Große Segel-Momente: Offshore-Held Yves Parlier bei der Vendée Globe 2000/01

Der Außerirdische

Der heute 53jährige © parlier

Dieses Knurren im Magen!

Doch Parlier hatte jetzt ein weiteres Problem: Hunger! Der 10-Tage-Stop vor Steward-Island war in seiner Proviant-Kalkulation nicht vorgesehen gewesen. Da er keine Ahnung  hatte, wie lange er noch bis zur Ziellinie in Les Sables d’Olonne brauchen würde und noch mehr als die Hälfte der Weltumrundung vor ihm lag, musste er strikt rationieren. Fortan standen auf dem täglichen Speiseplan: 1 Tüte Astronautenfutter (450 kcal), 1 Biskuit, ein Riegel Schokolade, 25gr. Butter, 1 Büchse Sardinen, eine Ecke Weichkäse.

Bis Kap Hoorn nahm Parlier bei dieser Diät 7 kg ab, kurz nach dem Kap ging die Moral „in den Keller“. Nachdem er den Südzipfel Amerikas unter katastrophlaen Wetterbedingungen gemeistert hatte, stürzte er sich in einem Hunger-Blues auf die Vorräte und futterte „im Fresswahn“ acht Tagesrationen auf einmal. Folge: Die Tagesrationen bestanden nur noch aus Biskuit, Schokolade, Butter und Astronautenfutter.

Parlier, Vendée Globe 2001

Im Element © parlier

Am nächsten Tag trat „Plan C“ in Kraft: „Ich musste im Meer nach Essen suchen. Nachdem er im Southern Ocean keinerlei Angelglück hatte, wollte er nun die Methode mit besseren Ködern verfeinern!“ 48 h später hatte er eine Dorade an der Leine, die sich im letzten Moment befreien konnte. Einen weiteren Tag später konnte Parlier endlich „frische Doraden-Steaks” zu sich nehmen – ein Festmahl.

Gen Äquator fielen ihm die „übel stinkenden, aber ganz gut schmeckenden“ Fliegenden Fische auf Deck, die er mit Salz, das er vom Deck abkratzte, konservierte – „für wirklich schlechte Zeiten!“.

Ernährung mit “Meeresgemüse”

Als sein Schiff förmlich im Kalmengürtel in einem Algenfeld stecken blieb, nahm er davon ca. 100 kg an Bord und trocknete sie auf der „Wäscheleine“. Fortan gab es jeden Tag in allen Varianten das Meeresgemüse. Gekocht, gebraten, roh…

lebt gerne in anderen Dimensionen © parlier

„Irgendwann wäre ich lieber verhungert, als auch nur noch eine Alge zu mir zu nehmen,“ erzählte Yves später. Doch lt. Ernährungsexperten war es ausgerechnet das Meeresgemüse, das ihn vor einem physischen und mentalen Zusammenbruch auf der Zielgeraden im Atlantik bewahrte.

Nach 120 Tagen, genau einen Monat nach den Siegern Desjoyeaux und MacArthur, erreichte Yves Parlier das Ziel dieser Vendée Globe 2000/01 in Les Sables d’Olonne. Dort bereitete ihm ganz Frankreich einen triumphalen Empfang – allein 15 TV-Stationen aus ganz Europa berichteten live, 120.000 Zuschauer bejubelten ihn vor Ort. Yves Parlier hatte 16 kg Körpergewicht verloren – auf nahezu allen Fotos im Ziel, im Hafen oder bei der Pressekonferenz sah man ihn breit grinsend und… kauend!

Für sein „typisch französisches“ Durchhaltevermögen nahm man ihn kurz darauf in die französische Ehrenlegion auf; er selbst bezeichnete diese Vendée Globe als „das wichtigste Ereignis in meinem Leben!“ Wenn man einmal so etwas geschafft habe, dann sehe man die Welt mit anderen Augen. „Dein Verhältnis zu allem, bis hin zum Universum, ist ein anderes geworden. Die Dimensionen verschieben sich in solchen Zeiten!“

Hydroplanur, parlier

Hydroplaneur © parlier

Endgültig abgehoben?

Neue Dimensionen peilte Yves Parlier auch in den folgenden Jahren bis heute an: er ließ nach eigenen Plänen den „Hydroplaneur“ bauen, ein Katamaran im Stile von „Phillips“ mit jeweils einen Mast auf den neuartigen Rümpfen, deren Form Wasserflugzeugen nachempfunden wurde. Mit ihm wollte Er Geschwindigkeitsrekorde brechen – scheiterte aber ganz offensichtlich an der Kavitation. Heute steht das Schiff rekordlos auf einem Parkplatz in Arcachon zum Verkauf. Doch Yves Parlier hat längst einen neuen Platz in „anderen Dimensionen“ gefunden: Als wichtiger Berater und Crewmitglied bei Alain Thébaults Rekordrenner „Hydroptère“.

Yves neuestes Projekt: Er lässt sich auf einem 25″-Katamaran von einem Drachen ziehen. Abgehoben, oder nur zukunftsweisend?

Catamaran Solarinox, parlier

Catamaran Solarinox © van Malleghem/parlier

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Große Segel-Momente: Offshore-Held Yves Parlier bei der Vendée Globe 2000/01“

  1. avatar Martin sagt:

    Das macht Mut, offensichtlich bringt die Menschheit dann und wann ganz vernünftige Exemplare hervor.
    Ach, ich Kulturpessimist…

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  2. avatar NK sagt:

    Schon damals eine unglaubliche Geschichte und bis heute nichts von der Faszination verloren! Danke für die Aufarbeitung.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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