Deutsches Segelteam überzeugt bei Traumbedingungen vor Enoshima

Starker GER-Tag mit Buhl-Comeback

DSV-Equipe landet reihenweise Top-Platzierungen. Befreiungsschläge für Laser-Weltmeister Philipp Buhl, das 49er-Duo Heil/Plößel und die gebeutelten 470er-Frauen Wanser/Winkel. Kohlhoff/Stuhlemmer bleiben trotz Kenterung auf einem Podiumsplatz.

Trotz einer Kenterung im dritten Rennen glänzten Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer auf dem dritten Gesamtrang in der Nacra 17-Klasse.
© Sailing Energy / World Sailing

Der Positionstracker im Internet zeigte Bootsgeschwindigkeiten von 20 Knoten und mehr. Die pfeilschnellen Nacra-17-Katamarane flogen mit ihren Foils vor dem Wind auf das Leegate zu. Auf Platz vier lagen Paul Kohlhoff und Alica Stuhlemmer schon wieder exzellent im Rennen. Nach zwei dritten Plätzen zuvor war das Kieler Mixedteam auch in der sechsten Wettfahrt auf dem Weg nach vorne. Kurz vor dem Tor dann plötzlich nur noch ein Knoten Fahrt. Was war passiert?

„Wir haben einen Fehler gemacht, der zur Kenterung führte und uns ordentlich Punkte gekostet hat. Boot und Mannschaft sind zum Glück heil geblieben, und wir konnten das Boot schnell wieder aufrichten“, erklärte der Steuermann die Schrecksekunde, „ansonsten war es ein solider Tag ohne große Aussetzer.“ Understatement pur. Als Gesamtdritte sind die beiden beste Deutsche und zur Halbzeit der Regatta auf Medaillenkurs.

Kohlhoff, der nach den Spielen in Rio noch eine Rechnung offen hat, spuckt keine großen Töne. „Wir durften mit dem blauen Trikot starten, was wir uns noch gar nicht verdient hatten“, sagte der 26-Jährige, der mit einem Tagessieg zum Auftakt Gesamtrang zwei erobert hatte. Nach einem Ruhetag darf die Mannschaft am Sonnabend die roten Leibchen überziehen, die Gesamtplatz drei kennzeichnen. Verdient haben Stuhlemmer und Kohlhoff diese zwischenzeitliche Auszeichnung allemal.

Die Disqualifikation vom Vortag scheinbar mühelos abgeschüttelt: Luise Wanser und Anastasiya Winkel im 470er. © Sailing Energy / World Sailing

Es war vielleicht die Schlüsselszene am fünften Wettfahrttag der Olympischen Segelwettbewerbe auf der Sagami-Bucht vor der japanischen Hafenstadt Enoshima. Kaum hatten sie die Ziellinie als starke Vierte im vierten 470er-Rennen überquert, klatschten sich Steuerfrau Luise Wanser und ihre Vorschoterin Anastasiya Winkel zufrieden ab. Dabei muss die psychische Belastung enorm gewesen sein, die nach der überraschenden Disqualifikation vom Vortag auf dem Duo vom Norddeutschen Regatta Verein lastete. Grund: Winkels Trapezhose war bei einer Kontrollmessung an Land 260 Gramm zu schwer gewogen worden.

Ob an der harten Juryentscheidung noch etwas zu drehen ist, sollte eine Wiedereröffnung des Falls zeigen. Auf dem Wasser gelang den Frauen jedenfalls eine eindrucksvolle Wiedergutmachung. „Wir hatten nichts verlieren und 200 statt 100 Prozent gegeben“, meinte Wanser zurück an Land. Schon beim ersten Start am Schiff war „GER“ gut dabei, vielleicht ein bis zwei Sekunden zu spät, aber angesichts der schwarzen Flagge im sicheren Soll. Winkel rockte im Trapez als wolle sie ausdrücken, „jetzt erst recht, ich lass mich nicht klein kriegen“. Das war Schwerstarbeit. „Nasti, atme mal“, sagte Wanser zwischendurch zu ihrer Vorschoterin.

Kurzzeitig wurde das Team per GPS-Tracker sogar auf Platz 1 positioniert, kam allerdings an der Luvtonne nur als Achtes an. Es war wieder das Kämpferherz gefragt. Rückschläge wegstecken, wieder angereifen – und das mit dem schweren Gepäck vom grünen Tisch an Bord. „Wir haben den beiden ganz besonnen ins Gewissen geredet und sie vollkommen auf das Wesentliche, nämlich weiter schnell segeln auf dem Wasser, fokussiert“, sagten Astrid und Sven Wanser. Die Eltern der Steuerfrau arbeiten als professionelle Mentalcoachs.

Ein Spitzenplatz in Enoshima bleibt das Ziel der Hamburger 470er-Frauen Wanser und Winkel. © Sailing Energy / World Sailing

Offenbar mit Erfolg, den auf dem zweiten Vorwindschenkel platzte der Knoten. Von elf gelang der Sprung auf sieben. Und es ging noch weiter nach vorn. Besonders vor dem Wind zahlte sich der große Trainingsfleiß der vergangenen Monate aus. Sie holten noch zwei Boote und wurde Fünfte. „Noch besser verlief die zweite Tageswettfahrt, auf der Wanser/Winkel wieder am Startschiff diesmal richtig gut wegkamen und lange Zeit vor den gesamtführenden Polinnen Skrzypulec/Ogar das Feld anführten. Ein Linksdreher bevorteilte allerdings die andere Seite der Kreuz.

Als Sechste an der ersten Marke folgten packende Positionskämpfe. Das Top-Trio segelte zwar auf und davon. Aber dahinter zeigten die Deutschen eine meisterhafte Performance. Die Verfolgerinnen aus Polen und Spanien wurde nicht nur auf Distanz gehalten, sondern vor dem Ziel abgeschüttelt. „Wir sind bei den Bedingungen sehr schnell, daher entspricht das Ergebnis den Erwartungen“, so die Frauen voller Selbstvertrauen, Ein „hätte, hätte…“ mit den gesegelten Ergebnissen vom Auftakt verbietet sich. Vorläufig stehen Platz zwölf und ein überzeugender Auftritt zu Buche.

Laser-Weltmeister Philipp Buhl meldete sich bei den Lasern eindrucksvoll zurück.
© Sailing Energy / World Sailing

Dass er fünf Jahre nach seiner persönlichen Enttäuschung von Rio erheblich an Stärke gewonnen hat, zeigte der amtierende Weltmeister auf der Laser-Bahn. Nach einem „schwierigen, enttäuschenden Tag“ (Philipp Buhl) stand der Ausnahmeathlet nach sechs Rennen schon mächtig unter Druck. Aber damit kann der 31-Jährige inzwischen weitaus besser umgehend. Unbeirrt konzentrierte sich der Segler des Jahres auf die Starts, die ihm wesentlich besser gelangen als zuvor. Und in dem engen Feld bei sehr ähnlichen Geschwindigkeiten ist und bleibt dieser ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg.

„Ich hatte gute Starts und einen guten Biss“, gab Buhl wieder, was zu den ausgezeichneten Tagesplätzen vier und drei führte, „ich fühle mich erschöpft, aber sehr gut.“ Als Siebter liegt der Sportsoldat zwei Rennen vor dem Finale am Sonntag nur noch 13 Punkte hinter den Podiumsrängen. „Das ist noch sehr eng“, wertete der Mitfavorit die Ausgangsposition, „auf dem Küstennahen Kurs Enoshima braucht es morgen auch ein Quäntchen Glück.“ Doppeltagessieger Matt Wearn (Australien) liegt an der Spitze 33 Zähler vor Buhl und 13 vor Pavlos Kontides (Zypern), der im siebten Rennen ausstieg.

Er musste stark zurückkommen, und er bewies seine Klasse: Philipp Buhl wieder klar in den Top Ten fürs Medalrace. © Sailing Energy / World Sailing

Durch ihr mäßiges Abschneiden am Mittwoch hatten sich Erik Heil und Thomas Plößel für den Nachholtag viel vorgenommen. Und die ambitionierten 49er-Segler lieferten zur Halbzeit ihrer Konkurrenz. Als Dritte und Vierte rückten sie auf den fünften Platz vor nur zwei Punkte hinter den Titelverteidigern und Americas Cup-Gewinnern Peter Burling und Blair Tuke. „Der Speed ist wieder da, und wir sind wieder am Start“, lautete ihr knapper, aber zufriedener Kommentar. Der Rückstand auf die Spitze beträgt lediglich zehn Zähler. Dort liegen ihre spanischen Sparringspartner Botin/Lopez punktgleich hinter den Briten Fletcher/Bythell. Die Dänen Warrer/Jensen sind zwei zurück Dritte.

Zwei Achtungserfolge landete die Kielerin Svenja Weger, die am ersten Tag die Wertung im Laser Radial sensationell angeführt hatte. Ihr Resümee: „Heute kam es mehr auf den Bootsspeed an, weniger Riesendreher, weniger Platzierungsverschiebungen von 1 auf 20. Das machte es teilweise ein bisschen simpler.“ Als Achte und Zwölfte ist die Sportsoldatin auf Rang 13 nur noch elf Punkte vom Einzug ins Medalrace der besten Zehn (Sonntag) entfernt. Die kann sie am Freitag noch locker aufholen, wenn es auch für beide 49er-Disziplinen und die 470er-Frauen ab 5 Uhr deutscher Zeit weitergeht. Weger: „Der Tag war solide. Ich kann morgen nochmal voll angreifen.“

 

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