Historie: Die härtesten Segel-Athleten – Niedergang einer deutschen Parade-Disziplin

Das Ende der Stehsegler

Es gab einmal eine Zeit, da waren die deutschen Segelsurfer eine Macht. Kennt jemand noch Amelie Lux? Wo sind sie geblieben? Holländer geben uneingeschränkt den Ton an.

Sie sind einfach so verschwunden, die deutschen Olympia-Surfer. Viele Jahre lang haben sie in der Weltspitze mit den Ton angegeben, nun nimmt man es kaum noch wahr, dass der DSV nur noch acht von zehn Olympia-Disziplinen in der Spitze fördert. Die Spiele in Peking werden die ersten sein, um die sich kein deutscher Surfer bewirbt.

Moana Delle

Moana Delle beendete 2014 ihre Karriere. © Eyes and Friend

Das fällt auf, wenn die aktuellen Ergebnisse von der Europameisterschaft der RS:X Surfer in beim Club Nautica Arenal auf Mallorca hereinflattern. 333 Surfer waren in den Senioren- und Jugend-Klassen am Start und darunter kein einziger Deutscher.

Die Holländer haben sich diese Disziplin gesichert. Und wie schon bei den vergangenen Weltmeisterschaften holten sie bei den Männern und Frauen Gold. Olympiasieger Dorian van Rijsselberge steuerte sogar noch eine Silbermedaille hinzu. Auf Augenhöhe bewegen sich nur noch Franzosen und immer mehr die Chinesen.

Deutsche Domäne

Schwarzrotgold kann nun schon länger nicht mehr mithalten. Dabei hat das sportliche Windsurfen hierzulande eine starke Tradition. Dirk Meyer aus Berlin gehörte zur Weltspitze als 1984 in Los Angeles erstmals mit dem Windglider um Edelmetall gesurft wurde. Er belegte Rang sieben und war auch vier Jahre später in Seoul mit dem Lechner Verdränger wieder am Start, der auch vier Jahre später im Einsatz war.

Beste Stimmung bei den Surfern. Moana Delle und Toni Wilhelm können eine weitere Olympiakampagne starten. © STG

Beste Stimmung bei den Surfern. Moana Delle und Toni Wilhelm in London. © STG

Damals holte sich überraschend der erst 24 Jahre alte Timm Stade den Platz für Deutschland, konnte aber nur Rang 18 belegen. Vier Jahre später 1996 war Matthias Bornhäuser mit 22 noch jünger (10.). Erstmals durften in Savannah Frauen um Medaillen surfen, aber der DSV besetzte diese Disziplin nicht.

Erst 2000 war die Oldenburgerin Amelie Lux gut genug, um in der Weltspitze zu surfen. Sie schrieb in Sydney  die Erfolgsgeschichte des deutschen “Surfflohs”. Die 23-jährige zweimalige Jugendweltmeisterin steuert mit dem Mistral-Brett sensationell auf Goldkurs und brachte dem Segeln eine ungewohnte Aufmerksamkeit.

Beinhartes Duell

Nach der unglaublichen Serie 1//2/1/1/4/2/2/3/2/2  in der 29 Boote-Flotte hatte sie Silber schon sicher und die Italienerin Alessandra Sensini konnte nur noch gewinnen, wenn sie auch beim letzten Lauf siegte. Dieses Finale wurde ein beinhartes Duell der beiden Besten an der Spitze des Feldes. Die Führung wechselte mehrmals, aber am Ende verlor Lux das Duell knapp mit Krämpfen in den Armen.

Amelie Lux © KiWo

Dieser Auftritt mag die nächste Generation beflügelt haben. Denn auch Alexander Baronjan 2000 bei den Männern bis zur Hälfte der Regatta mit um eine Medaille, landete aber schließlich im Feld der 36 Nationen auf Rang neun.

2004 schaffte Lux noch einma Platz 7 in Athen und Toni Wilhelm wurde bei seiner ersten Teilnahme enttäuschender 30. Und danach schien die deutsche Surf-Euphorie beendet. Vier Jahre später schickte der DSV keinen Stehsegler nach Qingdao. Die Adaption des neuen RS:X-Brettes war nicht geglückt.

Karriere-Ende und niemand rückt nach

Wilhelm gelang es aber doch noch das neue Material zu beherrschen, er etablierte sich in der Weltspitze und verpasste in London 2012 nur knapp um vier Punkte als Viertplatzierter das Edelmetall. Auch Kollegin Moana Delle surfte in London stark und verpasste als Fünfte nur knapp eine Medaille. Zwei Jahre später beendete sie ihre Karriere, und das war auch das Ende des deutschen Frauensurfens auf höchstem Niveau.

Toni Wilhelm

Toni Wilhelm auf dem Weg zurück in die Weltspitze © Princesa Sofia

Toni Wilhelm machte noch einmal vier Jahre weiter und schaffte es in Rio zu seinen dritten Olympischen Spielen, wo er einen guten sechsten Platz erreichte. Als aber auch er nach 14 Jahren auf dem Surfbrett seine Leistungssport-Karriere beendete, kam auch nichts mehr nach. Und der Verband verfügte offenbar nicht über die Mittel oder den Willen, daran durch gezielte Förderung etwas zu ändern.

Dabei ist diese Sportart noch die Günstigste unter den Segeldisziplinen. Allerdings auch die Härteste. Die andauernde Pump-Arbeit am Gabelbaum erfordert den höchsten Fitnessgrad aller Segler. Man muss sich schon sehr quälen können, um diese Herausforderung anzugehen. Wenn dann noch die Strukturen nicht so professionell ausgelegt sind, wie sie für professionelles Sporttreiben auf Weltniveau erforderlich sind, wird es schwer, Höchstleistungen zu erzeugen.

Schade eigentlich. Eine Aufholjagd ist kaum noch möglich, wenn das RS:X Brett als Disziplin bleibt. Aber vielleicht besteht die Chance zum Comeback für deutsche Surfer, wenn mit der Umstieg zum Windfoiler beschlossen wird. Das könnte attraktiver für die Jugend sein, und die Karten würden neu gemischt.

Ergebnisse RS:X EM 2019 Arenal

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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