Europe-Klasse: Deutscher Weltmeister nach 33 Jahren – Fabian Kirchhoff gewinnt Heimspiel

Historischer Sieg

Fabian Kirchhoff hat in der Europe-Klasse Gold für Deutschland geholt. Bei Starkwind gelang es ihm vor Kühlungsborn die Phalanx der Skandinavier zu durchbrechen.

Fabian Kirchhoff

Fabian Kirchhoff ganz oben auf dem Treppchen vor Norwegen und Dänemark. © privat

Dem 28-jährigen Herforder Fabian Kirchhoff ist Historisches gelungen. Nach 33 Jahren holte er den Weltmeister-Titel nach Deutschland in einer Klasse, die gefühlt seit Menschengedenken von den Skandinaviern dominiert wird.

Nach sechs Läufen im 76-Boote-Feld aus zehn Nationen verwies er den zweifachen norwegischen Weltmeister Lars Johan Brodtkorb und den Dänen Kristian Praest auf die Plätze. Bei der Kieler Woche hatte sich der Mann von der Seglervereinigung Hüde am Dümmersee dem Norweger noch klar geschlagen geben müssen. Nun drehte er den Spieß um.

Im 48-Boote-Feld der Frauen gewann Stine Schreiber Bronze hinter der Dänin Anna Livbjerg. Die holte den Titel zum siebten Mal in Folge. Silber ging an Ascensión Roca aus Spanien. Der letzte deutsche WM-Titel bei den Frauen liegt auch schon 11 Jahre zurück. Damals gewann Svenja Puls.

Wenig Zeit zum Üben

Kirchhoff hatte im vergangenen Jahr schon viel Trainingszeit in die physisch herausfordernde Europe investiert und bei der WM in Spanien Bronze geholt. Diesmal fehlte dem 1,70 Meter kleinen Segler eigentlich die Zeit zum Üben, weil er in Flensburg mitten im Lehrer-Refrendariat steht. Aber die wechselhaften Bedingungen halfen dem Allrounder.

Fabian Kirchhoff

Kirchhoff gibt alles für den Titel. © privat

Bei Leichtwind legte er die Basis, auch wenn er einen 50. Platz durch die Serie schleppte, als er im zweiten Rennen nach zwei Strafkreisen weit zurückfiel. Aber bei Starkwind segelte er mit den Plätzen 1/3 überragend und übernahm die Gesamtführung.

Als dann die geplanten vier weiteren Rennen unter anderem wegen Sturmwarnung ausfielen, und der letzte Lauf auf immer wieder verschoben wurde, musste Kirchhoff noch einmal zittern. “Zum ersten Mal überhaupt habe ich mir gewünscht, dass keine Läufe mehr stattfinden”, sagt der Weltmeister der Neuen Westfälischen. Am Ende erlebte er “die längsten drei Stunden meines Lebens”, bis die Deadline erreicht war.

Wurzeln in Belgien

Die Europe-Klasse scheint ein skandinavisches Phänomen zu sein, dabei liegen die Wurzeln des 56 Jahre alten Designs eigentlich in Belgien. Dort wurde es von Alois Roland als robuste Version im Regel-Rahmen der Konstruktionsklasse Moth gezeichnet.

So gehörten Belgier und Franzosen zu den ersten Siegern der Weltmeisterschaften, die seit 1966 ausgetragen werden. In dieser Phase gelang es nur dem Deutschen Klaus-Dieter Schultz, in die Phalanx der Westeuropäer einzubrechen. Er holte 1971 den Titel auf dem Ratzeburger See.

Dann begann tatsächlich die Phase der skandinavischen Dominanz. Norweger, Finnen, Dänen und Schweden nutzen den 3,35 Meter kurzen und 45 Kilo leichten Rumpf mit dem sieben Quadratmeter großen Segel, um die Optimisten-Umsteiger damit zu schulen. Der direkte Schritt zum Laser Standard zu groß. Und der Laser Radial war damals nicht populär.

Weltmeister 1984: Joachim Hellmich

In dieser Zeit haben sich die großen Namen des skandinavischen Segelsports in die WM-Sieger- und Medaillenlisten eingetragen. Der später Starboot-Silber-Gewinner Hans Wallén aus Schweden zum Beispiel, FD-Olympiasieger Ole Petter Pollen aus Norwegen oder Olympia Laser-Bronze-Gewinner Peer Moberg (NOR).

Deutschland spielte eine Zeitlang ganz vorne mit. Allen voran Joachim Hellmich vom Möhnesee, der 1984 beim Heimspiel in Kiel den WM-Titel gewann. Seitdem gab es für die deutschen Europe-Segler keinen großen Coup mehr zu feiern. Der Fokus richtete sich mehr auf die Frauen, denn von 1992 bis 2004 war die Europe für olympische Bootsklasse.

In dieser Zeit dominierte mit zwei Titeln die Holländerin Carolijn Brouwer, die gerade als erste weibliche Volvo Ocean Race-Siegerin mit Dongfeng gefeiert wird – sie war als einzige Frau des Teams bei allen Etappen an Bord. Für die herausragenden deutschen Erfolge sorgte Petra Niemann mit zwei Bronze-Medaillen (2002/03). Nach dem Verlust des Olympia-Status holte Svenja Puls 2007 den WM-Titel zum ersten und einzigen mal nach Deutschland.

Die ISAF vergab den Frauen-Olympia-Spot 2008 an den Laser Radial. Und damit trat das Schiffchen aus dem Fokus des großen Segel-Weltsports. Dennoch blieb die Klasse stabil. In Deutschland ist sie immer noch Jugendmeisterschafts-Klasse und das Optimalgewicht ist mit 60 bis 65 Kilogramm geringer als im Laser. Das macht die Klasse besonders für Frauen attraktiv.

Die Europe ist nach den jüngsten Entscheidungen zu den Olympia-Disziplinen für 2024 auch wieder im Gespräch. Sie könnte den geplanten Leichtgewicht-Spot für Frauen in der neuen Einhand Mixed Disziplin belegen.

Top Ten der Europe WM Männer in Kühlungsborn im Feld von 76 Schiffen.

Ergebnisse Europe Worlds 2018

Top Ten der Frauen bei 48 Starterinnen

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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4 Kommentare zu „Europe-Klasse: Deutscher Weltmeister nach 33 Jahren – Fabian Kirchhoff gewinnt Heimspiel“

  1. avatar Jason sagt:

    Lieber Carsten, leider hast Du mal wieder schlecht recherchiert: Anna Livberg ist Dänin, und Sven Stadel-Seiler ist 2006 Weltmeister für Deutschland geworden, allerdings 2010 und 2017 für Spanien.

    Nebenbei bemerkt, die Weltmeisterin im Laser Radial Emma Plasschaert und auch Anne-Marie Rindom, Bronze, kommen aus der Europe. Zeigt es doch, dass die Europe als Jugendboot einige Spitzensegler immer wieder hervor bringt. Leider scheint das der DSV noch nicht verstanden zu haben.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 2

    • avatar Carsten Kemmling sagt:

      Lieber Uwe, schön dass du dich über die Würdigung von Fabians großem Erfolg freust. Der Artikel ist eher zufällig zustande gekommen. Der Erfolg ging nahezu unter, da die Klasse offenbar auf Außendarstellung verzichtet. Ja, Frau Livberg ist Dänin. Dank für den Tipp. Wenn Herr Seiler für Spanien startet ist er für mich Spanier. – Was das alles jetzt mit dem DSV zu tun hat, verstehe ich nicht. Die Europe ist ein hübsches Boot, aber wer gefördert werden will, muss eben olympisch segeln, also Laser. Vllt ändert sich das ja mal irgendwann wieder.

      Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 1 Daumen runter 8

      • avatar Jason sagt:

        Hallo Carsten, Sven Stadel-Seiler ist definitiv 2006 Weltmeister für Deutschland geworden. Danach ist er für Spanien gestartet. Klar freue ich mich für Fabian, aber das weiß er persönlich.

        Zum DSV, das war nur eine Randbemerkung, doch leider muss man sagen, das die Europe Klasse immer wieder nur belächelt wird und nicht wirklich ernst genommen wird. Das liegt nicht an der Vermarktung der Klasse, sondern das die Verbände die Verbreitung nicht mehr wollen, statt dessen werden die kleinen Optiumsteiger in den Laser 4.7 gesteckt, was einer gewissen “Körperverletzung” gleich kommt.

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 9 Daumen runter 2

      • avatar Checker sagt:

        Falsch, Carsten !

        Der Sven ist Deutscher und hat die WM als Mitglied des Barther Segelvereins gewonnen:

        Bericht v. Jugend-Seglertag 2007

        “Einen Higtligt gab es in der Europe. Sven Stadel-Seiler wurde Weltmeister, Vize-Europameister sowie 6. bei der JEM. Er ist Mitglied im Barther Segelverein. Mir ist bewusst, das wir daran nur den Anteil der Mitgliedschaft haben. Nur zur Information, Sven ist Deutscher, lebt seit Jahren in Spanien und trainiert dort auch. In der Statistik hat ein Deutscher gewonnen, und der ist Mitglied in einem SVMV-Verein. Lässt sich auch nach außen verkaufen.”

        https://www.svmv.de/2007/03/bericht-vom-jugendseglertag-2007/

        Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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