Neue IMOCA-Regeln: Nachhaltigkeit bei Neubauten wird belohnt – “Grünes Segel” Pflicht

Schnell und öko

Die Vendée-Globe-Klasse IMOCA schafft für ihre 60-Fußer seit vielen Jahren mit neuen Regeln den Spagat zwischen Fortschritt und Bestandschutz. Nun versucht sie es für den nächsten Zyklus.

Charal – State of the art für alle Foiler-Neubauten © charal

Seit 1991 kümmert sich die International Monohull Open Class Association (IMOCA) um die Belange der offenen 60-Fuß-Monohull-Klasse, mit der alle vier Jahre die Vendée Globe ausgetragen wird – und auch das nächste The Ocean Race. Dabei hat sie es durch ihre Regeln geschafft, in gewissem Maße Neuerungen zuzulassen, die Neubauten zwar schneller, aber ältere Konstruktionen nicht völlig obsolet werden lassen. Der Verlauf der vergangenen Vendée Globe hat auf perfekte Weise demonstriert, wie konkurrenzfähig die älteren Designs sein können.

Zwar hatten die Skipper etwa der Nicht-Foiler und der First-Generation Foiler (Platz eins und drei) Glück mit dem Wetter und durch die Schäden der Neubau-Konkurrenz, aber besonders auch die Vorgaben durch die IMOCA Boxrule erlaubten ihnen mit den schnellen neuen Rennmaschinen mitzuhalten.

Diese Aufgabe müssen die für die Klasse verantwortlichen Schiffbauingenieure nun erneut bewältigen, um für die nächsten vier Jahre eine gewisse Chancengleichheit zu gewähren. Dabei geht es insbesondere um Kostenkontrolle – die neuesten Foiler kosteten rund sieben Millionen Euro, Tendenz steigend – aber es soll eben auch der Fortschritt erlaubt sein und die Zuverlässigkeit nicht gefährdet werden. Dazu fließt nun immer mehr auch der Nachhaltigkeitsaspekt ein.

Raum für Innovationen, aber Kostenkontrolle

So hat das Technische IMOCA-Komitee, das derzeit fünfzehn Teams vertritt, nun die Klassenregeln 2021-25 veröffentlicht, die am 15. April 2021 genehmigt wurden. Präsident Antoine Mermod fasst in der jüngsten Verlautbarung zusammen: “Es ist keine leichte Aufgabe, faire Regeln aufzustellen, die Raum für Innovationen lassen, gleichzeitig die bestehende Flotte erhalten und das Budget nicht ausufern lassen. Auch die Sicherheit der Segler bleibt unsere Priorität und die Berücksichtigung der Lehren, die wir aus der vergangenen Vendée Globe gezogen haben. Wir haben es aber auch endlich geschafft, Regeln aufzustellen, die eine nachhaltigere Leistung begünstigen und gleichzeitig die Kreativität der Ingenieure und Teams fördern. Kurz gesagt, es gibt eher eine technische Evolution als eine Revolution. Der Arbeitsbereich für die nächsten vier Jahre ist nun abgesteckt.”

In der Pressemitteilung heißt es:

Fünf Schlüsselthemen werden in dem Regel-Update behandelt:
1. Nachhaltigere Leistung
2. Beschränkung auf Foils
3. Erhöhte Sicherheit
4. Boote mit erhöhter Leistung
5. Kostenkontrolle

Alex Thomson hat für seine neue “Hugo Boss” alle (Budget-)Register ziehen dürfen. © Hugo Boss

#1 – Ausgerichtet auf mehr nachhaltige Leistung
Innovationen, die ein besseres Gleichgewicht zwischen menschlicher Aktivität und ihrem Kohlenstoff-Fußabdruck ermöglichen, fordern Ingenieure, Athleten und Event-Organisatoren heraus, ihr Produkt zu verbessern. Die Klasse IMOCA arbeitet seit mehreren Jahren an diesen Themen. Die neue Regeln geben den Teams einen ersten Entwicklungsrahmen vor.

1 – Bei der Vermessung wird die Verwendung von Materialien aus biologischem Anbau für nicht strukturelle Bauteile, die demontiert werden können (Kartentisch, Sitze, Kojen, Unterlegplatten usw.) begünstigt. Sie können bis zu 100 kg aus dem erforderten Vermessungsgewicht Bootes herausgerechnet werden. Dies war bereits bei Solarpanels, grünen Energiesystemen und wissenschaftlichen Instrumenten der Fall.

2 – Bis 2023 muss jeder Teilnehmer bei den IMOCA Globe Series Championship mindestens ein Segel (von acht) an Bord haben, das als “grün” gilt. Dieses Segel kann aus alternativen Materialien hergestellt werden und/oder vollständig recycelbar sein. Bei der vergangenen Vendée Globe absolvierten benutzten schon Pip Hare und Ari Huusela ein solches nach ISO 14040-zertifiziertes Segel, das zu 100 Prozent recycelbar war.

3 – Eine aktuelle IMOCA segelt dank Wasserstoffgeneratoren, Solarenergie und Windturbinen nahezu energieautark um die Welt. Der eingebaute Dieselmotor wird aus Sicherheitsgründen beibehalten. Aber die neue Regel ermöglicht es nun einem Team, das eine alternative Motorisierung einbaut, Erleichterungen bei der Vermessung zu erhalten. Es muss eine Studie vorzulegen, die die Wirkungsweise bestätigt.

4 – Teams sind nun verpflichtet, eine Ökobilanz für den Bau eines neuen Bootes oder bestimmter Teile (Standardteile, Rumpf, Deck, Ausleger, Ruder, Bulb) zu berechnen. Das Ziel ist es, vergleichbare Daten zu sammeln, um unsere Auswirkungen besser verstehen zu können. Das soll zu weiteren Maßnahmen führen, um die Ziele für die Reduzierung des CO2-Fußabdrucks zu bestimmen. IMOCA arbeitet in dieser Angelegenheit mit einem technologischen Partner zusammen, der bald vorgestellt werden soll.

5 – Die Klasse hat sich eine “IMOCA Teams Satzung” gegeben, die sieben Themen  in Bezug auf die tägliche Arbeit der Rennställe behandelt. Alle Teams werden aufgefordert, notwendige Schritte zur Verringerung ihrer negativen Auswirkungen auf die Umwelt zu unternehmen.

#2 Begrenzung der Foils
Die IMOCA-Vermessung legt die einzuhaltenden Abmessungen und Leistungs-/Stabilitätskriterien fest, sowie die maximale Anzahl der Anhänge und die Onedesign-Ausführungen von Mast und Kiel. Bislang war die Abmessung der Foils unbegrenzt. Nun wird aber eine Grenze vorgeschrieben. Aus zwei wesentlichen Gründen:

1 – Sicherheit: Je größer die Foils sind, desto leistungsfähiger ist zware das Boot aber umso mehr Verstärkungen sind erforderlich. Es wird damit auch immer schwerer und komplizierter das Schiff zu steuern, insbesondere im Einhand-Modus.

2 – Kosten: Größer Foils sind komplexer und teurer. Ihre Bauzeit verlängert sich.

Deshalb hat die Klasse eine Berechnungsmethode entwickelt, mit der Foils verglichen werden können. Sie müssen nun in eine Boxrule passen, wenn auch mit unterschiedlichen Designs und Geometrien. Das soll etwa für die nächste Vendée Globe zu Foils führen, die immer noch relativ groß sind – etwa wie aktuell bei Charal oder Hugo Boss – aber nicht größer werden.

#3 Erhöhte Sicherheit
Bei dieser Vendée Globe gab es vergleichsweise wenige Ausfälle. Die allgemeine Zuverlässigkeit der Boote ist groß. Allerdings hat Kevin Escoffier einen Totalverlust seiner Yacht erlitten und drei weitere Teilnehmer schieden nach Kollisionen aus. Das hat zu einigen Änderungen der Sicherheitsregeln geführt:

1 – Die Sicherheitsausrüstung des Skippers sowie der Ort, wo sie gelagert wird, wurden nach dem Escoffier-Fall überarbeitet.

2 – Das Auftriebsvolumen für die Boote wurde von 105 auf 110 Prozent des Bootsgewichts erhöht, damit der Skipper im Falle eines starken Wassereinbruchs so lange wie möglich an Bord bleiben kann.

3 – Die Widerstandskriterien für die Rumpfstruktur auf Höhe des Kiels und der Foils wurden erhöht, um besser gegen Kollisionen geschützt zu sein. Darüber hinaus hat eine klassenübergreifende Arbeitsgruppe in den vergangenen Monaten daran gearbeitet, die Entwicklung der nächsten Generation von Antikollisionselektronik für Rennboote zu analysieren und voranzutreiben.

#4 Boote mit verbesserter Leistung
Um im Southern Ocean bessere Trimmöglichkeiten zu haben, wurde der erlaubte Mastfall von 4 auf 6 Grad erhöht. Dadurch können die Skipper ihre Segelfläche besser an die extremen Bedingungen anpassen. Eine Änderung der Beschlagsausrüstung am Mast soll auch einen häufigeren Einsatz der Sturmfock ermöglichen.

#5 Kostenkontrolle
Die Stärke der IMOCA-Klasse liegt in der Vielfalt der unterschiedlich großen Rennställe. Deshalb ist die Kostenkontrolle ein komplexes Thema. Die Klasse will einen Rahmen schaffen, in dem sich alle weiterentwickeln können.

1 – Die Bordelektronik insbesondere das Ermitteln der Lastspitzen (Telemetrie) hat sich in den letzten Jahren stark entwickelt und es ist wichtig, eine zu große technologische Kluft innerhalb der Flotte zu vermeiden. Daher muss nun jeder erlaubte Sensor, der mehr als 10.000 Euro kostet, kommerziell hergestellt werden und auf einer von der IMOCA genehmigten Liste stehen, die im Laufe der Zeit erarbeitet wird.

2 – Es wurde auch über ein System zur Begrenzung der Anzahl von Segeln in einer gesamten Kampagne abgestimmt. Ziel ist es, die Zeit, die ein Segel im Renneinsatz genutzt werden kann, zu maximieren.

3 – Einige Regeln haben auch Auswirkungen auf die Konstruktion. Es sind beim Bau nur Kernmaterialien (Schaum, Nomex…) und einfachere Karbonstrukturen erlaubt, die auf einer definierten Liste stehen. Dadurch sollen Bauzeit und Kosten reduziert werden.

4 – Um die Kosten für Entwicklungen zu begrenzen werden weitere Teile als Onedesign vorgegeben. Derzeit betrifft das den Mast, die Kielfinne und die hydraulische Kielramme. Künftig kommt das gesamte stehende Gut hinzu wie auch die Satellitenkommunikation über Iridium-Certus mit der Thales-Antenne (außer bei The Ocean Race).

Ein schlauer Weg

Die neuen Vorgaben scheinen insbesondere in Punkto Nachhaltigkeit einen schlauen Weg zu beschreiten, auf dem der Vendée-Globe-Szene weitere Stabilität verliehen wird. Bei seinem Greta-Törn musste sich Boris Herrmann noch beschimpfen lassen, seine Rennmaschine sei eine Ökobelastung und die Aktion deshalb nicht glaubwürdig.

Er reagierte auf die erstaunliche Kritik darauf, dass es sich insbesondere um die Botschaft gehe und im übrigen sei die Branche auf einem guten Weg sei, solchen Kritiken den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Nun scheinen die neuen IMOCA-Regeln tatsächlich ein echtes Statement hin zu einem nachhaltigeren Bootsbau sein zu können, der auch bei Cruiser-Werften ein Umdenken bewirken könnte. Die nächste Generation der Hochseeracer soll nicht nur schnell, sondern auch öko sein.

Die Rennsegler-Szene und ihre brillianten Konstrukteure werden nun noch mehr gezwungen, nachhaltige Entwicklungen voranzutreiben. Sie können handfeste Vorteile im Rennen bringen. Das hat auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. Immer mehr Skipper finden ihre Vendée-Globe-Sponsoren bei Firmen die im Umwelt-Bereich tätig sind.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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