E-Motor: Erste Erfahrungen mit dem Elektro-Außenborder

Leise Reise

2014 wird’s auf “Digger” elektrisch. Der 5 PS Benziner ist weg. Stattdessen hängt nun ein Torqeedo am Heck der Varianta18 . Ein erster Test.

In den letzten 2 Jahren bin ich immer knatternd und stark vibrierend aus meinem Heimathafen in Schleswig gefahren. Der Aussenbordbenziner war mir immer ein Dorn im Auge. Laut, schwer und in der Backkiste roch es ständig nach Benzin. Nun ist alles anders.

[youtube http://youtu.be/vYIZTs3mIeg]

Das erste Mal rückwärts ausparken ist ungewohnt. Ich habe keinen Schalthebel mehr, sondern drehe den Gasgriff einfach in die andere Richtung, um rückwärts zu fahren. Nur – welche war das noch mal? Langsam drehe ich am Griff, alle Leinen bereits losgemacht. Und merke, dass ich vorwärts anfahre, also anders rum. Nach einer kleinen Gedenksekunde dreht sich der Propeller wieder und zieht mich raus. Geschafft. Klappt.

Der neue E-AB © Digger Hamburg

Der neue E-AB
© Digger Hamburg

Als ich ins Fahrwasser einbiege, drehe ich ein wenig “Gas” auf und Digger schiebt fast lautlos durchs Wasser. In diesem Moment sage ich zu Christian, den ich rüber in den Stadthafen transferiere, den Satz: “Fast wie segeln.” Man hört nämlich Wasser, Wellen und Wind. Das hatte ich früher nur, sobald der olle Jockel aus war.

Paddel nicht vergessen

Im Fjord weht ein knackiger Ostwind, der uns viel Wasser entgegen schiebt. Etwa 1 Knoten Strömung läuft freudig auf uns zu, dazu Wind auf die Nase. Ich schaue aufs Display des Torqeedo Travel 1003, der etwa umgerechnet 4 PS Leistung bringt. Bei 3,5 Knoten Fahrt über Grund (4-4,5 durchs Wasser) hält der Akku noch etwa 5,6 Seemeilen. Er ist voll. Etwas weniger Schub verlängert die Strecke und Fahrtzeit gleich ganz enorm.

Bei 2,5 Knoten (also 3,5 – 4 durchs Wasser), komme ich 10 Seemeilen weit. Fahre ich 1,5 Knoten hält der Akku an die 16 Meilen. Das ist in etwa das, was ich erwartet habe. Kappeln ist unter Motor ausser Reichweite – jedenfalls an einem Tag. Bei totaler Flaute und mit Strömung sollte aber auch das wohl mit Glück schaffen können. Zur Not wird die letzte Meile gepaddelt.

Leise und sauber © Digger Hamburg

Infodisplay
© Digger Hamburg

Das Display hält einen jedenfalls immer auf dem Laufenden. Verbrauch in Watt, Ladezustand des Akkus, Reichweite in Meilen (wahlweise auch Stunden) und Geschwindigkeit (mit dem internen GPS). Allerdings muss man nach einer Geschwindigkeitsveränderung erst mal etwas warten, bis sich das Ganze eingependelt hat. Auf dem Foto sieht man, dass ich bei 1,8 Knoten Fahrt und 83% Akku nur noch 3,6 Meilen weit komme. Da habe ich gerade vorher am Gas gespielt.

Sicher hat ein E-Motor Nachteile, was Marschfahrt und Reichweite angeht. Mal eben über den kleinen Belt Motoren, weil kein Wind ist, kann man vergessen. Bei 4-5 Ost aus der Schleimündung raus sowieso. Mir ist das soweit erst mal egal – ich habe Zeit. Und letztlich habe ich ein Segelboot. Das soll segeln. Man muss sich nur von der alten Gewohnheit abkoppeln, immer mit 4-5 Knoten zu marschieren, wenn man motort.

Bei der leisen Fahrt denke ich aber auch über die erheblichen Vorteile nach. Zunächst einmal die Ruhe. Wunderbar. Und ich freue mich schon jetzt, das Teil mal zu starten, wenn ich draussen bin und der E-Jockel in Lee hängt. Denn das war bisher immer das Dümmste bei mir an Bord: Einhand den tief liegenden Benziner anzuwerfen. Dazu braucht man beide Hände, weil man kräftig am Startseil ziehen muss. Ganz so nebenbei hat man sich dann noch um eine Pinne zu kümmern und beiläufig auch um eine Großschot. In dieser Haltung 10 mal am Startzug reissen war nie mein Hobby. In Zukunft drücke ich einfach den ON-Schalter und das Ding läuft.

Ausserdem spare ich reichlich Gewicht am Heck, was mir der Wasserpass dankend zeigt: Ich kann ihn nämlich wieder sehen. Die Pocken werden sich ärgern. 12 Kilo sind im Vergleich zum 28 Kilo schweren Viertakter plus Tank plus Sprit schon eine erhebliche Ersparnis. Und zwar achtern – dort, wo sie was bringt. Den Torqeedo hat man im Handumdrehen in 3 Teile zerlegt.

Preiswerte Alternative

Zu den Kosten: Mein Mercury 4 Takt 5PS mit Schubpropeller und Ladespule lag neu bei rund 1.200 Euro. Der Torqeedo bei 1.600 Talern. Allerdings spart man Benzin (Strom zahlt man im Hafen ja eh) und der eMotor ist wartungsfrei. Bei meinem Benziner kamen jedes Jahr noch 120 Euro aus der Schrauberbude oben drauf. Plus Sprit und der Rennerei mit dem Kanister.

Ob ich am Ende der Saison immer noch so freudig über den Akkumotor berichte? Es wird sich zeigen. Viele Seemeilen und viele unterschiedliche Wind- und Wettersituationen warten auf mich. In jedem Falle berichte ich weiter darüber.

 

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Digger Hamburg

Kleiner segeln - größer leben. Filmemacher und Autor Stephan Boden verbringt jeden Sommer auf dem Wasser. Früher auf seiner VA18 "Digger" jetzt auf der Bente24, die er selbst initiiert hat. "Auf See habe ich Zeit, das schärft den Blick für Details." Zu seinem Blog geht es hier
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5 Kommentare zu „E-Motor: Erste Erfahrungen mit dem Elektro-Außenborder“

  1. avatar Peter Sorowka sagt:

    Bei allen Zahlen interessiert mich noch eine: welche Akkukapazität hast du an Bord?

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    • Moin Peter,

      der 1003 hat einen 520 Wh Li-Ion Akku

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      • avatar Jan Schlesiger sagt:

        Dinger, vielleicht würde ich statt einen Paddels einen langen Wrigg-Riemen nehmen, und achtern einen stabilen Zepter. Dann hast du in Zweifelsfalle einen Antrieb, der gegenüber dem Paddel sehr stark im Vorteil ist, und du hast ggf auch ein voll funktionierendes Not-Ruder……

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  2. avatar Jochen Dubuisson sagt:

    Wir segeln seit der vergangenen Saison eine Pogo 10.50 ohne Diesel, dafür mit 2 Torqeedo ABs. Wer darüber Erfahrungen sucht: 04486 6889
    Jochen

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    • Auf unserer 9m Speedster (2,5t Gewicht) hatten wir auch eine 5kW E-Maschine auf dem Saildrive. Sehr schön für Hafenmanöver und um Klassen besser als die Diesel-Maschinen. Nur lange Strecken haben sich damit natürlich nicht fahren lassen.

      Wie habt Ihr denn auf der wesentlich schwereren Pogo die Speicherkapazität gelöst ? Und warum habt Ihr nicht auf dem Saildrive montiert oder könnt Ihr die ABs mit der Pinne mitlenken ?

      VG, Frank

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 11 Daumen runter 1

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