Golden Globe Race: SR-Interview über die Retroregatta um die Welt 2022

„Ich will versuchen zu gewinnen“

Kirsten Neuschäfer ist die bislang einzige gemeldete weibliche Teilnehmerin am Golden Globe Race 2022. Be SR erzählt sie auf Deutsch von ihrem Werdegang, ihrer Motivation und wie sie der Herausforderung einer Einhandregatta um die Welt begegnet.

Kirsten Neuschäfer auf einem Solo-Überführungstörn im Atlantik

Kirsten Neuschäfer auf einem Solo-Überführungstörn im Atlantik © privat

SegelReporter: Was reizt Sie am Golden Globe Race?

Kirsten Neuschäfer: Mich reizt daran besonders, dass es eine Einhandregatta ist. Solo-Herausforderungen haben mich schon immer begeistert. Außerdem reizt mich, dass es eine Retroregatta ist. Die Betonung liegt weder darauf, wie Hightech das Boot ist, noch wie effizient man nach digitalen Angaben segeln oder wie gut man das Wetterrouting deuten kann. Es führt das Segeln zurück zu seinen Wurzeln, wo es um Seemannschaft geht. Darum, wie gut man die Elemente interpretieren kann, wie gut man sein Boot pflegt und vor Beschädigung und Verschleiß schützt. Allerdings beinhaltet es auch ein riesiges Glückselement.

“Es geht auch ums Abenteuer”

Was meinen Sie damit?

Ohne moderne Wettervorhersagen und GPS weiß man einfach nicht immer, was auf einen zukommt oder wo genau man sich gerade befindet. Es geht also auch um das Abenteuer, nicht nur ums Regattasegeln.

"Minnehaha" mit dem alten Holzmast

“Minnehaha” mit dem alten Holzmast © privat

Ist es nicht etwas riskant, so auf sein Glück zu vertrauen?

Ich rede von Glück in Bezug darauf, wer das Rennen gewinnt. Man könnte ein erstklassiger Segler auf einem außerordentlich gut vorbereiteten Boot sein und dennoch in einem Hoch landen, weil man vielleicht keine gute Wettervorhersage erhält. Zum Beispiel gibt es im Golden Globe Race 2022 das „Cape Town Photo Gate“ an der südlichen Spitze Afrikas.

Was bedeutet „Photo Gate“?

Es gibt mehrere „Photo Gates“, wo die Teilnehmer treiben oder ankern müssen, damit sie Fotos und Briefe übergeben und Interviews führen können. Sie dürfen allerdings nichts an Bord nehmen. Wenn ich mich Kapstadt deswegen nicht nähern müsste, würde ich einen sehr großen Bogen um diese Küste machen, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, wie gefährlich sie wegen der Agulhas- und Benguela-Strömung sein kann. Zu der Jahreszeit, wenn die Flotte dort vorbei segeln wird, kann man wochenlang Südostwind haben. Wer zu einem schlechten Zeitpunkt dort ankommt, könnte lange mit Gegenwind zu kämpfen haben. Ein Anderer könnte mehr Glück haben und mit einem Südwestwind davonkommen. Das schließt natürlich nicht aus, dass man um so bessere Chancen hat, je besser man vorbereitet ist. Aber das zusätzliche Glückselement trägt mit dazu bei, wie spannend dieses Rennen ist.

“Von der Technologie entfernen”

Sind Sie die technischen Retro-Bedingungen des Golden Globe Races gewohnt oder müssen Sie sich besonders darauf vorbereiten?

Ich kenne mich mit Astro-Navigation aus, allerdings habe ich mich noch nie voll darauf verlassen müssen. Ich habe immer auch GPS gehabt. Mit dem Sextanten die Position zu finden, galt vielmehr als Spaß und Zeitvertreib auf hoher See. Auch SSB-Seefunk und Wetterfax sind mir ziemlich unbekannt. Es wird mir natürlich erstmal fehlen, detaillierte Wettervorhersagen herunterladen zu können. Als ich allerdings vor Jahren anfing, Boote zu überführen, hatte ich anfangs auch nur ein Barometer und habe es so auch über die Ozeane geschafft. Ich freue mich darauf, mich wieder von dieser ganzen Technologie zu entfernen.

Ankunft in Süd-Georgien

Ankunft in Südgeorgien @ privat

Welche Rolle spielt der sportliche Ehrgeiz bei der Sache?

Natürlich spielt der sportliche Ehrgeiz eine Rolle. Er ist die Motivation, überhaupt teilzunehmen. Angeblich gibt es jene Teilnehmer, die es gerne schaffen wollen, die Route zu vollenden, und dann gibt es diejenigen, die gewinnen wollen. Ich will versuchen zu gewinnen. Das fängt schon bei der Auswahl des Bootes an und es geht mir ständig bei all meinen Vorbereitungen durch den Kopf: Was kann ich machen, damit das Boot schneller wird? Wie kann ich es verstärken, damit es mehr aushält?

“Man muss auf sich aufpassen”

Wie bereiten Sie sich auf die lange Einsamkeit an Bord vor?

Ich bin ein ziemlich eigenständiger Mensch und habe schon oft mehrere Wochen, sogar Monate, ganz alleine verbracht, auch schon zwei Monate auf dem Südatlantik bei einer Einhand-Überführung. Generell gefällt mir die Einsamkeit. Es ist allerdings hilfreich, wenn man viele Bücher zum Lesen dabeihat. Auch Musik kann sehr wichtig werden. Ein Tagebuch zu führen oder Briefe an Leute zu schreiben ist auch eine Art Dialog, die den normalen sozialen Umgang mit Menschen zeitweise ersetzen kann. Das andere ist, dass man bei Solo-Unternehmen wirklich gut auf sich aufpassen muss, weil man bei einer Verletzung oder einer Erkrankung schlecht dran ist. Auch auf seine mentale Gesundheit muss man achten – ausreichend Schlaf bekommen und dergleichen. Aber generell ist die Einsamkeit nicht das, worüber ich mir die meisten Gedanken mache.

Überführungstörn auf einem Leopard-Katamaran

Überführungstörn auf einem Leopard-Katamaran © privat

Wie sind Sie dazu gekommen, professionell als Skipperin zu arbeiten?

Zu Anfang arbeitete ich entlang der südafrikanischen Küste freiwillig als Crew auf Segelbooten, um Seemeilen und Erfahrung zu sammeln. Daraufhin machte ich meinen Segelschein. Danach fing ich an, in East London, Südafrika, an einer Segelschule als Segellehrerin zu arbeiten und überführte erstmals Segelboote entlang der südafrikanischen Küste.

Darauf folgten internationale Überführungen, wobei es sich hauptsächlich um Auslieferungen neuer Leopard-Katamarane handelte, die in Kapstadt gebaut werden. Ich überführte diese Boote fast zwölf Jahre lang in die Karibik, nach Nord- und Südamerika, Europa, Australien, Neuseeland, Thailand und Hong Kong. Ich hatte mich aber schon immer danach gesehnt, einmal in die Antarktis und nach Süd-Georgien zu segeln. Also war für mich der nächste Schritt, einmal für Skip Novak zu arbeiten, was im Jahr 2015 auch Wirklichkeit wurde.

Mit Skip Novak nach Südgeorgien

Wie sind Sie zu Skip Novak gekommen?

Die „Pelagic“ war damals zu einem Refit in Kapstadt. Ich lernte über Umwege ihren damaligen Skipper kennen und fragte ihn, ob er mich als freiwillige unbezahlte Crew an Bord nehmen würde. Ein paar Monate später kontaktierte er mich und sagte, dass es eine Charter gäbe: von den Falkland-Inseln nach Südgeorgien und einmal um die Insel herum, als Begleitboot für eine Gruppe, die um Südgeorgien paddeln wollte. Ich könnte gerne als freiwillige Crew mitkommen, wenn ich innerhalb von zwei Wochen auf den Falklands sein könnte. Ich buchte sofort mein Ticket. In der darauffolgenden Saison arbeitete ich zehn Monate als bezahlte Crew an Bord der „Pelagic Australis“ und in der dritten Saison war ich dann Skipperin auf der „Pelagic“.

Kirsten Neuschäfer mit ihrer Cape George 36 "Minnehaha"

Kirsten Neuschäfer als Skipperin auf Skip Novaks “Pelagic” © private

Welchen Vorteil verschafft Ihnen die Unterstützung durch Skip Novak?

Skip Novak ist mir ein sehr wertvoller Berater. Zum einen in technischer Hinsicht, was zum Beispiel die Vorbereitung des Bootes und auch meiner selbst auf das Rennen betrifft. Aber als ehemaliger Teilnehmer der Whitbread-Regatta weiß er auch, welche Herausforderungen auf einen zukommen, wenn man die Startlinie erreichen will und wie man die finanziellen Mittel dafür auftreibt. Prinzipiell ist Networking bei so einer Kampagne sehr wichtig, und da ist mir Skip eine wichtige Ressource.

Wie haben Sie das Budget für das Golden Globe Race erwirtschaftet?

Zurzeit verbrauche ich meine gesamten Ersparnisse und mache außerdem noch Schulden. Aber ich habe bisher auch ziemlich gute finanzielle und sonstige Unterstützung von Einzelpersonen – meistens von begeisterten Seglern, die den Sport gerne unterstützen wollen – und Firmen wie Lieferanten von Schiffsausrüstung bekommen. Unter anderem sind das Ausrüstungsspenden, frei zur Verfügung gestellte Mithilfe und Fähigkeiten, Beratung und dergleichen mehr. Ich mache auch so viele Ausbesserungen am Boot selbst wie möglich, was mir Arbeitskosten erspart.

Low-Budget-Regatta Golden Globe Race

Reicht das aus?

Obwohl ich das Boot schon besitze und auch sehr viele wichtige Renovierungsarbeiten daran schon fertiggestellt habe, liegt bis zur Startlinie noch ein langer Weg vor mir und die Spendenaktion geht weiter. Ich hoffe, dass vielleicht noch ein oder mehrere Unternehmenssponsoren dazu kommen werden. Im Vergleich zu anderen Regatten wie der Vendée Globe ist dieses Rennen Low-Budget. Wenn man sich und das Boot jedoch wirklich gut darauf vorbereiten will, kann man keine Abstriche machen. Dann wird es auch schnell teuer, zum Beispiel durch einen neuen Mast und eine neue Windfahnensteuerung.

Cape George 36 "Minnehaha" in Kanada

Cape George 36 “Minnehaha” in Kanada © privat

Wie sind Sie auf den Bootstyp Cape George 36 gekommen?

Ich habe die erlaubten Bootsdesigns sehr gründlich recherchiert und mich von Seglern, Rennseglern und Yachtdesignern beraten lassen. Ich bin dann kreuz und quer von der Atlantik- bis zur Pazifikküste und wieder zurückgereist, bis hoch nach Neufundland, um mir verschiedene Bootsentwürfe anzugucken. Ich wollte auch nicht unbedingt eine Rustler 36, auch wenn viele behaupten, dass das Schiff ein Siegerentwurf ist.

“Ich bin schwere Boote gewohnt”

Warum nicht?

Erstens bin ich jemand, der gerne seinen eigenen Weg geht, und zweitens war ich gerade in Nordamerika auf der „Pelagic“. Dort gibt es kaum Rustlers, dafür aber viele andere und auch gute amerikanische Bootsdesigns. Einige missfielen mir auf den ersten Blick, weil ich mir nicht vorstellen konnte, auf einem leichten Boot im Südlichen Ozean zu segeln. Ich bin Skip Novaks schwere, solide Stahl- und Aluminiumboote gewohnt, die sich bei rauem Wetter und starkem Seegang sehr gut handhaben lassen. Eine Bekannte und Seglerin in Seattle erzählte mir von der Cape George 36, und dass diese alle Anforderungen des Rennens erfüllt.

Kirsten Neuschäfer mit ihrer Cape George 36 "Minnehaha"

Kirsten Neuschäfer mit ihrer Cape George 36 “Minnehaha” © privat

Was spricht für die Cape George 36?

Sie ist zwar ein schweres Boot, dafür aber am längsten an der Wasserlinie und deshalb theoretisch ein schnelles Boot. Sie hat ein sehr gutes Verhältnis zwischen Ballast und Verdrängung, deshalb ist sie ein stabiles Boot und sie trägt viel Segelfläche, um das Gewicht auszugleichen. Auch hört man viel Gutes über ihre Kursstabilität – das ist sehr wichtig für die Windfahnensteuerung. Ich bin nach Port Townsend in Washington zur Werft gereist, um mir die Boote und den Bau vor Ort anzuschauen und war sehr beeindruckt. Als ich die Cape George 36 zu sehen bekam, wusste ich, dass dieses Boot das Richtige für mich ist und kaufte mir bald darauf eines in Neufundland.

“Sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag”

Wie weit sind Sie mit der Restaurierung und Ausrüstung?

Ich fing im Januar mit der Restaurierung an. Seitdem arbeite ich fast ununterbrochen an meinem Boot, sieben Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag. Wir haben das Laufdeck und das Schanzkleid erneuert, das Ruder überholt, ein neues Getriebe eingebaut, einen neuen Bugspriet gebaut und demnächst kommt ein neues Rigg aus den USA. Wir sind dabei, neue Püttinge herzustellen und legen besonders viel Wert darauf, das Rigg so stark wie möglich zu machen. Die neue Hydrovane-Windfahne ist neulich aus England angekommen. Ich habe mir auch schon ein SSB-Seefunkgerät und ein altes Wetterfax angeschafft, aber vieles davon muss noch installiert werden. An der Elektronik und den Wasserleitungen muss noch gearbeitet werden. Aber wir kommen voran und hoffentlich wird das Boot im Juni oder Juli wieder zu Wasser gelassen werden.

Kirsten Neuschäfer erledigt so viele Renovierungsarbeiten wie möglich selbst

Kirsten Neuschäfer erledigt so viele Renovierungsarbeiten wie möglich selbst © privat

Wie schätzen Sie Ihre Chancen ein, rechtzeitig zum Start in Europa zu sein?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich rechtzeitig an der Startlinie in Frankreich sein werde, obwohl ich mir sehr bewusst bin, dass ich nun keine Minute verlieren darf.

Ihr Vater stammt aus Deutschland – welche Verbindungen haben Sie nach Deutschland?

Ich bin zwar in Südafrika geboren und aufgewachsen – und da meine Mutter eine englischsprachige Südafrikanerin ist, ist Englisch meine Muttersprache – aber ich wuchs zu Hause zweisprachig auf. Ich war von der Vorschule bis zum Abitur auf einer Deutschen Schule in Südafrika. Ich habe also Fächer wie Mathe, Physik und Chemie auf Deutsch gelernt und meine Kindheit ist Dank der Deutschen Schule sehr von deutscher Kultur und Sprache geprägt worden. Von daher fühle ich mich schon sehr mit Deutschland verbunden.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Jan Maas – in deutscher Sprache.

Cape George 36

Hauptabmessungen

Länge über alles: 12,19 m
Rumpflänge: 10,97 m
Länge in der Wasserlinie: 9,6 m
Breite: 3,23 m
Tiefgang: 1,52 m
Verdrängung: 10,7 t
Ballast: 4,8 t
Segelfläche: 72,5 qm
Eingeführt 1974
Designer: Ed Monk/William Atkin
Werft: Cecil Lange & Son / Cape George Marine Works

3 Kommentare zu „Golden Globe Race: SR-Interview über die Retroregatta um die Welt 2022“

  1. avatar PL_sven_westphal sagt:

    Nicht dass ich die Vendee Globe komplett uninteressant finde, aber hier erst fängt mein Herz an zu schlagen! Der Focus rückt hier weg von millionenschweren Sponsoren und HighTech zurück zu den Segelnden und deren Seemannschaft… Großartig!!!

  2. avatar Olli sagt:

    Tolles Projekt. Es wird aber leicht auf die großen Einhandrennen herab geschaut, indem die hier erforderliche Seemannschaft hervorgehoben wird und die Notwendigkeit, das Boot gut beieinander zu halten. Das ist bei Vendée, Route du Rhum usw. genau das Gleiche und ich glaube noch mehr, da ältere Boote mehr Fehler verzeihen. Die höchste Seemannschaft habe ich bislang auf Rennyachten erlebt. Die müssen dreifach und vierfach auf die Sicherheit achten, da sie andernfalls nicht gewinnen können. Zumindest wenn es um Ozeanregatten geht.
    Klar. Der Binnenrenner vor der Haustür riskiert schonmal was. Das macht aber kein Langstreckenrennsegler. Denn die wollen ankommen, um zu gewinnen. Ebenso wie die Teilnehmer der Vintageregatten. Deren Boote machen aber die eine oder andere Fehlbedienung mit. Ein Imoca nicht.

    • avatar Jan Maas sagt:

      Danke für die Anmerkung. Ich glaube nicht, dass man der einen oder anderen Seite die gute Seemannschaft absprechen kann. So habe ich Kirsten Neuschäfer auch nicht verstanden. Allerdings denke ich, dass in der Berichterstattung über die Vendée Globe und andere Hightech-Rennen technische Aspekte oft sehr betont werden. So kann leicht ein etwas schiefer Eindruck entstehen. Da bekenne ich mich schuldig. 😉 Aber die Technik ist ja auch so spannend, dort findet die Entwicklung statt…

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