Banque-Pop-Kenterung: Probleme mit Anti-Kenter-System – Le Cleac’h flog schon mal über Bord

"Ich habe mich sicher gefühlt"

Zeigt die Kenterung von Armel Le Cleach’h mit seinem 100 Fußer-Tri, dass es die Foiler-Pioniere gerade zu weit treiben? Der Skipper gibt weitere Details preis. Wie groß ist der Schock?

Armel Le Cleac’h mit seinem neuen Spielzeug. © Banque Pop

Eine Woche nach der Kenterung, der wohl schnellsten Hochsee-“Yacht” der Welt “Banque Populaire IX” – der 100 Fußer ist mit der neuesten Foiling-Technik ausgerüstet – berichtet Skipper Armel Le Cléac’h französischen Medien über die Folgen des Unglücks.

Das Schiff befindet sich noch im Hafen von Casablanca, wohin es über Kopf ohne Rigg geschleppt wurde, und wartet auf einen Transport nach Lorient. Es sei nicht einfach, einen passenden Frachter zu finden der auch von der Versicherung akzeptiert wird. Le Cleac’h hofft, dass sein Schiff am Ende der Woche auf den Weg gebracht werden kann.

Den größten Schaden hat das Rigg erlitten. Zwar konnten einige Teile des 35 Meter langen Karbon-Flügelmastes gesichert und Beschläge können wieder benutzt werden, aber es führt kein Weg um den Bau eines neuen Profils herum. Die Dauer wird mit vier Monaten veranschlagt.

Elektronik-Schaden

Damit wird es knapp für den Start beim Jahreshöhepunkt Route du Rhum über den Atlantik. Aber Le Cleac’h sagt, dass er zu 99,9 Prozent am Start sein wird. Seine Leistungsfähigkeit im Wettbewerb gegen die ausgiebig getesteten Maxi Trimarane, wie Weltrekordler Macif, dürfte allerdings Schaden genommen haben. Eine weitere Kenterung darf sich das Team nicht leisten.

Die Schäden an den Rümpfen sollen sich in Grenzen halten. Diese grobe visuelle Einschätzung muss allerdings noch durch eingehende Untersuchungen bestätigt werden. Größere Probleme gibt es mit der Elektronik. Sie muss nach der Flutung des Innernaums erneuert werden. Außerdem hat der Kajüt-Bereich großen Schaden genommen. Dabei handele es sich allerdings um keinen strukturellen Bereich.

Banque Populaire reizt die Foiler-Technik mehr aus, als die anderen Ultime-Trimarane. © Banque Pop

Der französische Star-Skipper gibt seltene Einblicke in sein Innenleben. “Wir drei sind nicht körperlich verletzt worden, aber die Situation ist schon hart u ertragen. Es ist sehr frustrierend und mit großer Enttäuschung verbunden, wenn man das Schiff kopfüber schwimmen sieht. Es tut weh, die Schäden zu sehen, denn sie ist ein wunderschönes Boot, und das Team hat viel Arbeit hineingesteckt. Das macht mich sehr traurig.”

Keine Zweifel am Konzept

Die große Frage ist nun immer noch, wie der Überschlag genau zustande gekommen ist. Zuvor sei er im Einhand-Modus bei schwierigen Bedingungen bis zu 40 Knoten Wind gesegelt, berichtet Le Cleac’h. Dabei sei das Vertrauen in das Boot immer weiter gewachsen. “Ich habe mich sehr sicher gefühlt kurz bevor es passierte. Nun bin ich gespannt in Erwartung der Auswertung.”

Zweifel an dem Design-Konzept habe er nicht. “Ich will auf jeden Fall bei der Route du Rhum starten. Das Schiff muss so schnell wie möglich zurück ins Wasser. Wenn es morgen wäre, würde ich sofort wieder aufsteigen, denn es ist ein tolles Boot. Nun ist unser Programm natürlich etwas durcheinander geraten.”

Einen Vergleich mit seiner Kenterung auf dem ORMA-Trimaran Foncia 2005 lässt der Vendée-Globe-Sieger nicht zu. Die seien viel unsicherer gewesen. Bei jedem Manöver habe Gefahr gedroht. Das sei bei dem 100 Fußer überhaupt nicht der Fall. “Ihr kennt mich. Ich bin wirklich nicht als waghalsig bekannt. Wenn es Zweifel gäbe, würde ich sie aussprechen.”

Anti-Kenter-System hat nicht funktioniert

Le Cleac’h geht davon aus, dass sein Schiff mit dem modernen Anti-Kenter-System die Sicherheit deutlich erhöhen kann. Das sei noch nicht in seiner vollen Funktion eingebaut gewesen. “Allerdings konnte ich mit einer Vorrichtung über meinem Bett das Großsegel draußen lösen.  Das hat auch funktioniert, war aber wohl nicht ausreichend.” Es werde nun weiter daran gearbeitet. “Wir werden von dieser Kenterung viel für die Sicherheit lernen.” 

Auch das Abbergen vom Boot durch den Helikopter habe neue Erkenntnisse gebracht. Diese will das Team offen mit allen anderen Skippern der Ultime-Klasse und in der Öffentlichkeit teilen. Der Computer an Bord habe die Bedingungen genau aufgezeichnet, aber die Daten müssen erst einmal ausgewertet werden.

“Vielleicht gab es ja doch ein mechanisches Problem. Vielleicht ist ein Windinstrument ausgefallen und damit auch der Autopilot. Ich hatte ziemlich Angst, als sich das Boot hob, und das Adrenalin schoss in den Körper. Aber ich wusste, wo die Ausstiegsluke ist und die beiden Jungs waren auch in Ordnung. Das war schon alles ziemlich anders als bei meiner Foncia-Kenterung. Damals steuerte ich und flog über Bord. Ich musste zurück zum Schiff schwimmen.” 

 

 
 
 
 
 
 

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Carsten Kemmling

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6 Kommentare zu „Banque-Pop-Kenterung: Probleme mit Anti-Kenter-System – Le Cleac’h flog schon mal über Bord“

  1. avatar Jorgo sagt:

    Nicht sehr erhellender Bericht. Klingt mehr so als würde man sich selbst Mut zureden nach dem offensichtlich erlittenen erheblichem Schock.
    Die Foils sehen sehr nach “Voll-Foils” aus, will sagen darauf kann das Schiff komplett austauchen. Wie so etwas im atlantischen Wellenbild kontrolliert und vollautomatisch (wohlgemerkt) funktionieren soll erschliesst sich mir nicht. Aber vllt. ist mein Hirn auch nur einfach zu klein dafür …. .

    Physikalisch ist es doch wohl so, dass sich die Größenverhältnisse durchaus vergleichen lassen:
    Also zum Beispiel: Flying Phantom oder Nacra FCS in der Ostseewelle gegen Banque Populaire im Atlantikschwell.
    Da gibt es in beiden Fällen im Seegang grenzen, wo kontrolliertes Folien nicht mehr möglich ist und man schlicht und einfach “vom Gas” gehen muss – nur das im Atlantik die Wellen manchmal scheinbar “aus dem Nichts” auftauchen können.
    Ich v e r m u t e , es hatte hydrodynamische Gründe – also eher mit Welleneinwirkung als mit Windeinwirkung zu tun. Folglich ist es relativ egal ob man dann die Segel fiert es sei denn man tut es bereits v o r h e r .

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  2. avatar Christian sagt:

    Das Statement von Le Cleac’h ist erwartungsgemäß ziemlich nichtssagend. Bloß nichts rauslassen, wovon auch andere Teams profitieren könnten… Hoffentlich kommt da im Sicherheitsinteresse aller Tri-Segler noch Fundierteres.

    Jorgo, mir leuchtet (noch) nicht ganz ein, warum eine Leekenterung (und um eine solche handelt es sich nach allem, was bekannt ist) durch Abschmieren auf Foils geschehen kann. Überschlag über den Bug: Ja, auch bei Booten solcher Dimensionen. Aber eine Leekenterung setzt starke Krängung voraus, und die entsteht z.B. nicht durch seitlichen Versatz. Sondern durch Winddruck.

    Eine Luvkenterung wie bei foilenden Motten oder A-Cats ist auszuschließen, dazu sind die Tris viel zu breit mit entsprechender Formstabilität, und es hängt auch kein Gewicht in Luv.

    Nach allem was bis jetzt gesagt wurde und bekannt ist, konnte das Groß nicht rechtzeitig und ausreichend gefiert werden; Le Cleac’h bestätigt das ja im Grunde auch. Damit sind die mangelhaften Auslösesysteme für Großschot und Traveller das Problem und nicht in erster Linie das Foilen.

    Ingeneure, es gibt Arbeit für euch…

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    • avatar Jorgo sagt:

      Hi Cristian,
      ein foilender Multi kann das Luvbein auch im Foil Modus heben. Dazu muss der Rumpf nicht im Wasser sein.
      Bei den 4-point Foilern (was bei der Banque Pop nicht der Fall zu sein scheint), kann mitunter auch nur der Luvrumpf foilen während der z.B. Leerumpf im Floating-Modus fährt. Das könnte z.B. in dem betreffendem Unfall der Fall gewesen sein, wenn die Luv-Foils nicht hochgeholt sind bzw. versehentlich nach unten gekommen sind. Wie Du siehst gibt es da viele Möglichkeiten.
      Im ersten Fall, also das Schiff foilt und beschleunigt dabei so stark, dass der Wind-Druck den kritischen Moment überschreitet …. geht es plötzlich ganz schnell, denn das Leistungsgewicht (also Verhältnis Gewicht zu Segelfläche) ist ja den kleinen Folien sehr ähnlich.
      Wenn Du mal einen kleinen Foiler beobachtest, dann fällt auf das ständig sehr ruckartige Kursänderungen notwendig sind um den Segeldruck gleichmäßig zu halten und das Gefährt aufrecht zu segeln. Es ist mitunter so schnelle Action notwendig, die nur mit Schotarbeit nicht machbar ist, obwohl man z.B. auf dem A-Cat niemals auch nur ansatzweise eine Klemme benutzt und ständig nachführt (gibt Oberarme!).
      Ok, ich bin auch kein Ing. , aber meine Erfahrung lässt mich an diesem Ansatz zweifeln. Auf den Minis war es bisher auf offenem Wasser alleine auch nicht effektiv machbar …. und dort wurden bestimmt etliche professionelle Zeit investiert. Wie Du schon sagst: Es gibt viel zu tun. Vllt. geht es ja auch nicht (sicher)…

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  3. avatar August Schram sagt:

    Also ich muss ehrlich sagen, dass diese Form der Berichterstattung mir nicht gefällt. …dass es die Foiler-Pioniere gerade zu weit trieben? Wie groß sei der Schock? Kemmling kennt das Statement von Le Cleach’h doch schon, wozu also noch einmal diese meiner Meinung nach unnötig auf’s Emotionalisieren abzielenden Fragen im Untertitel? Wenn ich so was brauche, lese ich einen Stephen King-Roman oder die Bild. Schade dass diese Methode hier meiner Wahrnehmung nach mehr und mehr Einzug hält.
    Le Cleach’h’s Statement zeugt für mich von einem guten Umgang mit Fehlern, von der richtigen Fehlerkultur; analysieren, lernen, weitermachen, das Ziel nicht aus den Augen verlieren.

    An meinem ersten Skiff hab ich alles zerstört, was man zerstören kann und dabei die halbe Ostsee leergetrunken. Hätte ich auf nur einen der besserwisserischen Kommentare zu meinem Können an Land gehört, würde ich jetzt wahrscheinlich Briefmarken sammeln und nicht die schönste Sportart der Welt betreiben.

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    • avatar Christian sagt:

      August, hättest du dir die Kommentare bzw. Ratschläge angehört und die sinnvollen davon beherzigt, hättest du womöglich nur ein Viertel Ostsee leer getrunken… kein Wunder, dass die jetzt auch am umkippen ist.

      Spaß beiseite, das bewundernswerte Können von Le Cleach’h hat doch niemand in Frage gestellt. Es geht hier um die Biester (die modernen Tris) und wie sie zu zähmen sind.

      Nach meiner auch nicht gerade kleinen Kentererfahrung ist in sehr vielen Fällen das Großschotmanagement die Ursache fürs Kentern. Deswegen finde ich die Diskussion darüber spannend, auch wenn die Tris in vielem unvergleichlich sind. Mir hat man, als ich noch Anfänger war, z.B. mehrfach geraten, die Großschotklemme abzuschrauben, und als ich das endlich beherzigt habe, wurde es gleich viel besser. Seitdem bin ich auf der niemals endenden Suche nach Handschuhen mit mehr Grip 🙂

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  4. avatar Timo sagt:

    Ich finde es auffällig das bisher kein einziges Foto des gekenterten tris existiert. Vielleicht hat doch irgendetwas an der Struktur nachgegeben weil es überlastet oder nicht ausreichend dimensioniert war? Bei den letzten kenterungen/abbergungen egal ob Hugo Boss oder prince de bretagne gab es relativ schnell Fotos. Natürlich könnte es aber auch sein das man keine Geheimnisse des Boots veröffentlichen möchte und es deshalb nicht in diesem Zustand Fotografiert.

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