Golden Globe Race: Muschel-Plage kostet Speed – Ungar Kopar gibt Interview am Hobart-Tor

"Endlich wieder alleine auf See"

Golden Globe Race

Stoppover in einer Tasmanischen Bucht – endlich Ruhe zum Arbeiten! © ggr/favreau

Von wegen ein paar Stunden locker abhängen in der tasmanischen Bucht! Die Segler müssen Reparaturen an den Windfahnen vornehmen, Muscheln vom Rumpf kratzen und Interviews geben. 

Das Eine sei gleich vorweg versprochen: Diesmal werden wir nicht über aktuelle Havarien, Rettungsaktionen und sonstige Desaster berichten, die beim Golden Globe Race in den letzten Wochen (gefühlt) auf der Tagesordnung standen. Und das aus einem durchaus erfreulichen Grund: Es gab keine… ausnahmsweise! (SR-Artikel über das GGR)

Aber auch Beschauliches kann bei einer Einhand-Nonstop-Rund-um-die-Welt-Regatta im Retro-Modus durchaus interessant sein. Denn bei ihrem obligatorischen Film-Übergabe-Stopp vor Hobart/Tasmanien (man darf nur wenige Stunden vor Anker gehen, keine Personen an Bord nehmen, keine Hilfe von außen annehmen, aber Interviews geben und beim Anblick anderer Menschen mental auftanken) haben alle Teilnehmer eine Menge Zuversicht, Motivation, Abenteuerlust und Mut an den Tag gelegt. Eigentlich erstaunlich, nach solchen Strapazen, wie sie die meisten unter ihnen bereits erleben mussten. 

Nur noch acht Retros im Rennen

Von 18 gestarteten sind derzeit noch acht Langkieler im Rennen. Eine Zahl, die viel darüber aussagt, was bei so einer Weltumseglung von den Seglern verlangt wird. Sie wurden von nichts verschont: Schwere Stürme mit entsprechend brachialem Seegang sorgten für Kenterungen, Mastbrüche, Wassereinbruch, Ruderdefekte.

Dabei gerieten die Skipper in teils dramatische Situationen, die zur Aufgabe zwangen oder Rettungsaktionen notwendig machten. Das große Glück bei alledem: Menschenleben sind nicht zu beklagen. Und der mit einer Rückenverletzung bisher am schwersten betroffene Inder Abilash Tomy ist mittlerweile in seiner Heimat nach einer dramatischen Rettungsaktion auf Hoher See wieder auf dem Wege der Besserung.

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Jean Luc van den Heede machte den coolsten Eindruck. Kunststück – er segelt mit 2.000 Seemeilen Vorsprung allen davon © ggr favreau

Vor dem Tasmanischen Hobart treffen nun im wahrsten Wortsinne „peu a peu“ die Teilnehmer nacheinander ein. Was die Fans von Anfang an auf dem Tracker beobachten konnten, wird hier „greifbar“ und offensichtlich: Die Abstände haben sich teils extrem in die Länge gezogen, die Wartezeit zwischen den einzelnen Teilnehmern beträgt Tage oder gar Wochen. 

Die Muschelplage

Jean Luc van den Heede passierte als Erster das „Gate downunder“ und machte den gewohnt coolen Eindruck bei seinem kurzen Aufenthalt („Will keine unnötige Zeit verlieren“). Und auch der zweitplatzierte Mark Slats – der Extrem-Ruderer ist eigentlich einer der unerfahrensten Hochseesegler in der Flotte – zeigte sich bei 2.000 Seemeilen Rückstand eher lässig während des „Film-Drops“ („Dann werde ich mal van den Heede weiter vor mir hertreiben“). 

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Kostet 0,5 bis 1 Knoten Geschwindigkeit – Entenmuscheln, Seepocken etc. © ggr

Dank Uku Randmaa, als Dritter in der tasmanischen Bucht, machten die Fans Bekanntschaft mit einer Problematik, über die man heutzutage in Hochseeregattakreisen eher selten spricht. Der Rumpf seiner Rustler 36 „One and all“ war in dicken Lagen mit Seepocken bzw. Entenmuscheln gepflastert. 

Eine „Plage“, über die auch andere Golden Globe Racer spätestens seit dem Indischen Ozean klagten. Nur die gehen das Problem offensiv an, schnorcheln an Flautentagen den Rumpf ab und entfernten mit Messern und Spateln die blinden Passagiere. Während der Este Randmaa kleinlaut zugab, dass er kein einziges Mal den Bewuchs am Rumpf seiner Rustler angekratzt habe – mangels Tauchermaske, Schnorchel und Flossen, die er in les Sables d’Olonnes vergaß. Und außerdem, setzte er etwas verschämt grinsend hinzu, sei er nicht gerade der beste Schwimmer. 

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Der Estländer Uku Randmaa erreicht Das Gate als Dritter © ggr favreau

„Es tat mir in der Seele weh, als ich Uku davonsegeln sah,“ beschrieb der Renndirektor MacIntyre nach dem Kurzaufenthalt des Estländers die Pocken-Situation. „Unterm Strich bedeutet das: Der Mann, der sich bisher so hervorragend geschlagen hat, wird aufgrund von Muschelbewuchs am Rumpf seines Bootes mit 0,5 – 1 Knoten Geschwindigkeitsverlust „bestraft“. Pro Stunde – also 12 bis 24 Meilen Verlust pro 24 Stunden.“ Hochgerechnet auf mindestens weitere Hundert Tage auf See bedeutet dies, dass Uku mit ziemlicher Sicherheit von seiner Verfolgerin eingeholt werden dürfte. Weil die nämlich tauchen kann.

Reichlich Gelassenheit für ihr Alter

Was Susie Goodall, die 29 jährige Britin, bei ihrem kurzen Stoppover in der Tasmanischen Bucht auch prompt unter Beweis stellte.

Zuvor hatte die Viertplatzierte einen schweren Sturm etwa 250 Seemeilen südlich von Kap Leuwin vor Australien überstanden, bei dem ihre mechanische Selbststeueranlage ausfiel und sie stundenlang Ruder gehen musste. Goodall meldete bei ihrem wöchentlichen Sicherheitsanruf 13 Meter hohe Wellen und 70 Knoten Wind. Ihre Rustler 36 kenterte dabei mehrfach, aber kein einziges Mal „durch“.

Im Gegensatz zu Abilash Tomy, der sich in einer ähnlichen Situationen schwer verletzte, entschloss sich Goodall, vor dem Sturm abzulaufen, um später wieder Richtung Hobart zu segeln. So kam es, dass sie wohl als erste Einhand-Weltumseglerin das Kap Leuwin auf einer Route gleich drei Mal passierte.

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irre, was die 29-jährige leistet – hier jedoch in verdienter C favreau ggrhill-Position ©

Also kümmerte sich Goodall, kurz nachdem sie vor Anker gegangen war, erstmal um ihr Boot. Sie reparierte eben schnell die Windfahnensteuerung und kratzte tauchend Muscheln vom Rumpf. Nach jeweils einer halben Stunde Arbeit waren beide Jobs erledigt und sie konnte entspannt die Fragen des Renndirektors bei einem sympathischen Interview beantworten. Einer ihrer letzten Sätze vor der Abreise lautete: „Ein Podiumsplatz sollte doch möglich sein, oder?“ 

Ähnlich entspannt und lässig zeigte sich auch Istvan Kopar. Der Amerikaner mit ungarischen Wurzeln kam als Fünfter in der Tasmanischen Bucht zur Filmabgabe an und machte keinen Hehl daraus, dass er sich pudelwohl fühle. „Er hat zuviel Gewicht verloren,“ klagte seine Frau. Doch Istvan beruhigte sie: „Das hab ich schnell wieder angefressen – in Deiner Küche!“   

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Istvan Kopar muss sich wieder Pfunde anfuttern – sonst gibt’s Ärger mit seiner Frau © ggr favreau

Zwar hatte er zu Beginn der Regatta mit einigen technischen Schwierigkeiten zu kämpfen und dirigierte sich zudem nach eigenen Aussagen „zuverlässig von einer Flaute in die nächste“. Doch nach seiner „ganz persönlichen Atlantik-Enttäuschung“ holte er ebenso verlässlich im Indischen Ozean wieder auf und fand sogar noch die Zeit, einen in Not geratenen Weltumsegler – der nicht im Rahmen des GGR unterwegs ist – auf Hoher See mit Frischwasser zu versorgen.

Sein lässiges Interview mit dem Renndirektor erntet bei den Fans des Rennens viel Zuspruch. Wenige Stunden später, nachdem Kopar bereits wieder abgelegt hat, rief er dem Begleitboot zu. „Endlich wieder alleine auf See. Ich konnte es kaum erwarten!“ Irgendwie sind sie alle vom Hochseevirus befallen, diese Golden Globe Racer.

Livetracker – Golden Globe Race

 

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Michael Kunst

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