Anna Maria Renken und Hannah Jenner beim Global Ocean Race: Kentertest im zweiten Anlauf

Das Projekt stand auf der Kippe

Kentertest. Die Class 40 Yacht wird ohne Rigg von einem Kran auf den Kopf gedreht. © Hanna&Anna

Anna-Maria Renken und Hannah Jenner haben zwei äußerst unangenehme Wochen hinter sich, nachdem sie beim Kentertest für das Global Ocean Race durchgefallen waren. Ihre Class 40 hatte sich aus der Über-Kopf-Lage nicht selbst aufgerichtet, als sie mit Hilfe eines Kran umgeworfen worden war.

Dieser Test muss zwingend vor der Teilnahme am Global Ocean Race bestanden werden, für das die beiden Frauen gemeldet haben. Das gesamte Projekt stand auf der Kippe, weil das Schiff ohne erfüllten Test nicht zugelassen worden wäre.

Nach einigen Umbauten waren sie nun erfolgreich, wie das Facebook-Video zeigt. 14 Minuten dauerte es, bis „40 Degrees“ aus der umgekehrten stabilen Schwimmlage wieder Wasser unter dem Kiel hatte. Hannah Jenner berichtet:

“Es ist äußerst unangenehm, mit einer Yacht umgeworfen zu werden, wenn man da drin sitzt. Und es ist noch unangenehmer, wenn man es zweimal am Tag tun muss, ohne ein Ergebnis zu bekommen. Und wenn man zum dritten Mal antritt, ist es dann überhaupt nicht mehr lustig.

Das Schiff liegt stabil auf dem Deck. Der Kiel kann nicht geschwenkt werden. © Hannah&Anna

Die Untersuchungen nach dem ersten Test hatten ergeben, dass wohl eine Softwarepanne bei den ursprünglichen Berechungen zu falschen Angaben über die nötige Wassermenge in den Tanks geführt hat, die zum Aufrichten nötig ist.

Man musste also neue Tanks einbauen. Dafür hätte aber die Zeit nicht gereicht und es wäre viel zu teuer gewesen. Unser Budget war schon für diesen neuen Test arg strapaziert. So etwas ist nicht billig.

Nur durch den eingepumpten Wasserballast unter Deck beginnt das Schiff, sich zu drehen. © Hannah&Anna

Wir redeten, grübelten, wollten weinen, waren grantig, lachten hysterisch und überlegten, aus dem Rennen auszusteigen. Bis wir auf eine unübliche Idee kamen: Wenn wir keine festen Tanks einbauen können, warum nehmen wir nicht flexible Behälter? Sechs solcher Blasen würden 200 Liter aufnehmen können.

Aber wie sollten wir sie im Schiff befestigen, ohne das Schiff zu beschädigen? Keine schöne Vorstellung, zerquetscht zu werden.

Der Kiel knallt ins Wasser. Das Frauenteam muss sich unter Deck festhalten. © Hannah&Anna

Wir arbeiteten in der vergangenen Woche am Limit, während sich die Konkurrenten darauf vorbereiteten Richtung Start nach Mallorca zu segeln. Aber Freitag waren wir dann so weit wie wir nur konnten und fühlten uns körperlich krank.

Es war gar nicht so sehr der Gedanke an einen weiteren durchgefallenen Test sondern vielmehr die Vision, dass wieder so viel Wasser durch die Hauptluke eintreten würde, wie beim letzten Mal. Wir wollten überhaupt nicht mehr dieses Geräusch des ins Boot rauschenden Wassers hören.

Dann war es so weit. Das Schiff rollte mit uns im Rumpf auf den Kopf, wir warteten und
lauschten. Dann kletterte Anna nach hinten, um die Stellen zu überprüfen, wo beim letzten Mal das Wasser eintrat. Alles klar! Nur kleinste Rinnsale.

Platsch! Es ist vollbracht. Hannah und Anna dürfen um die Welt segeln. © Hannah&Anna

Wir begannen mit dem Pumpen. Anna füllte die bisherigen Tanks und ich vorne die neuen flexiblen Blasen. Wir fühlten, wie das Schiff mit jedem Pumpzug etwas mehr krängte. Stimmen sagten uns über Funk, dass es gut aussehen würde. Und diesmal kangen sie ehrlicher als dieses angestrengte Murmeln beim letzten Test.

Als die hinteren Tanks voll waren und auch fast alle neuen drehte sie sich um. Geschafft!

Nun haben wir noch eine Woche für die Vorbereitung. Es wird richtig knapp. Und wir hätten schon längst aufgeben können. Der Weg zur Startlinie ist echt stressig mit dem schmalen Budget und den unerwarteten Problemen. Aber das macht es auch so besonders, ein Teil dieses Teams zu sein.

Wir danken allen, die uns bei diesem Weg geholfen haben. Wir werden euch stolz machen…”

Zum Thema:

Eine Frau will um die Welt SR-Interview mit Anna Maria Renken

 

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Carsten Kemmling

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5 Kommentare zu „Anna Maria Renken und Hannah Jenner beim Global Ocean Race: Kentertest im zweiten Anlauf“

  1. avatar dreas sagt:

    hoffen wir das im fall der fälle der kentertest auch unter unwirtlichen bedingungen in der freien see funktioniert. der bericht liest sich ein bisschen als ginge es eher um das cheaten des tests statt um die sicherheit. die motivation mitzusegeln ist vermutlich sehr stark aber darf nicht über sicherheitsaspekten stehen. beim fastnet hat man grad wieder gesehen wie schnell eine situation aus dem ruder läuft. da muss man sich auf die fähigkeiten des schiffs verlassen können.

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  2. avatar Egon sagt:

    Vielleicht funktioniert es in der Welle sogar noch besser als im platten Hafenbecken?
    Immerhin wurden überhaupt Kentertests eingeführt, nachdem Open60 völlig stabil auf dem Dach schwammen. Aber auch hier gilt das Gleiche wie bei “Rambler” und allen Rennern: Erst einmal zählt nur die Leistung des Bootes. Dass es sich im Falle eines solchen Kopfstandes besonders einfach oder schnell wieder aufrichten läßt, kommt an 28. Stelle. Hauptsache, der Test wird irgendwie bestanden.

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  3. avatar Ketzer sagt:

    Kann mir mal jemand erklären, was dieser Test soll? Im glatten Hafenwasser und ohne Rigg. Aussagefähigkeit ist in meinen Augen = Null.

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  4. avatar John sagt:

    Witzig finde ich auch das Stichwort “Softwarepanne”. Wenn man dann überlegt, dass solche Boote zu 99,99% am Rechner entstehen, mag man sich gar nicht vorstellen, was noch alles pannenhaft konstruiert wurde.

    Ob die Ihren Konstrukteur in Regress nehmen könnnen? 🙂

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  5. avatar hanseatic sagt:

    Wie man hört, steht das gesamte Projekt weiterhin arg auf der Kippe weil die Mädels mit fast leeren Taschen da stehen. Irgendwie bitter, dass es den beiden weder in England noch in Deutschland gelingt einen zahlungskräftigen Hauptsponsor aufzutreiben. Würde sie ja schon gern beim Rennen sehen.

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