Finn Dinghy: Comeback des America’s Cup Stars – eSailor auch auf dem realen Wasser stark

Entdeckung der Langsamkeit

INEOS Team UK-Taktiker Giles Scott hat nach halbjähriger America’s Cup Auszeit ein starkes Finn-Comeback abgeliefert. Nur einer war besser – allerdings deutlich. Auch eSailing Weltmeister und CL-Sieger Joan Cardona segelte gut als Vierter.

Der alte und neue Europameister Zsombor BERECZ aus Ungarn. © Joao Costa Ferreira

Ein halbes Jahr hat Finn-Dinghy-Olympiasieger und Vierfach-Weltmeister Giles Scott sein Sportgerät vernachlässigt und sich den Aufgaben als Taktiker für Ben Ainslie beim INEOS Team UK gewidmet. Kurz vor den Olympischen Spielen ist eine solche Auszeit normalerweise kaum zu kompensieren. Aber schon Peter Burling und Blair Tuke haben im 49er mit ihren letzten beiden WM-Titeln gezeigt, dass man offenbar auch neben einer America’s Cup-Kampagne erfolgreich olympisch segeln kann.

Scott hat nun bewiesen, dass die Welten mehr und mehr zusammenrücken und die Grenzen immer fließender werden. Auch wenn er nun wieder die Langsamkeit des Finn-Dinghys wiederentdecken muss und sich an eine Rumpfgeschwindigkeit von 5 statt 50 Knoten gewöhnen muss.

Es klappt aber auf Anhieb gut. Bei der Finn-Europameisterschaft in Vilamoura (Portugal) gewann er die Silbermedaille. Allerdings wird den Superstar der Olympiaszene nerven, dass er dem Ungarn Zsombor Berecz so deutlich unterlegen war. Der Weltmeister von 2018 brauchte das letzte Rennen nicht mehr mitsegeln und behauptete nach zehn Rennen dennoch eine Führung von 23 Punkten (Ergebnisse Finn EM Vilamoura 2021) – das sind Welten.

Giles Scott in Action. © Joao Costa Ferreira

Aber Berecz dürfte sich kaum auf der aktuellen Überlegenheit ausruhen. Denn Scott wird es auch nicht tun. Und der Brite kann seinen zweiten Olympiasieg mit generalstabsmäßiger Vorbereitung und großem Budget planen. So hat er sich ein eigenes professionelles Trainingsteam zusammengestellt. Er bezahlt zwei Sparringspartner, die ihn schnell machen sollen.

Fehlende Perspektive für Sparringspartner

Normalerweise ist es für einen Olympiasieger nicht so schwierig, adäquate, heiße Gegner für harte Trainingseinheiten zu bekommen. Gerade jüngere Segler, die sich auf eine eigene Kampagne beim nächsten Zyklus vorbereiten, können damit eine Abkürzung auf der Straße zum Erfolg nehmen. Aber mangels einer Olympia-Perspektive nach des Finn-Rauswurf für 2024 muss Scott nun Geld für solche Dienste zahlen.

Die Finn-Flotte an der EM-Startlinie vor Portugal. © Joao Costa Ferreira

Dabei dürfte Jim Ratcliff von INEOS eine Rolle spielen, der Scott wohl auch für die nächste America’s Cup Kampagne als kongenialen Ainslie-Partner verpflichtet hat. Jedenfalls kann der Brite nun gleich auf zwei helfende Landsleute zurückgreifen. Der Weltranglisten 8. Henry Wetherell (25) gibt noch einmal Gas und erreichte prompt als 7. seine beste internationale Meisterschaftsplatzierung.

Und Scott konnte Ben Cornish von einer Rückkehr in die Finn-Klasse überzeugen, den seit 2018 als Teamgefährte beim America’s Cup Team mit ihm arbeitet – allerdings als Grinder. “Ich unterstütze Giles bei seiner komprimierten Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in diesem Sommer”, sagt der britische Modellathlet. “Wir haben ein großartiges Trainings-Setup mit drei Booten und Matt Howard als Trainer. Wir haben eine gute Dynamik entwickelt” Ziel sei am Ende ist der Erfolg für Scott in Tokio.

Ben Cornish zeigt seine Muskeln. © INEOS Team UK

“Ich war nicht mehr im Boot, seit ich 2018 zum INEOS Team UK gekommen bin, und es ist fantastisch, wieder im Finn zu segeln. Das Boot ist immer noch harte Arbeit für den Körper und ich bin nicht mehr in der Form von früher.” Für die Grinder-Arbeit hat er die Ausreit-Muskulatur vernachlässigt. In Portugal waren aber eher Leichtwindfähigkeiten gefragt. Dabe schaffte es Cornish nur auf Rang 28.

Historischer Erfolg für die Schweiz

Deutlich besser lief es für den Schweizer Nils Theuninck, der nach 30 Jahren in dieser Klasse eine Bronzemedaille für die Schweiz gewann. Der 24-Jährige hat allerdings ein anderes Ziel im Visier.  Er sieht die EM “als gutes Training für die Weltmeisterschaft”, die schon in wenigen Tagen vom 3. bis 12. Mai ebenfalls in Portugal (Porto) beginnt. Dabei geht es für ihn um alles – nämlich die Last Minute-Qualifikation für die Olympischen Spiele.

Nils Theunick bei der EM für die Schweiz. © Joao Costa Ferreira

Ein europäischer Quotenplatz wird noch vergeben und darum bewerben sich noch starke Segler wie etwa der französische Olympia-Dritte von 2012 Jonathan Lobert. Besonders formstark erscheint aber der junge Spanier Joan Cardona (22), dem Theuninck um einen Platz die Medaille wegschnappte.

Cardona weiß die versammelte eSailing-Gemeinde hinter sich, denn er ist aktuell der beste eSailor in der Welt. Nach dem zweiten Tag hatte er mit zwei Tagessiegen sogar die Führung übernommen, war nach einem Frühstart-DQ aber wieder zurückgefallen.

Als eiziger deutscher Starter landete Simon Gorgels auf Platz 34. Philipp Kasüske hatte vor einem Jahr seine Finn Dinghy Karriere beendet und konzentriert sich nun auf das Ocean Race mit OTG. Danach strich der DSV die Unterstützung der Klasse und einige Monate später stoppte auch Max Kohlhoff den Versuch, noch um den letzten vakanten europäischen Olympiaplatz zu kämpfen.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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