Baltic 500: TO-Vector-Mini siegt überragend in der Mini-Wertung – Oliver Tessloff im Gespräch

„Geht richtig ab!“

Baltic 500, Oliver Tessloff, Scow Bug, Minii

Oliver Tessloff und Maurice Oster höchst zufrieden hinter der Ziellinie © elodie fournot

Oliver Tessloff hat mit Maurice Oster stark das neue Ostsee-Zweihand-Rennen Baltic 500 mit dem polnischen Mini 6.50 vom Typ Vector gesegelt. Er spricht im SR-Interview über die Vorteile des Scow-Bugs und die heiße Rauschefahrt vorbei an Kopenhagen.

Die Line Honors bei der Baltic 500 Challenge gebührten der Class 40 „Red“, doch die eigentlichen Stars des 500 Seemeilen-Rennens durch die Ostsee waren der Plattbug-Serienmini „Mex“ des Trans Ocean Vereins, mit Rookie Maurice Oster (der 2. Skipper beim Trans Ocean -Mini-Transat-Projekt 2021 ist) und dem erfahrenen Transat-Ministen Oliver Tessloff an der Pinne. 

Einen Tag nach ihrem Sieg in der Mini-Klasse stand Oliver Tessloff SR Rede und Antwort: 

SR: Oliver, du bist im deutschsprachigen Raum der erste Mini-Segler mit Transat- und Langstreckenerfahrung, der den Vector-Mini während einer See-Regatta sozusagen auf „Herz und Nieren“ testen konnte. Wie war’s denn so? 

Oliver Tessloff: Ohne Übertreibung, es war klasse! Der Vector-Mini mit seinem Scow-Bug vermittelt ein nochmals gesteigertes Mini-Erlebnis. Natürlich hatte ich schon vorher von französischen Kollegen gehört, dass die Plattbug-Serien-Minis auf Reachkursen richtig abgehen, aber dass man so schnell unterwegs ist, das hätte ich dann doch nicht gedacht. Interessant ist übrigens dabei, dass sich das Thema Speed nicht nur in Spitzengeschwindigkeiten äußert. Viel wichtiger ist, dass man den Speed über einen verhältnismäßig langen Zeitraum halten kann. 

Baltic 500, Oliver Tessloff, Scow Bug, Minii

Kurz vor dem Ziel © elodie fournot

SR: Du sprichst hier den „natürlichen Feind“ aller Spitzbug-Minis an – die Welle? 

Oliver Tessloff: Richtig. Ab einer bestimmten Geschwindigkeit läuft man auf herkömmlichen Minis mit spitzem Bug immer Gefahr, einen „Dip“ zu fahren. D.h. man schneidet mit reichlich Fahrt in die Welle und überflutet das Deck meist vollständig. 

SR: Perfekt für Fotos, übrigens! 

Oliver Tessloff: Vielleicht, aber fürs Segeln ist das bekanntlich ein limitierender Faktor, weil man immer wieder abgebremst wird. Die Scow-Bug-Minis werden mit ihrem großen Volumen vorne und der gleich flach nach hinten verlaufenden Rumpfform über die meisten Wellen gehoben, und das Wasser kann unter dem Boot abfließen. Außerdem bleibt das Boot in fast allen Lagen sehr stabil – wir haben zum Beispiel auf den etwas windigeren Streckenabschnitten nicht einen einzigen Sonnenschuss erlebt. Das ist bei Minis eher unüblich. 

Zudem segelt man nicht nur schneller, sondern auch deutlich trockener. Was ich persönlich für den wichtigsten Faktor beim Scow-Bug-Serien-Mini erachte. 

SR: Ist das dein Ernst? Bei einem Hochsee-Flitzer wie dem Mini bezeichnest du „trockenes Segeln“ als besonders wichtig? 

Baltic 500, Oliver Tessloff, Scow Bug, Minii

“Die Dinger sind sehr stabil und kurstreu!” © elodie

Oliver Tessloff: Genau, das meine ich. Jeder, der etwa eine Pogo 3 oder andere „klassische Mini-Rumpfformen“ über längere Strecken segelte, weiß, wovon ich rede. Wenn man wochenlang auf Hoher See in der Dauerdusche sitzt, wenn alles, aber auch wirklich alles permanent tropfnass ist, dann freut man sich über jeden trockenen Flecken im Boot und auf der Haut. Ich weiß genau, wovon ich rede: Meine Transat auf der Pogo 3 spielte sich ausschließlich im Klatschnass-Modus ab. Das drückt auf die Stimmung!

Wenn man nun relativ trocken segelt, bedeutet dies, dass das Wasser besser unter dem Boot abläuft, der Bug eher von oben auf die Wellen trifft als sie zu durchschneiden. Weiterer Effekt: Wenn sich die Dip-Gefahr verringert, kann man länger mehr Segelfläche stehen lassen und ist somit über längere Strecken schneller. 

SR: Das hast du ja gemeinsam mit Maurice Oster auf dessen Trans Ocean-Vector bei der Baltic 500-Zweihand-Regatta bewiesen: 1. Mini im Ziel, zehntes Boot über der Linie – gratuliere. Magst du uns kurz davon berichten? 

Oliver Tessloff: In aller Kürze? Gleich nach dem Start hatten wir beim Gennakersetzen zwar einige Problemchen. Der Bugspriet zickte und wollte nicht ganz so, wie Maurice und ich, und ich dachte schon, dass wir jetzt gleich nach Hause segeln müssen  Aber nachdem wir das Problem gelöst hatten, war eigentlich nur noch pure Segelfreude angesagt.

Der NDR hat einen Bericht über das Baltic 500 Rennen beröffentlicht (für Video Link Bild klicken) © NDR

Wir glitschen bei 25 Knoten Wind und Reach-Bedingungen, mit einem Reff im Groß, gereffter Fock und Medium-Spi bei 16 Knoten SOG auf und davon. In den ersten Stunden hatte sogar die Class 40 „Red“ Mühe, uns einzuholen. Das war schon stark! Dann erlaubten wir uns allerdings einen taktischen Fehler und umfuhren die 1. Wendemarke vor Fehmarn in einem zu großen Bogen. Da rutschte dann „Red“  innen durch.

Später an Kopenhagen vorbei unter Code 5 – sehr cool! Und dann hatten wir noch das Glück, mit Wind aus dem Sund heraus zu kommen. Die nachfolgenden Boote mussten dort bei Flaute gegen den Strom ankämpfen. Später holte die Flotte hinter uns dann wieder etwas auf – ausgleichende Gerechtigkeit  – weil wir zur nächsten Marke eine „Banane“ segeln mussten, während die anderen Anlieger fuhren. Und der Rest: tolles Segeln, auch wenn der Wind zwischendurch mal deutlich nachließ. 

Baltic 500, Oliver Tessloff, Scow Bug, Minii

Oliver Tessloff mit ungewohntem Navigationsmittel: In der Mini Klasse sind Handys und somit Plotter verboten – Beim Baltic Race üblich © elodie fournot

SR: Die Baltic 500 Regatta hat also Potential? 

Oliver Tessloff: Unbedingt. 1. Finde ich es klasse, dass sich hier Leute gefunden haben, die unter nicht immer einfachen Bedingungen so eine für Ostsee-Verhältnisse doch relativ exotische Regatta ins Leben rufen. 2. Bin ich mir sicher, dass im nächsten Jahr deutlich mehr Zweihandcrews in Kiel am Start sein werden. Diese Art Regatta liegt einfach im Trend. Und hoffentlich wächst bis dahin auch bei den Zuschauern und Fans das Interesse. 

SR: Wie meinst Du das? Haben etwa keine Groupies am Steg gewartet? 

Oliver Tessloff: Ja, so ähnlich (lacht). Im Ernst: Man konnte schon sehen, wie unterschiedlich doch die Segel- und Seglerkulturen sind. Wenn man in Frankreich nach einer 500 Seemeilen langen Regatta als Sieger einer Kategorie ankommt – und zwar egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit – dann geht im Hafen die Post ab. Als wir hier am Steg anlegten erwartete uns – niemand! 

SR: Wie war die Zusammenarbeit mit Maurice, für den das ja nach seiner Wahl zum 2. Mini-Transat -Skipper 2021 für Trans Ocean eine Premiere war?

Oilver Tessloff: Maurice hat wirklich „was drauf”.  Er, sein Boot und ich, wir haben uns gut ergänzt: Ich habe viel über die Scows gelernt und Maurice erfuhr viel übers Minisegeln allgemein und Manöverabläufe.

SR: Oliver, deine nächste Regatta wird die Mini Fastnet auf Chris Lükermanns Pogo 3 sein. In zwei Wochen geht’s los – wird wohl wieder nass? 

Oliver Tessloff: Kommt aufs Wetter an, aber Pogo3 ist ja auch toll und macht vor allem mit Chris enormen Spaß. 

SR: Für Deine nächste Mini Transat-Kampagne 2021 wird’s aber wohl ein Scow-Bug werden?

Oliver: Mit hoher Wahrscheinlichkeit. Nicht zuletzt, weil das auch für potentielle Sponsoren meiner Kampagne ein spektakuläres und aufmerksamkeitsstarkes Aushängeschild ist. Aber natürlich auch, weil mit einem Scow-Bug meine Chancen auf einen Top-Ten-Platz deutlich steigen. 

SR: Oliver, merci für alle Informationen und toi toi toi für Deine nächste Transat-Kampagne. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

4 Kommentare zu „Baltic 500: TO-Vector-Mini siegt überragend in der Mini-Wertung – Oliver Tessloff im Gespräch“

  1. avatar Jan sagt:

    Geiles Format. Nächstes Jahr bin ich auch dabei!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

  2. avatar Dr. Prozac sagt:

    Jan Hamester? Hast Du vergessen Deine Medizin zu nehmen?

    Like or Dislike: Daumen hoch 0 Daumen runter 5

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