Große Segel-Momente: Offshore-Held Yves Parlier bei der Vendée Globe 2000/01

Der Außerirdische

Yves Parlier, Vendée Globe 2001,

Yves Parlier – Segelheld und Visionär © parlier

Yves Parliers zehntägige Mastreparatur ist mittlerweile Legende. Doch sein Abenteuer war damit noch lange nicht zu Ende…

Zunächst lief alles nach Plan: bei der Jahrtausendwende-Vendée-Globe führte Yves Parlier ab Äquator die Flotte locker an, sein Schiff zählte deutlich zu den Schnellsten und Parliers bereits sagenhaftes Gespür fürs Wetter und die richtigen Windstriche hatte ihn bestens durch den Kalmengürtel gebracht. Im Southern Ocean drehte er richtig auf, raste tagelang im Surf über die Wellen. Bis er kurz vor Weihnachten Opfer einer kleinen Unaufmerksamkeit wurde: „Ich fuhr zu platt vor dem Wind, als ich unter Deck den Alarm hörte. Das Schiff fing an zu geigen, ich stürzte an Deck, doch da war der Sonnenschuss schon nicht mehr aufzuhalten,“ berichtete Parlier später.

Sein Schiff kenterte, wurde mit den nächsten Wellen gleich wieder angehoben; Parlier „hing irgendwo im Gebälk“, vier Meter über der Wasseroberfläche. „Ich schaffte es nicht, die Großschot schnell zu fieren, um Druck aus dem Groß zu nehmen und hörte dann nur noch den verhängnisvollen Krach meines brechenden Mastes, als weitere Wellen mein Schiff wieder anhoben.“

Yves Parlier, Vendee Globe 2001

Parlier mit einer Art Heiz-Klebesystem im Mast © parlier

Pech zieht Glück nach sich – meistens!

An drei Stellen brach die Kohlefaserpalme, das Deck glich einer Müllhalde. Doch der damals 40jährige Parlier ist keiner, der bei so einem Anblick resigniert. „Ich hatte mal wieder Pech gehabt, also musste ich das Beste draus machen!“

Er begann sofort alles, was nur irgendwie zu retten war, wieder an Deck zu ziehen, arbeitete stundenlang mit der Großschotübersetzung daran, die Mastteile, die außen gegen den Bootsrumpf schlugen, wieder an Deck zu hieven und stellte schließlich ein Notrigg.

Mit dem segelte er, teils mit mehr als 10kn Geschwindigkeit, zur nahegelegenen Stewart-Insel vor Neuseeland, suchte sich dort „eine hübsche, aber vor allem geschützte Bucht“ und … begann nach den Regeln der Vendée Globe alleine, ohne jegliche Hilfe von außen mit der Mastreparatur.

Parlier bei der Arbeit © parlier

Zehn Tage lag der Franzose in der Bucht. Zehn Tage spielte er sein Bastel-Genie aus. Zehn Tage, in denen die Segelwelt mit ihm fieberte.

Der auf Segeln spezialisierte Fotograf Thierry Martinez flog nach Neuseeland und ließ sich (u.a. für Paris Match) zur Insel übersetzen und dokumentierte das Reparatur-Abenteuer des Yves Parlier minutiös (die Fotografien sind hier einsehbar)

Zugegeben, der auf Komposit-Materialien spezialisierte Ingenieur Yves Parlier war prädestiniert für diese Aktion. „Wenn es einer schaffen kann, dann Yves!“ soll Ellen MacArthur, die bei dieser VG zweite werden sollte, von unterwegs versichert haben.

Bastelstunden vor Neuseeland

„Ich hatte 200 gr. Composit-Klebstoff dabei, ein paar Kohlefasermatten, die eigentlich für den Bootsrumpf gedacht waren, eine kleine und eine mittelgroße Feile. Meine Hilfsmittel waren also durchaus überschaubar.“

Alleine eine 18-m-Palme aufrichten © parlier

Da der Mast an drei Stellen gebrochen war, musste Parlier drei neue Verbindungsstücke bauen, die den Mast an diesen Stellen verlässlich wieder zusammen fügten und stützten. Am Strand der Insel hatte Parlier alte Glühbirnen gefunden, die tatsächlich noch funktionierten, Reste einer Überlebensdecke, Plastikbehälter.

Parlier schaffte es, mit den 200gr. Klebstoff, den Fundstücken, dem Gasbrenner seiner Kombüse und der Bordelektrizität, die richtigen Temperaturen für einen effizienten Klebevorgang zu erreichen; der Mast verkürzte sich von 25 auf 18 m und wog zuletzt „noch“ 200 kg.

Nach 7 Tagen waren die Bastelarbeiten so weit voran geschritten, dass sich Parlier ans Aufstellen machen konnte. Mit Hilfe eines selbst gebauten Krans und vier Flaschenzug-Systemen schaffte es der Ingenieur tatsächlich, den Mast alleine zu stellen. Später ehrten ihn Bootsbauer und Werftbetreiber Parlier für diese „außerordentliche technische Leistung.“

Was keiner für möglich gehalten hatte: Parlier segelte weiter bei dieser Vendée Globe. Der Mast „hielt“, auch in schwerem Seegang, trotz „Dauerreff“ im Groß brachten die Segel das Schiff gut voran.

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Große Segel-Momente: Offshore-Held Yves Parlier bei der Vendée Globe 2000/01“

  1. avatar Martin sagt:

    Das macht Mut, offensichtlich bringt die Menschheit dann und wann ganz vernünftige Exemplare hervor.
    Ach, ich Kulturpessimist…

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  2. avatar NK sagt:

    Schon damals eine unglaubliche Geschichte und bis heute nichts von der Faszination verloren! Danke für die Aufarbeitung.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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