Brest Atlantiques: Rund-Atlantik-Regatta nur für Ultim-Trimarane – ein Rennen der Superlative?

Ultim(ativer) Kampf der Giganten

Sie soll der absolute Höhepunkt für Trimaran-Fans werden: Am 3. November startet Brest-Atlantiques mit nur vier Ultim-Tris. Kann das gutgehen?

Zuletzt war es rund um die Ultim Klasse etwas konfus geworden. Die bis zu 32 m langen und bis zu 23 Meter breiten Trimarane waren in internationalen Hochsee-Regattakreisen nicht nur als rasende Rekordbrecher bekannt geworden, sondern auch als buchstäblich ultimative Crash-Klasse. Zwar versammeln sich mittlerweile bei den Ultims mit die besten Hochseeskipper der Welt, doch sind auch deren Glücks-Konten bei Poseidon, Neptun und sonstigen Meeresgöttern irgendwann mal aufgebraucht. 

So unterscheidet die französische Hochsee-Regattaszene bei den Ultim-Trimaranen und ihren Skippern zwischen zwei Gebrauchsmodi: Die Jagd nach Rekorden (am liebsten einhand und ohne lästige Konkurrenz im Nacken) und der direkte Vergleich mit anderen, also im Rahmen einer Regatta.

Von einem Fabel-Rekord zum anderen

Beim Thema „Rekordjagd“ war man auf Ultim-Trimaranen bisher ausgesprochen erfolgreich. So lieferte 2016 zunächst Thomas Coville auf „Sodebo“ nach 49:03 Tagen einen faszinierenden Einhand-Nonstop-Weltumseglungsrekord ab. Der schon ein Jahr später von Francois Gabart mit „Macif“ auf 42:16 Tage verbessert wurde. Überhaupt zeigte der erst 34-jährige Gabart (Vendée Globe Sieger 2012), dass er mit den Giganten der Meere und speziell mit seiner „Macif“ hervorragend zurecht kommt. So stellte er u.a. auch einen Fabel-Rekord von 851 Seemeilen in 24 Stunden auf. Alleine auf seiner 30-Meter-Macif, wohlgemerkt. 

Andere Ultim-Segler waren in Sachen Einhand-Rekorde nicht ganz so erfolgreich. So wollte Yves le Blevec vor zwei Jahren auf „Actual“ solo und nonstop als erster Mensch mit einem Mehrrumpfer entgegen der vorherrschenden Wind- und Meeresströmungen um die Welt brettern. Kurz vor Kap Hoorn kenterte sein Trimaran, nachdem die Querstrebe zum Backbordschwimmer gebrochen war – aus der Traum von Ruhm und Ehr.

HighTech- oder Bruchboot?

Doch im Vergleich zu dem, was bei Regatten, an denen Ultim-Trimarane teilnahmen, folgen sollte, war Blevecs Malheur auf der sowieso schon ziemlich betagten „Actual“ innerhalb der Szene kaum der Rede wert.

Als erster Ultim-Bruchpilot krachte Thomas Coville mit seinem damals neuen und als teuerstes Hochsee-Regattaboot eingeschätzten Tri „Sodebo“ ein paar Stunden nach dem Start der Route du Rhum 2014 in ein Frachtschiff – Regatta abgebrochen, Schaden am Boot erheblich. 

Dann traf es Armel le Cleac’h, den Sieger der letzten Vendée Globe. Als der sich auf seiner nagelneuen, höchst spektakulären und innovativen, gerade mal ein paar Wochen jungen „Banque Populaire“ auf die Route du Rhum 2018 vorbereitete, kenterte er vor Marrokko. Dabei erlitt das Boot so schwere Schäden, dass eines der besten Shore-Teams der Welt ganze sechs Monate brauchte, um den Trimaran wieder „in Schuss“ zu bringen. Bei der Route du Rhum 2018 dann das totale Desaster: Auf  „BanquePop“ brach in schwerem Wetter offenbar ebenfalls eine Strebe – das 12-Millionen-Boot kenterte, Le Cleac’h wurde von einem Fischtrawler gerettet, das Boot von den Wellen des Atlantiks im besten Wortsinne zu Kleinholz geschlagen. 

Überhaupt, die Route du Rhum: Thomas Coville musste mit seiner „Sodebo“ aufgeben, nachdem „irgendwas gebrochen war“; Sebastien Josse verlor ein Drittel seines Steuerbord-Auslegers auf “Gitana” – nicht nach Kollision mit einem treibenden Gegenstand oder einem Wal, sondern durch Wellenschlag. 

Dafür gelang ausgerechnet Francis Joyon als ältestem Ultim-Skipper auf “Idec”, dem ältesten Trimaran der Flotte, die Sensation: Er siegte bei der Route du Rhum 2019, indem er kurz vor dem Ziel in der Karibik noch den in einer Flaute dümpelnden Francois Gabart einholte. 

Werden es die „Neuen“ richten?

Nach so vielen Desastern blieb den Ultim-Rennställen nichts anderes übrig, als sich die Wunden zu lecken. „Banque Populaire“ entschied trotz allen Unglücks einen Verbleib in der Klasse sowie die Treue zu Skipper Armel le Cleac’h und gab einen neuen Ultim Trimaran in Auftrag. 

„Sodebo“ stieß den alten, ohne Foils sowieso nicht mehr siegfähigen Ultim ab und ließ einen spektakulären, neuen Trimaran bauen, der im Frühling 2019 seine Jungfernfahrten absolvierte. Auf dem bisher einzigen Ultim-Trimaran, dessen Cockpit VOR dem Mast platziert ist, wird heftig trainiert und noch heftiger gebastelt: Schon nach den ersten Ausfahrten kumulierten sich so viele Schäden am Boot, dass man es wieder aus dem Wasser nehmen und in der Halle „refitten“ musste. 

„Actual“ kaufte die alte „Sodebo“, mit der Coville 2017 den Einhand-Weltrekord aufgestellt hatte, verpasste dem Trimaran eine aufwändige Restaurierung und Foils der neusten Generation. Im Mai wurde das Boot mit reichlich Verspätung zu Wasser gelassen – und gleich bei einer der allerersten Ausfahrten im Hafenbecken von La Trinité von einem Fischerboot gerammt. Zwei Monate später segelte der Tri dann wieder, es wurde aber „ein seltsames und verdächtiges Steuerverhalten auf einem Bug“ festgestellt.

Nur Francois Gabart fährt und fuhr auf seiner getreuen „Macif“ von größeren Desastern verschont munter durch die Saisons. Wenn auch nicht immer bis auf den I-Punkt erfolgreich. So schlug ihn ausgerechnet beim prestigeträchtigen Fastnet-Race, das übrigens alle vier teilnehmenden Ultim-Trimarane ohne größere Schäden und Kollisionen überstanden, das neue „Gitana“-Skipper-Duo Franck Cammas und Charles Caudrelier (beide sind Volvo Ocean Race-Sieger) kurz vor dem Ziel mit 56 Sekunden Abstand. Auf Gabarts Ultim klemmte ein Foil, der Gegner machte sechs Knoten mehr Fahrt und schon war’s geschehen. 

Letzte Chance fürs Image?

Angesichts all’ dieser kleinen und großen Katastrophen und Unwägbarkeiten, die in der Ultim-Klasse in den letzten Jahren, Monaten und Wochen ausgestanden wurden, ist es durchaus verständlich, dass die Organisatoren des Ultim-Rennens „Brest Atlantiques“ bis zuletzt „auf heißen Kohlen“ sitzen. 

Die Route © brest atlantiques

Die in Frankreich aufwändig promotete Regatta, die ausschließlich den riesigen Tris vorbehalten ist, wurde schon vor zwei Jahren mangels ausreichend startfähiger Ultim-Trimarane verschoben. Dieses Jahr soll sie nun am 3. November vor Brest starten: Von jeweils zwei Skippern, also im Zweihand-Modus gesteuert, dürfte die „Brest Atlantiques“ die schnellste, jemals im Atlantik gesegelte Regatta werden. 

Immerhin sind 80 Prozent der derzeit regattafähigen Ultim-Flotte am Start. Was sich in absoluten Zahlen jedoch etwas nüchterner liest: Nur vier Boote werden in den nächsten Tagen nach Brest verholt – Macif, Actual, Gitana und Sodebo. 

Der fünfte Ultim im Bunde, die IDEC mit Skipper Francis Joyon, setzt lieber auf Bewährtes und macht sich auf Rekordtour nach Asien. Dort will man, in guter alter Tradition, Streckenrekorde auf bei uns weniger bekannten Routen brechen. 

14.000 Seemeilen werden bei der Brest Atlantiques zu segeln sein. Damit ist diese Regatta-Premiere das bisher längste Rennen, auf das sich die Ultim-Trimarane im Regattamodus begeben werden. Der zu segelnde Kurs kann von den Teams jeweils relativ frei gewählt werden. Lediglich zwei Inseln sind backbord zu lassen: Die Cagarras vor Brasiliens Ipanema-Strand in Rio de Janeiro und Robben Island, die gefürchtete Gefängnis-Insel vor Südafrika, wo Nelson Mandela 18 lange Jahre vom Apartheid-Regime weggesperrt wurde. 

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Nach dem Start der Route du Rhum: was für ein Foto! © zedda/RdR

Die Organisatoren rechnen mit einer Segelzeit von ca 30 Tagen. Ein Monat, in dem viel passieren kann auf den hochgezüchteten Rennmaschinen. Vier Wochen, in denen das etwas lädierte Image der Ultim-Klasse wieder aufpoliert werden könnte

Dies soll vor allem mit dem erst jüngst beschlossenen Einsatz von Media-Menschen an Bord jedes Ultim-Trimarans geschehen. Die Filmer und Fotografen sind ausschließlich für Bild- und Tonmanterial von Bord der Renn-Monster zuständig und dürfen sich nicht am Regattageschehen beteiligen. Dennoch dürfte ihr Job für den Ruf und das Image der Klasse extrem wichtig werden. Denn nur mit spektakulären Live-Reportagen von Bord sind heute noch befriedigende Klickzahlen, Zuschauerwerte und Reichweiten zu erzielen. Und genau das erwarten die wenigen Sponsoren, die sich auf das Abenteuer „Ultim“ überhaupt noch einlassen wollen. 

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Michael Kunst

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