Corona: Was Francois Gabart einsamen Franzosen empfiehlt – kann die Vendée Globe starten?

Einsam in die Einsamkeit

Von nicht zu vergleichenden Einsamkeiten, Weltumseglungs-Vorbereitung im Wohnzimmer und nicht absolvierten Qualifikations-Regatten – die französische Hochseeszene übt den Stillstand.

Wann wird er wieder über die Ozeane heizen? Francois Gabart gibt sich philosophisch © macif

Es war ein TV-Interview, vor dem selbst ein gefürchteter Kritiker der französischen Intello-Tageszeitung Le Monde sich tief verneigte: Vor wenigen Tagen war eine Journalistin des französischen öffentlich-rechtlichen TV-Senders A2 bei Hochsee-Ikone Francois Gabart zu Gast. Im Garten seines Hauses, bei Vogelgezwitscher, unter blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein sprach der blonde Ausnahmesegler (Vendée Globe-Sieger, schnellster Einhand-Nonstop-Weltumsegler aller Zeiten auf Ultim Trimaran) über ein Thema, mit dem er per se hervorragend umgehen kann: Wochen- und monatelange Einsamkeit, eingesperrt auf engstem Raum, umgeben von Gefahren, die nur schwer einschätzbar sind.

Kein belangloses Geplänkel

Klar, die Absicht der Journalistin lag auf der Hand: Gabart sollte all’ den Menschen Mut machen, die wegen der Corona-Pandemie alleine in ihren Ein- oder Zweizimmer-Wohnungen eingesperrt sind (in Frankreich herrscht seit drei Wochen Ausgangssperre) und außer dem Fernsehen oder dem Internet keinen Zugang zur Welt um sie herum haben. 

Doch Francois Gabart ließ sich eben nicht auf belangloses Geplänkel über die Gemeinsamkeiten zwischen Hochsee-Solisten und Pandemie-Eingesperrten ein. Vielmehr stellte er von Anfang an klar, dass die Situationen eigentlich gar nicht vergleichbar sind. Er sei auf seinen Törns freiwillig unterwegs, bestens darauf vorbereitet, habe trainiert und hart an sich gearbeitet. Während die Menschen in ihrer Corona-Einsamkeit völlig unvorbereitet von dieser Situation überrascht wurden. 

Eigentlich eine klasse Kulisse für den Start einer Atlantikregatta. Nur eben nicht in diesen Zeiten © IMOCA

Der Vergleich mit seinem Leben auf dem Meer sei nur bedingt zulässig, sagte Gabart. Lediglich das „Unkontrollierbare“ da draußen – egal ob es das Meer oder das Virus sei – beschreibe einen gemeinsamen Nenner. „Man darf nicht versuchen, Dinge zu kontrollieren, die außerhalb liegen. Außerhalb von uns. Auf der anderen Seite muss man in der Lage sein, sein Verhalten zu kontrollieren, nicht zu versuchen, Energie bei der Kontrolle unkontrollierbarer Dinge zu verlieren. Man muss schlechtes Wetter an sich vorbeiziehen lassen.“ 

Phantasie anzapfen

Als I-Tüpfelchen dann ein Satz, der typisch ist für den 34-Jährigen. Gabart fordert die TV-Zuschauer auf, loszulassen, denn „wenn unsere Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird, so haben wir auch die Freiheit zu denken, uns vorzustellen, zu träumen, dass diese Freiheit noch existiert. Alleine in einem Boot kann man sich mit seiner Familie und seinen Freunden an Land projizieren. Menschen, die heute in ihren Wohnungen allein sind, müssen diese Phantasie anzapfen, um etwas Positives zu schaffen und diese schwierige Zeit zu überstehen.“

Isabelle joschke, IMOCA, Vendée Globe

Isabelle Joschke gehen wertvolle Qualifikationsregattameilen für die Vendée Globe verloren. Oder kommt alles ganz anders? © miku

Eine Konklusion, die ziemlich exakt auch die aktuelle Situation der französische Hochsee-Regattasegler beschreibt. Denn in Zeiten der Pandemie wurde bekanntlich auch ihnen ein wichtiger Teil ihres Lebensinhaltes genommen: Die Möglichkeit, mal eben schnell ein paar Trainingsschläge zu segeln, endlich die neuen Foils zu testen, zu trimmen, zu trainieren, trainieren und nochmals trainieren. 

Wer Arbeit hat, darf arbeiten. Manchmal, vielleicht…

Status Quo: Alle französischen Hochseehäfen sind konsequent geschlossen. Wer auch nur versucht, ein Segel zu setzen, wird rigoros bestraft. Es herrscht für alle Franzosen eine Ausgangssperre – lediglich 1 Stunde am Tag darf man „vor die Türe“. Egal für was man diese Stunde nutzt, ob zum Einkaufen oder zum Joggen, die Aktivitäten müssen sich in einem Radius von einem Kilometer abspielen. 

Wegen Corona bisher ohne Qualifikations- und Regattameilen – wird ein Team wie DMG Mori überhaupt starten können? © dmg mori

Zu Beginn der Ausgangssperre verlangte die französische Regierung noch, dass maximal viele Produktionsstätten geschlossen bleiben. Doch mit der Forderung nahezu aller Unternehmen nach einer staatlichen Unterstützung zur Bezahlung der Arbeitnehmer (ähnlich wie die deutsche Kurzarbeit, aber mit höheren Auszahlungen für die Arbeitnehmer, ca. 80 Prozent), war die französische Regierung gezwungen, die Restriktionen am Arbeitsplatz zu lockern. Wer irgendwie kann – selbstverständlich unter entsprechenden Sicherheitsauflagen – sollte weiterarbeiten. 

Reduzierte Manpower, reduzierte Leistung

In La Base/Lorient, dem größten Hochsee-Regattahafen der Welt, herrscht trotzdem eine gespenstische Stille. Wer konnte, holte noch vor der Ausgangssperre seine Boote aus dem Wasser, um in den Hallen etwaige Arbeiten vorzunehmen. Alle Minis und Figaro sind auf dem Trockenen, viele Class 40, die über einen Trockenplatz verfügen, wurden ebenfalls ausgewassert. Die meisten großen IMOCA- und Ultim-Trimaran-Projekte waren sowieso noch mit Winterarbeiten in den Werfthallen beschäftigt. Andere Teams atmeten sogar auf, weil sie mit ihren Arbeiten am Boot in Verzug geraten waren und nun aufholen konnten. 

Die großen Werften arbeiten derzeit mit reduzierter Manpower (wegen der nötige Abstandsregeln) ihre (weiterhin vollen) Auftragsbücher ab. Und die kleineren Kampagnen arbeiten im Durchschnitt mit zwei Personen am Boot und einer Person im Büro respektive Home-Office. 

Träumen vom grandiosen Leben auf Hoher See © imoca

Aus den Reihen der Segler und Seglerinnen ist noch relativ wenig Unmut zu hören. Sie halten sich an das, was sie zu Beginn der Krise unisono in den Medien verkündet haben: „Wir wissen, dass wir in solchen Zeiten alles andere als systemrelevant sind. Unsere Projekte und Kampagnen retten weder Menschenleben, noch sind sie gesellschaftlich überlebenswichtig. Also halten wir die Füße still und machen das Beste draus!“ 

Wie geht das nur weiter?

Doch genau dieses „Beste draus machen“ will immer seltener gelingen. Nach drei Wochen im buchstäblich engsten Familienkreis verspüren auch die liebevollsten Eltern einen gewissen Freiheitsdrang. Nach drei Wochen Konzentration auf Online-Wetterseminare, die per Videokonferenz in die Wohnzimmer geschaltet wurden, nach intensivem, physischem Training im Garten oder auf dem Hometrainer, nach ausgesprochen vorzeitigem Vorsortieren der Trockennahrung für eine Weltumseglung oder Berechnen der Futterrationen für eine Atlantiküberquerung stellt sich nun doch bei den meisten Skippern und Teams die Sorge ein, wie es denn „nun weiter gehen wird“. 

Mit heutigem Stand wurden nahezu alle Regatten vor den französischen Küsten entweder annulliert oder (in den meisten Fällen) auf September und Oktober verschoben. Und obwohl es noch keine offiziellen Verlautbarungen gibt, werden wohl die beiden Regatten CIC The Transat und die Rückregatta New York-Vendée – in der IMOCA-Klasse wichtige Qualifikations-Events für die Vendée Globe – ausfallen (vorgesehene Starts: 10.5. und 16.6.).

Für die CIC The Transat wird derzeit zwar ein Szenario entworfen, das die Teilnehmer auf eine 3.500 Seemeilen-Runde in den Atlantik schickt, mit Brest als Start und Zielort. Die USA hat man aufgrund der dortigen Pandemie offensichtlich als Ziel- und späteren Startort vollständig abgeschrieben. Doch selbst diese Atlantikrunde ist nur „angedacht“. Schließlich weiß keiner, wie lange und in welchem Ausmaß die französische Ausgangssperre noch anhalten wird. 

Wird gestartet?

Für weitere Unruhe vor allem unter den IMOCA-Skippern sorgt die Unklarheit, wie mit noch anstehenden, aber eben derzeit nicht durchführbaren Qualifikationsregatten und -soloseemeilen für die Vendée Globe (geplanter Start Anfang November 2020) umgegangen werden soll. Nicht wenige Teams brauchten die beiden Atlantikregatten dringend, um Skip und Boot zu qualifizieren.

Zwar halten die Organisatoren der Vendée Globe weiterhin an ihrem Starttermin fest (angeblich zur Not sogar ohne Publikum in Les Sables d’Olonnes). Doch Teilnehmerinnen wie etwa Isabelle Joschke, die nach ihrem Transat- Jacques Vabre-Ausscheiden im letzten Jahr noch dringend Qualifikations-Regattameilen sammeln muss, bräuchten jetzt eine klare Ansage, wie sie trotz der grassierenden Pandemie an den Start zur Vendée Globe kommen können. 

Wann werden solche Bilder wieder möglich sein?  © charal

Noch schwieriger dürfte es für Skipper wie den Japaner Kojiro Shiraishi werden. Das japanisch-deutsche Projekt DMG Mori ist zwar mit einem vielversprechenden Boot unterwegs (Schwestererschiff von Charal), kann aber de facto weder Trainings- noch Solo-Seemeilen vorweisen. Von Regattateilnahmen ganz zu schweigen. Selbst wenn die Organisatoren der Vendée Globe alle Qualifikationsmaßnahme aussetzen würden und alle gemeldeten Segler ohne Prüfung an den Start ließen – wie soll so ein Projekt eine Einhand-Nonstop-Weltumseglung überstehen? 

Noch scharrt keiner mit den Hufen

Apropos überstehen. Vor allem Kampagnen, die sich nicht auf einen Hauptsponsor stützen können, sondern von vielen, aber eher kleinen finanziellen Förderungen leben, machen sich gewaltige Sorgen um ihre Zukunft. Schon jetzt ist klar, dass sich bei einige Boote die Sponsorenliste gravierend ändern wird. Weil die entsprechenden Unternehmen in der Corona-Krise „in die Knie“ gehen. Insider sind sich sicher, dass dies erst der Anfang sei. Nicht nur im virologischen, sondern auch ökonomischen Sinne.

Doch noch scharren die Imoca-Piloten nicht mit den Hufen, noch wird nur im Hintergrund verhandelt, gestritten, überlegt und „gepokert“. Doch die Zeit läuft allen davon, auch für eine Regatta, die erst im Herbst starten soll. 

Bleibt also nur, die Worte von Francois Gabart zu befolgen und sich in fantasiereicher, imaginationsstarker Geduld zu üben. Zumindest leben die Segler und Seglerinnen derzeit eine Art mentales Training für die einsame Zeit später auf See: Von der erzwungenen Einsamkeit an Land in die freiwillige Einsamkeit auf dem Ozean – was für Zeiten!

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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