen auszutauschen.“

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

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