eSailing: Ansturm auf Virtual Regatta – Meister Bahnsen freut sich über steigende Konkurrenz

Es wird eng auf der Couch

Plötzlich stehen sie im Mittelpunkt: Die eSailing-Spezialisten haben in den vergangenen Wochen einen großen Sprung in der Beachtung gemacht. Die fehlenden Möglichkeiten, in der Realität auf das Wasser zu gehen, rückt den Sport am Rechner in den Fokus.

Virtual Regatta (VR), die von World Sailing unterstützte Plattform (www.virtualregatta.com), auf der auch um die Deutsche Meisterschaft und die Weltmeisterschaft gespielt wird, vermeldete für die Inshore-Regatten einen sprunghaften Anstieg der User von 5.000 zu Jahresbeginn auf nun täglich bis 25.000 während des Corona-Shutdowns. Virtuell kann an der Princess Sofia vor Mallorca, dem Worldcup in Genua oder der Kieler Woche teilgenommen werden, aber auch interne Club-Serien werden inszeniert.

Virtual Regatta lockt zur virtuellen Regatta. Mit wenigen Tasten lässt sich das Spiel steuern.

Der Hamburger Johannes Bahnsen gehört zur absoluten Top-Liga der eSailor und freut sich über die gewonnene Popularität. Zur boot in Düsseldorf wurde er zum Empfang des Deutschen Segler-Verbandes und des SVG-Verlages durch DSV-Präsidentin Mona Küppers noch einmal besonders für seinen deutschen Meistertitel 2019 auf der virtuellen Regattabahn geehrt. Doch seit der Krise wird es schwerer am Rechner, Bahnsen muss sich nun gegen ganz neue Konkurrenz beweisen. „Das Interesse geht durch die Decke. Teilweise halten die Server der Anfrage nicht stand. Deutschland ist jetzt stark im Kommen, aber andere Länder wie Dänemark, Frankreich oder auch die Türkei sind schon deutlich weiter“, berichtet Bahnsen.

Zur boot in Düsseldorf wurde Johannes Bahnsen von DSV-Präsidentin Mona Küppers für seinen eSailing-Titel geehrt. Foto: segel-bilder.de

Der Bundesliga-Segler des Hamburger SC ist vor rund eineinhalb Jahren intensiv auf die virtuelle Segelei gekommen: „Vor drei oder vier Jahren habe ich mich auch für die Offshore-Rennen interessiert. Aber das war mir zu aufwändig, da muss man Tag und Nacht dabei sein.“ Mit der Beta-Version von Virtual Regatta ging es für ihn dann auf die Inshore-Bahn. „Die erste Weltmeisterschaft habe ich noch nicht richtig mitgenommen. Aber bei der zweiten im vergangenen Jahr war ich voll dabei. Zwischenzeitlich lag ich in der Weltrangliste auf Platz drei.“ Dann sei er aber etwas abgesackt, und als es darum ging, sich für das große WM-Finale zu qualifizieren, „habe ich dem Druck nicht standgehalten“, so Bahnsen.

Auch auf der echten Regattabahn ist Johannes Bahnsen (links) erfolgreich – als einer der Steuermänner im Liga-Team des Hamburger SC. Foto: HSC

Seit dem neuen Jahr steht der amtierende Deutsche Meister in einem neuen Job in der Verantwortung, die Zeit für das Segelspiel ist damit begrenzter. Doch noch immer liefert er Top-Ergebnisse: Weltweit steht er auf Platz elf, in der deutschen Rangliste auf Platz zwei (Stand: 31. März). „Aber die Luft wird dünner. Vor einem halben Jahr waren es weltweit 30 bis 40 Leute, die Top-Ergebnisse liefern konnten, jetzt ist die Zahl locker dreistellig. Und es wird immer internationaler. Zunächst war es vor allem west-europäisch geprägt, dazu einige Australier und Neuseeländer. Jetzt tauchen Länderflaggen auf, da muss man erst einmal nachschlagen, woher die kommen.“

Zu den offiziellen Regatten, bei denen es Ranglistenpunkte sowohl für die deutsche als auch die weltweite Rangliste gibt, stehen die Teilnehmer Schlange. Zeitweise laufen bis zu 50 Rennen gleichzeitig – mit jeweils zehn Teilnehmern.

Auch wenn ihm die Konkurrenz im Nacken sitzt, so liefert Johannes Bahnsen im eSailing weiterhin Top-Ergebnisse ab.

Für Johannes Bahnsen hat Virtual Regatta viele Reize: „Der Spaßfaktor ist, dass ich mich jederzeit mit Segeln beschäftigen kann und dafür kaum Platz brauche. Ich selbst spiele nur auf dem Handy. Mit einem kleinen Device kann man absolut konkurrenzfähig spielen. Der Unterschied zum PC ist nicht groß. Aus der professionellen Perspektive bietet Virtual Sailing auch einen Trainingseffekt. Mir selbst hilft das für das Liga-Segeln. Durch die Möglichkeit, sich im Spiel selbst zu beobachten und den Überblick-Modus anzuklicken, habe ich gelernt, mich besser in einer Regatta zu positionieren.“

Dennoch sagt der Liga-Segler, dass zum Erfolg im Segel-Spiel die praktischen Kenntnisse auf dem Wasser nicht unbedingt erforderlich sind. „Es gibt gute Gegenbeispiele von Usern, die keine Segel-Vorerfahrung haben. Man muss Lust haben und sich mit dem Spiel beschäftigen, dann kann man sich nach oben arbeiten.“ Im Gegenzug sind hier aber auch die Gamer nicht lange im Vorteil. „Der Reiz liegt auch darin, dass das Ganze sehr reduziert ist. Mit einigen wenigen Funktionen kommt man aus“, erklärt Bahnsen.

Das Boot zu steuern, zu wenden oder zu halsen, den Gennaker zu setzen und zu bergen: All das ist mit wenigen Fingertipps zu bewerkstelligen und wird nach der Anmeldung in der virtuellen Sailing-School geübt. Zusätzliche Tools werden im Spiel angeboten, um die Performance beim Steuern und bei den Manövern zu verbessern. Bahnsen: „Das ist sehr unterschiedlich, wie das von den Spielern gehandhabt wird. Ich selbst nutze davon selten welche. Aber für Einsteiger sind sie zum Teil ganz sinnvoll. Ich würde vor allem das VMG-Tool empfehlen, um den optimalen Kurs zu steuern. Das reduziert das Frustrations-Risiko.“

Die “grün” hinterlegten Regattaangebot sind eine gute Möglichkeit, um ins Geschehen hineinzufinden.

Die Werkzeuge werden in den einzelnen Rennen zum Teil gratis bereitgestellt, teilweise können sie mit Token erworben werden. Diese Token kann man sich erspielen, aber auch kaufen. Allerdings ist es laut Bahnsen nicht nötig, für Virtual Regatta tatsächlich Geld auszugeben.

Als Tipp für Einsteiger empfiehlt der VR-Fachmann, im Angebot der einzelnen Rennen erst einmal mit den auf der Seite „grün“ hinterlegten Regatten zu beginnen und sich nicht gleich auf die schnellen Segelklassen wie Nacra oder 49er zu stürzen, sondern mit den Sportbooten zu beginnen. Die sind durch die geringere Geschwindigkeit im Spiel wie auch in der Realität leichter zu handhaben. Hier kann man sich durch Erfolge stärken und auch Token erspielen. Bei den „blau“ hinterlegten Rennen geht es dann um Ranglistenpunkte.

Die blauen Regatten bringen Punkte für die Rangliste. Derzeit wird hier um die Princess Sofia Trophy gesegelt.

Abseits dieser für jedermann offenen Rennen haben für Bahnsen auch die Einladungs-Regatten hohen Reiz, die die Spieler über Discord-Chats verabreden: „Da spielt man gegen Gegner, die man persönlich kennt.“ Veranstaltungen zu bestimmten Abenden werden inzwischen von verschiedenen Clubs angeboten.

Für die aktuelle VR-Saison will der deutsche Champion versuchen, weltweit weiter in der Top-Region mitzusegeln und natürlich gern seinen nationalen Titel verteidigen. „Das wird schwer, denn derzeit ist ,Roxyoni‘, Jonathan Koch aus Überlingen, der Mann, den es in Deutschland zu schlagen gilt. In der Weltrangliste steht er auf Platz vier. Und es kommt immer mehr Druck von weiteren Spielern. Aber ich werde mich nicht so ohne weiteres geschlagen geben.“

Doch trotz allen Engagements für die Couch-Variante des Segelns ist für Bahnsen klar: „eSailing ist nur eine Ergänzung. Ich freue mich darauf, endlich wieder richtig segeln zu können, Leute zu treffen und gemeinsam Spaß zu haben.“

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.

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