Golden Globe Race: Finne Lehtinen Letzter im Ziel – Von Muscheln und Haien gebremst

Rekord der Langsamkeit

Golden Globe Race, Tapio Lehtinen

Der Finne bei der Ankunft vor Les Sables d’Olonnes . © PPL/GGR

Erst verbot man ihm, den Muschel- und Pockenbewuchs an Rumpf und Kiel in einer Bucht abzukratzen. Dann warnte ihn ein Hai durch seine simple Präsenz vor einer Säuberungsaktion. Also schaltete Tapio Lehtinen in den „Chill-Modus“.

Als der Finne Tapio Lehtinen vor etwas weniger als einem Jahr am Hochseesteg von Les Sables d’Olonnes sein Boot akribisch putzte, wienerte und auf Hochglanz brachte, wäre er wohl niemals auf die Idee gekommen, dass zumindest im entfernten Sinne das Thema „Sauberkeit“ für ihn eine Schlüsselrolle beim Golden Globe Race 2018/19 spielen könnte. 

Golden Globe Race, Tapio Lehtinen

Tapio machte aus seinen Last-Minute-Vorbereitungen ein Event © miku

Nur wenige Tage vor dem Start zu dieser Jubiläumsregatta anläßlich des 50. Jahrestages der Rückkehr des einzigen Sunday Times Golden Globe Race-Finishers Robin Knox-Johnston im Jahre 1968, machte Tapio unter allen 17 Teilnehmern der Nonstop-Einhand-Weltumseglungsregatta einen besonders offenen und informationsbereiten Eindruck.

Als wäre die anstehende Weltumseglung nur ein „weiterer, ganz normaler Törn“ auf einer sowieso schon langen Seemeilen-Liste, ließ er die zu Tausenden angereisten Zuschauer auf dem Steg an seinen Vorbereitungen teilhaben.

Akribisch vorbereitet

 Während die anderen Segler und die eine Seglerin schon seit Tagen fix und fertig abfahrtbereit auf ihren Booten am Steg dümpelten und jetzt „nur noch“ die zahlreichen Fragen der  Medienmenschen zu beantworten hatten, machte Tapio Lehtinen aus seinen Last-Minute-Vorbereitungen ein kleines Event.

Er stapelte Proviant, Ersatzteile, Werkzeug, große Seesäcke mit Klamotten neben seinem Boot und rollte einen Teil seiner Segelgarderobe aus, um vermeintliche Schwachstellen mit Tape zu verstärken. Er kletterte mehrfach in den Mast, blieb dort oben gefühlte Ewigkeiten, um akribisch jeden Zentimeter am stehenden Gut zu überprüfen. Und er beantwortete, teils mit Hilfe eines Dolmetschers, allzu bereitwillig alle Fragen der vorbei flanierenden Neugierigen.

Kurz: Tapio Lehtinen machte rundum den Eindruck eines Salzbuckels, der sich perfekt auf dieses Golden Globe Race vorbereitet hatte. Und dabei besonders stolz auf sein blitzsauberes und ausgefallen formschönes Boot war. 

Golden Globe Race, Tapio Lehtinen

Feind aller Langfahrtsegler © favreau/ggr

Als Tapio nun nach seinem glücklich beendeten Nonstop-Törn rund um den Globus, sein Boot erneut Hunderten Neugierigen zur Schau stellte, sah die Situation – obwohl fast am gleichen Ort – etwas anders aus.

Diesmal ließ er seinen Langkieler sogar ganz aus dem Wasser kranen, um aller Welt zu zeigen, warum er mit 322 Tagen und acht Stunden so etwas wie einen Rekord der Langsamkeit für Nonstop-Einhand-Weltumseglungen aufgestellt hatte: Rumpf und Kiel seiner „Asteria“ sind von oben bis unten in dicken Schichten mit Muscheln bewachsen. 

„Mir war von Anfang an klar, dass ich weit entfernt vom Erstplatzierten dieses Rennen beenden würde,“ sagte Tapio am Sonntag kurz nachdem er die Ziellinie überquert hatte und in Les Sables d’Olonnes wieder festen Boden unter den Füßen hatte. „Aber 111 Tage langsamer? Das ist schon heftig!“ 

Dennoch machte der 61-Jährige während der ersten Interviews keineswegs den Eindruck, als sei er nun zutiefst frustriert über dieses Ergebnis. „Immerhin bin ich einer der Wenigen, die überhaupt angekommen sind. Und das ist schon mal eine echte Leistung, oder nicht? Für mich ist dieses Golden Globe Race die wahrscheinlich wichtigste Erfahrung in meinem Leben. Und, ja, ich kann mir eine erneute Teilnahme in ein paar Jahren durchaus vorstellen!“ rief er bestens gelaunt in die Kameras und Mikrofone. 

Als er nach einer ordentlichen Mütze Schlaf schließlich sein Boot von unten inspizieren konnte, sagte er nur lachend: „Kein Wunder! Aber immerhin kann ich die Muscheln jetzt abkratzen und vielleicht sogar auf dem Markt verkaufen. Die Franzosen stehen doch auf exotisches Meeresgetier, oder nicht?“

Zentnerweise Muscheln spazieren gefahren

Jeder Seesegler kennt die Problematik: Bewuchs am Rumpf bremst. Basta. Regattasegler ärgern sich schon über einen Schmierfilm in Millimeterstärke, der ihre Yacht um einen halben Knoten bremsen kann. Und Fahrtensegler wissen sowieso, dass die Pocken, Muscheln und Algenschmiere untenrum ganz schnell aus einem einigermaßen flotten Cruiser eben mal ein träges „Butterschiff“ machen. Das dann nur noch die Hälfte seiner Rumpfgeschwindigkeit schafft – auch bei idealen Bedingungen!

So wird nachvollziehbar, warum der Finne so deutlich länger als der Sieger Jean Luc van den Heede (73) gebraucht hat. Denn wenn aus 6 -8 Knoten Höchstgeschwindigkeit 4-5 Knoten werden, kann sich so ein Weltumseglung dehnen wie ein Gummiband. 

Golden Globe Race, Tapio Lehtinen

Kiloweise Delikatessen um die Welt spazieren gefahren © favreau/ggr

Dabei hatte Tapio ganz gute Karten während des ersten Drittels seiner Reise. Teilweise segelte er sogar regelrechte Matchraces mit Idem später viertplatzierten Istvan Kopar (SR-Bericht). „Doch dann kam der vielleicht schwärzeste Tag meiner Reise,“ erzählt Tapio den lokalen Medien in Les Sables d’Olonnes. „Als ich nämlich merkte, dass mir Istvan im Indischen Ozean bei gleichen Wetterbedingungen einfach auf und davon fuhr!“ 

Zuerst habe er an ein Fischernetz gedacht, das sich im Propeller verheddert haben könnte, berichtet Tapio weiter. Aber als er in einer Flaute zu einem Inspektionstauchgang ins Wasser sprang, sah er das Malheur in seinen anfänglichen, allerdings schon besorgniserregenden Ausmaßen.

Warum er sich nicht gleich ans Säubern gemacht habe, so wie andere Teilnehmer auch, wird er gefragt. Tapio zuckt mit den Schultern und gibt kleinlaut eine panische Angst vor Haien zu. Außerdem sei ja noch der obligatorische 24-Stunden-Filmübergabe-Stopp in einer tasmanischen Bucht in Aussicht gewesen. Dort, wo alle anderen vor ihm auch ihre Boote von der bremsenden Plage befreit hatten. 

„Spring lieber nicht ins Wasser!“

Doch dort angekommen machten die tasmanischen Behörden Tapio einen Strich durch die Rechnung. Nachdem fünf vor ihm passierende Yachten dort ihren Bewuchs durch eifriges Kratzen ihrer Skipper loswurden, war man bei Tapio mittlerweile „aufgewacht“. Mit Verweis auf das Verbot, innerhalb der 200 Seemeilen-Zone Arbeiten am Rumpf vorzunehmen, wurde der Finne mitsamt seiner Muscheln am Rumpf und Kiel weiter in den Southern Ocean geschickt. 

Golden Globe Race, Tapio Lehtinen

Kurz nach dem Start ging es Lehtinen noch um den optimalen Trimm – bis die Muscheln sich durchsetzten © miku

Und als einige Tage später auf offener See, weit genug entfernt vom nächsten Landstrich, in einer Flaute endlich die Gelegenheit zur Kratzaktion gekommen war, erlebte Tapio den zweitschwärzesten Tag seiner Reise: „Ich hatte gerade mein improvisiertes Fallreep zu Wasser gelassen, war schon mit Spachtel und Taucherbrille bewaffnet, als ich einen riesigen Hai um mein Boot herum schwimmen sah!“ Das habe ihm „den Rest gegeben“, berichtet er nach seiner Rückkehr. „Für mich war das eine eindeutige Warnung – von da an war das Thema Muschelbewuchs abgehakt. Keine zehn Pferde hätten mich nochmals in die Fluten ziehen können!“ 

Unterm Strich war das vielleicht eine weise Entscheidung. Denn für Tapio Lehtinen kam es wirklich nur noch aufs Ankommen an. Nachdem klar war, dass hinter ihm keiner mehr zur Aufholjagd ansetzen konnte, habe er sich in den Chill-Modus begeben, sagte Tapio schon während seiner wöchentlichen Sicherheitstelefonate mit der Rennleitung. Nur eine Sache habe er bedauert, gibt er heute zu: „Dass ich den virtuellen Zweikampf gegen Robin Knox Johnston verloren habe“ 

Doch vielleicht ergibt sich ja noch eine Chance zur Revanche. Jedenfalls schließt Lehtinen nicht aus, dass er nochmals mit dem GGR um die Welt segeln werde. Schließlich habe Sieger Jean Luc van den Heede gezeigt, dass die älteren Semester genügend Potential aufbringen können, um den Jüngeren zu zeigen, wo der Hammer hängt, pardon: die Muschel wächst!

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Michael Kunst

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