Fastnet Race: Wie sich die Franzosen auf das britische Event vorbereiten

Stress in letzter Minute

Neues aus dem Wilden Westen: Gabart segelt lieber auf dem Gardasee, Le Blevec mag plötzlich keine Fischer mehr, Riou muss nochmal an die Klassenregeln, Kremer freundet sich mit ihrem IMOCA an und Cammas lässt Videos drehen. 

So seltsam es auch klingen mag: Die französische Hochsee-Regattaszene fiebert derzeit einem Rennen entgegen, das nicht von Franzosen organisiert, geleitet oder gar dominiert wird. Sonst eher auf Regatten fokussiert, die in den eigenen Reihen erdacht und zumindest in französischen Gewässern gestartet werden, machen die Seglerinnen und Segler des „Grand Bleu“ traditionell alljährlich eine Ausnahme und nehmen mit vollem Elan und reichlich sportlichem Ehrgeiz an DEM Hochsee-Regatta-Spektakel teil: dem Rolex Fastnet Race.

Die Franzosen lieben das Fastnet

Das längst legendäre Rennen (vom Solent ums englische Land’s End, zum namensgebenden Fastnet-Felsen vor der irischen Küste und zurück) mit der weltweit größten Flotte an Offshore Yachten vereinigt bekanntlich die Creme de la Creme des Hochsee-Regattasports. Wobei selbstredend die Franzosen nicht fehlen wollen oder dürfen. Und schon gar nicht, wenn ihre (derzeitigen) Lieblings-Hochsee-Renner dort für quantitative und qualitative Furore sorgen werden. 

Fastnet Race, IMOCA, Ultim

Typischer Fastnet Race Rummel nach dem Start © fastnet race

Denn auch die Organisatoren des Fastnet-Race sind unverhohlen glücklich darüber, dass sie in diesem Jahr sage und schreibe 21 IMOCA, 22 Class 40 und immerhin vier der aktuell fünf Ultim-Trimarane am Start haben werden. Wobei nicht gesondert erwähnt werden muss, dass in diesen Klassen das „Gros“ an Booten, Skippern und Skipperinnen von den Franzosen gestellt wird. 

Stress (fast) überall

In den bekannten Regatta-Häfen des französischen Wilden Westens wie etwa la Trinité, Lorient oder Port la Foret ist derzeit der alljährliche Vorbereitungsstress auf dem Höhepunkt angelangt. Bei den Teams, deren Boote (vermeintlich) fertig präpariert sind, ist Training, Training und nochmals Training im Gange. Nach jeder dieser Ausfahrten warten dann schon die Shore-Teams, um eine Liste mit Änderungswünschen, Verbesserungsvorschlägen und/oder notwendigen Reparaturen entgegen zu nehmen. „Bitte bis morgen erledigen, dann müssen wir wieder raus, es weht gerade super Wind“ dürfte der meistgehasste Satz in diesen Tagen bei den Preparateurs und Bootsbauern sein. 

Fastnet Race, IMOCA, Ultim

So schön kann segeln sein – wenn nur nicht die Fischer im Weg wären © actual

Doch über diese Art von – meist sportlich ertragenem – Stress können die „Preps“,  technischen Leiter und Teammanager auf den Booten, die noch nicht segelfertig, aber trotzdem längst für das Fastnet gemeldet sind, nur milde lächeln. Und davon gibt es erstaunlich viele. So beginnt etwa bei Arkea Paprec (SR-Bericht) heute erst die Vermessung des Bootes nach den IMOCA-Klassen- und Fastnet-Sicherheitsregeln. Was dem Technik-Boss Vincent Riou einige weitere „weiße Haare“ bescheren dürfte. 

Fastnet Race, IMOCA, Ultim

Auch die Britin mit Wahlheimat Frankreich Sam Davies will wieder möglichst vorne mitmischen © davies/ initiative coeur

Wohlgemerkt, der Startschuss des Fastnet Race fällt am Samstag, dem 3. August. Und bis dahin müssen noch die Boote nach Cowes überführt werden. 

Unter ähnlichem Druck dürfte Thomas Coville stehen. Dessen Ultim-Trimaran „Sodebo“ wurde am Montag in vermeintlicher Seelenruhe in Lorient zu Wasser gelassen. Im Frühsommer hatte der Tri-Neubau bereits erste Meilen gesegelt, musste aber anschließend wieder in die Werfthalllen für „dringend notwendige Besserungsarbeiten“. Sozusagen als Kirsche auf der Torte gab es dann noch ein neues „branding“ respektive einen neuen Look mit neckischen Männchen, die am Mast kleben. 

Quali-Meilen noch zu schaffen?

Wie auch immer: Sodebo ist zwar beim Fastnet Race eingetragen, doch die Teams der anderen Rennställe fragen sich gerade, wie „Sodebo“ es noch schaffen will, die von den Fastnet-Organisatoren für Ultim-Trimarane geforderten 2.000 Qualifikationsmeilen zu segeln. Aber das kann bei günstiger Wetterlage bei einem Schnitt von 20 Knoten ziemlich schnell gehen. 

Besonders hart hatte es in der Ultim-Szene übrigens Yves Le Blevec auf seinem neuen/alten Trimaran „Actual“ getroffen. Der Trimaran-Abenteurer hatte nach der letzten Route du Rhum mit Hilfe seiner Sponsoren den (beschädigten) Sodebo-Ultim-Trimaran von Thomas Coville gekauft, mit dem der bereits in Rekordzeit um die Welt gesegelt war. Le Blevec ließ das robuste Monster reparieren und verpasste ihm zwei Foils der neuesten Generation. Alles schien also in Butter, als der Trimaran im Mai in “la Base“ vor Lorient zu Wasser gelassen wurde. Doch schon nach ein paar Segeltagen „la catastrophe“: „Actual“ wird von einem Berufsfischerboot im Vorhafenbecken gerammt. Der Fischer hatte Wichtiges unter Deck zu erledigen, den Autopiloten eingeschaltet, offenbar die Zeit vergessen und brummte prompt in den Trimaran, der nicht mehr ausweichen konnte. Also wieder Mast runter, Foils raus, ab in die Werft und und und. 

Doch in Tag- und Nachtschichten konnte die Crew den Schaden beheben, mit zwei Wochen Verspätung segelt „Actual“ derzeit 2.000 Quali-Meilen ab. Le Blevec ist zuversichtlich: „Das Fastnet Race kann kommen. Wir werden noch einige überraschen, glaubt mir!“ 

Es geht aber auch anders

Etwas entspannter geht es bei den anderen Ultim Trimaranen zu, die sich derzeit für das Fastnet Race vorbereiten. Einhand-Weltumseglungs-Rekordhalter Francois Gabart trainierte in anderen Dimensionen das Foilen auf seiner „Phantom“ (siehe Video) auf dem Gardasee. Franck Cammas und Charles Caudrelier machten aus ihrem Quali-Ritt auf „Gitana“ eine coole Medien-Show, die mit einem ziemlich lässigen Video dokumentiert wurde. 

Apropos Medien: Auch Clarisse Kremer hat endlich „mal“ ihren Banque Populaire-IMOCA bewegt. Nach ihrer sehr wohlwollend aufgenommenen Teilnahme bei der „Solitaire du Figaro“ – bei der sie sich übrigens mitunter ziemlich gut schlug – war sie in den letzten Wochen öfters mit Armel Le Cleac’h und wohl auch einige Male alleine vor den bretonischen Küsten auf ihrem 60-Fußer unterwegs. Zwar wird Kremer mit Armel le Cleac’h das Fastnet segeln, doch dürfte sie sich kaum auf dessen Vorschusslorbeeren ausruhen wollen. Die bekanntlich höchst ehrgeizige Profiseglerin will auch vor England und Irland für ihr Team und sich selbst gewisse Akzente setzen – zumindest ist das ihr erklärtes Ziel. 

Fastnet Race, IMOCA, Ultim

Clarisse Kremer bei ihrem ersten Solo-Ritt auf der IMOCA Banque Populaire © banque populaire

Was allerdings selbst mit einem le Cleac’h an ihrer Seite nicht leicht fallen wird. Denn (fast) alle, die Rang und Namen unter den IMOCA-Seglern haben, werden am Start sein: Von Jeremie Beyou auf „Charal“, (hoffentlich) Sebastien Simon auf „Arkea Paprec“, Alan Roura auf „La Fabrique“, Sam Davies auf Initiatives Coeur“, Boris Herrmann auf „Malizia“ bis zu Yannick Bestaven auf „Maitre Coq“ (um nur einige wenige zu nennen). Lediglich Isabelle Joschke fehlt – ihre IMOCA ist noch nicht fertig und wird wohl nicht vor Ende August wieder zu Wasser gelassen.

Fastnet als Generalprobe

Jetzt schon ist klar: Vor allem für die Skipper und Skipperinnen der Ultim Trimarane und der IMOCA wird das Fastnet ein ultimativer Test unter Regattabedingungen sein, nach dem sie noch ausreichend Zeit haben werden, um etwaige kleinere und größere Baustellen an Land zu erledigen. Bevor sie dann mit nur wenigen Tagen Abstand im November zu ihren diesjährigen Saisonhöhepunkten (zweihand) starten werden: Die Transat Jacques Vabre und die Brest Atlantique. 

Fastnet Race, IMOCA, Ultim

Die Fastnet-Route © fastnet race

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

3 Kommentare zu „Fastnet Race: Wie sich die Franzosen auf das britische Event vorbereiten“

  1. avatar klaus sagt:

    Super Artikel!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

  2. avatar breizh sagt:

    Danke für den guten und humorvoll geschriebenen Artikel. Weitere Berichte zum Fastnet sind sehr willkommen.

    Die Vorstellung, das Gabart auf dem Gardasee foilt, ist schon amusant. So viele Manöver ist er ja gar nicht gewöhnt zu segeln :).

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  3. avatar Roar sagt:

    “Einstein” scheint in der Gruppe IRC Zero starten zu wollen, d.h. dem Vergleich mit den anderen IMOCA 60 aus dem Wege zu gehen.

    https://www.rolexfastnetrace.com/downloads/2019_docs/2019_rolex_fastnet_race_entry_list_230719.pdfy

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