Fortuna auf dem Wasser: Alles nur Pech? – Kontrollverlust beim Wettsegeln

Glücksspiel unter freiem Himmel?

Die US-Segellegende Jonathan McKee erklärt, welche Rolle Glück und Pech beim Regattasport spielen. Wie ihm das Schicksal zwei Weltmeister-Titel bescherte.

Jonathan McKee ist eine Legende im US-Segelsport. Kaum ein Segelprofi hat eine solche Wandlungsfähigkeit gezeigt wie der 59-Jährige. Er gewann 1984 Olympia-Gold im Flying Dutchman, bewältigte nach 13 Jahren olympischer Segelpause den Umstieg in den 49er und gewann Bronze in Sydney um schließlich im America’s Cup (OneWorld 2003 und Luna Rossa 2007) gutes Geld zu verdienen wie auch beim folgenden Volvo Ocean Race mit Puma (2008 – 09).

Jonathan McKee

Jonathan McKee mit seiner Frau im Tasar. © Tasar Worlds

Zwischendurch zeigte er den Franzosen, was passieren kann, wenn sich ein Top-Profi aus dem Rest der Segelwelt ihrer Szene annimmt. Er bereitete sich auf das Mini Transat Rennen vor, dominierte die Regatta und wurde erst wenige Tage vor dem Ziel durch einen Mastbruch gestoppt.

Seinen letzen WM-Titel gewann McKee 2017 in der Tasar-Klasse. Im japanischen Gamagori war er zum vierten Mal mit seiner Frau erfolgreich, mit der er dieses Zweihand-Dinghy seit 29 Jahren segelt. Sie behaupteten sich in einem Feld von 97 Booten.

Dann läuft das Zeitlimit ab…

Der Mann weiß, worum es beim Wettsegeln geht. In einem Artikel für das Magazin Sailing World hat er sich mit dem Thema Glück auseinandergesetzt. Welche Rolle spielt dieser Faktor für Erfolge?

McKee erzählt, wie er 2001 noch einmal überraschend mit seinem Bruder Weltmeister im 49er geworden ist. Im letzten Rennen lagen sie in gut platziert unter den Top Fünf und die ärgsten Gegner der Gesamtwertung weit hinten. Bei dieser Konstellation würde es zum Titel reichen.

Aber der Wind schläft ein, das Zeitlimit läuft ab, und das Rennen wird nicht zählen. “Unser Pech”, sagt der Skipper. Doch dann wenden sich die Dinge noch einmal. Die Wettfahrtleitung besteht darauf, den Lauf zu werten. Nach einer Reihe von Protesten und einer laut McKee nicht von ihm angestrebten “obskuren Berufungsverhandlung” zählt das Ergebnis der Wettfahrt schließlich doch. Plötzlich ist er Weltmeister.

“Erst hatten wir Pech aber dann Glück. Wir konnten es nicht beeinflussen.”

Flautenspezialist kommt nicht zum Zug

Er beschreibt einen anderen Fall bei der Melges 24 WM 2005. Bei starkem Wind hat sein Team eine solide Führung aufgebaut, aber bei leichtem Wind sind die Italiener schneller. Am letzten Tag herrscht nun wenig Wind. Die Italiener gewinnen das erste Rennen McKee wird 12. Der Vorsprung ist auf zwei Punkte geschmolzen. Ein Lauf steht noch aus. Die Amerikaner hätten wohl keine Chance. Aber dann schläft der Wind völlig ein, und es kann nicht mehr gestartet werden.

“Auch hier ist ein Glücksfall entscheidend für den Gewinn einer großen Meisterschaft”, sagt McKee. “Oder ist es Pech für die anderen Teams?”

Jeder kennt solche Momente im Segelsport. “Der Faktor Glück ist in unserem Sport so stark verwurzelt, dass er fast jeden Aspekt betrifft. Aber Glück ist nicht einfach nur Schicksal. Es wendet sich in beide Richtungen gleichermaßen. Allerdings ist es möglich, so gut zu werden, dass man solche kleineren Rückschläge überstehen kann. Genau danach streben alle Top-Segler. Ein Paul Elvström hat das zum Beispiel geschafft. Für die meisten Sterblichen hat Glück und Unglück jedoch einen wesentlich größeren Einfluss auf unsere Ergebnisse.

Pech als Entschuldigung

Glück entsteht oft durch bessere Geschwindigkeit, Taktik und Manöver. Man nennt es dann gemeinhin Fortune, oder das Glück des Tüchtigen. So genanntes Pech ist dagegen manchmal eine einfache Entschuldigung für schlechte Vorbereitung oder falsche Entscheidungen.

Doch selbst unter den fairsten Bedingungen gibt es viele Faktoren, die wir nicht kontrollieren, die aber einen erheblichen Einfluss auf jedes Rennen haben können. Wenn zum Beispiel plötzlich eine Tüte am Schwert hängt, oder man zu einem kritischen Zeitpunkt von Motorboot-Wellen gebremst wird, die den Gegner nicht aufhalten.”

Über eine längere Rennserie sollen sich solche unvorhersehbaren Ereignisse eher ausgleichen. Deshalb werden Segelregatten über mehrere Tage abgehalten. “In einer langen Serie wird in der Regel das beste Team gewinnen”, ist McKee überzeugt. “In einer kurzen Serie mit gleichguten Teams wird jedoch dasjenige siegen mit mehr Fortune. Glaubt mir, ich habe mich schon oft auf beiden Seiten befunden.”

Zugeben, dass man Glück hatte

Wie geht man mit diesen Phasen des Sports, die wir nicht kontrollieren können, um?

“Der erste Schritt ist Akzeptanz. Es ist hilfreich, zuzugeben, wenn wir etwas Glück hatten. oder es ist gut, das Unglück eines anderen anzuerkennen. Dann können wir die Bedingungen und unsere Leistung realistischer einschätzen. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich täuschen lässt und zukünftige Entscheidungen auf dem Wasser davon abhängig macht.

Gute Segler treffen weiterhin rationale und intuitive Entscheidungen, auch wenn etwas ungewöhnliches passiert. Viele von uns verlassen sich bei ihrem nächsten Zug zu sehr auf die jüngste Vergangenheit. Sie passen ihre Entscheidungen dem Erlebnis des möglicherweise zufälligen Ereignisses an.”

Das liege daran, dass die meisten Menschen so viel Angst davor haben, Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Sie richten ihre Handlungen darauf aus, das einen wiederholten Fehler nicht bedauern zu müssen.

Nie wieder links

“Deshalb sagen manche Skipper, ‘Ich werde nie wieder auf die linke Seite segeln’, nachdem es das letzte Mal dort nicht funktioniert hat.  Aber solche Aussagen können nur zu weiteren Fehlern führen”.

“Ein letzter Punkt zum Thema Glück”, sagt der Pro. “Es ist leicht zu glauben, dass wir nur so gut sind wie unser letztes Rennen. Dabei wissen wir, dass es Rennen gibt, bei denen wir aus zufälligen Gründen untypisch schlecht sind, und umgekehrt. 

Aber wir sind nie so schlecht wie unser schlimmstes Rennen, und wir sind nie so gut wie bei unserem besten Rennen. Die Wahrheit liegt immer dazwischen. Wenn wir in Bezug auf unser Selbstvertrauen einen gleichmäßigen Kurs halten, können wir konsequenter segeln und es mehr genießen. Vielleicht gelingt es sogar ab und zu lachen, wenn die Glücksgöttin beschließt, eine schlechte Karte auszuspielen.”

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Ein Kommentar „Fortuna auf dem Wasser: Alles nur Pech? – Kontrollverlust beim Wettsegeln“

  1. avatar Drachenfan sagt:

    Der Unterschied zwischen Glück und Können ist Konstanz. Am Ende sind die Besten vorne.

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

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