IMOCA-Neubau: Erster Plattbug für die Vendée Globe – Tripons radikaler 60 Fußer

Der neue Look

Die jüngste IMOCA-Konstruktion “L’Occitane” für Vendée-Globe-Neuling Armel Tripon ist mit extremsten Linien vom Stapel gelaufen. Wenn das Design von Sam Manuard funktioniert, kann das großen Einfluss auf den Yachtbau haben.

Der neue L’Occitane, IMOCA: voller Bug, schmaler Rumpf. © PIERRE BOURAS

Mit “L’Occitane” ist der siebte und letzte IMOCA-Neubau für die Vendée Globe 2020/21 vom Stapel gelaufen. Die radikale Konstruktion wurde wurde auf der in Nantes ansässigen Black-Pepper-Werft für Armel Tripon gebaut und weist erstmals einen Scow-Bug auf.

Fliegen auch ohne Flügel. © PIERRE BOURAS

Es ist der erste 60-Fuß-Entwurf von Samuel Manuard, der bisher insbesondere bei den Mini 6.50 und Class 40 Erfolge verbuchen konnte. Bei der Transat Jacques Vabre dominierten die neuen Plattbug-Konstruktionen und Manuards “Banque du Léman” segelte auf Rang zwei. Kann die Konstruktion mit dem voluminösen Vorschiff auch die IMOCA-Klasse revolutionieren?

Endlich am Ziel. Armel Tripon mit seinem neuen Spielzeug. © PIERRE BOURAS

So will Armel Tripon um die Welt fliegen.. © PIERRE BOURAS – L’OCCITANE

Hübsch ist dieses Schiff nicht, auf dem sich Armel Tripon präsentiert. Dickbäuchig und voluminös kommt der Rumpf daher. Er vermittelt Behäbigkeit. Ein Design, das eher für maximalen Platz unter Deck ausgelegt sein mag.

Abgerundetes Deck, damit das Wasser besser abfließt. © PIERRE BOURAS

Armel Tripon auf seinem neuen IMOCA. © PIERRE BOURAS – L’OCCITANE

Aber genau das ist es nicht. Komfort in der Kajüte ist das Letzte, woran ein IMOCA-Designer denkt. Auf einer 60 Fuß Yacht für die Vendée Globe sollte mehr als genug Platz vorhanden sein. Schließlich muss nur ein Mensch beherbergt werden – für das Ocean Race mit Crew taugt dieser IMOCA wohl nicht.

Die Konstruktion, die für den 44-jährigen Skipper vom Stapel lief, soll einfach nur schnell sein. Und wenn sie es schließlich wirklich ist, mag man in naher Zukunft ihren Look ausgesprochen hübsch finden – so wie ein gerader Steven heutzutage für Schnittigkeit und Speed steht. Früher wäre er aus ästhetischer Sicht undenkbar gewesen.

Voluminöses Vorschiff

Nach einem Jahr Arbeit steht die neue “L’Occitane” aus der Feder von Samuel Manuard kurz vor dem Stapellauf. Dabei präsentiert der Designer, dessen Konstruktionen in der Class40 bei der Transat Jacques Vabre die Plätze zwei, drei, vier belegt haben, eine radikale Interpretation der IMOCA-Regel.

Die Konstruktion unter Deck. Viel Platz gibt es nicht. © PIERRE BOURAS – L’OCCITANE

Die Rumpflinien folgen dem Trend zum voluminösen Vorschiff, der in der Mini 6.50 Klasse mit den Scow Bügen begründet und nun radikal bei den Class40s fortgesetzt wurde. Auch IMOCA-“Nasen” die anderen Neubauten sehen “fett” aus, aber Manuard hat das Design noch extremer ausgeführt.

Tripon bestätigt, diese Form habe sich im Mini seit einigen Jahren bewährt und kürzlich eben auch in der Class40. “Jetzt ist es an der Zeit, sie bei einem IMOCA zu wagen.” Offenbar ist es für ihn nicht wichtig, dass der große Unterschied der 40er zur 60 Fuß Klasse das Fehlen der Tragflächen ist. Es gehe eben darum, möglichst schnell in die Gleitphase zu kommen und dabei den Speed zu entwickeln, bei dem die Tragflächen wirken.

Im Vergleich zur Konkurrenz ist der Rumpf deshalb noch schmaler und mehr auf die Hilfe seiner Tragflächen im Wasser angewiesen. Die Foils werden wohl zu den längsten der Flotte gehören.

Weniger Wasser an Deck

Ein großes Plus erhoffen sich Manuard und Tripon auch dadurch, dass die gerundeten Formen weniger Spritzwasser erzeugen und das Boot dadurch trockener segelt. Neben dem größeren Komfort für den Skipper hat das auch einen positiven Gewicht-Effekt. Je mehr Spritzwasser auf dem Deck verbleibt, umso schwerer wird das Schiff. Deshalb ist das Deck so gebogen. Wasser soll möglichst schnell abfließen.

Cockpit mit Mini-Dach. © PIERRE BOURAS

Das Cockpit ist dabei möglichst klein ausgeführt und es gibt nicht mehr Platz als auf einem 40 Fußer. Durch die Enge soll auch verhindert werden, dass Stürze zu große Auswirkungen haben. Tripon sagt, er wolle nicht mehrere Meter durch das Cockpit fliegen, bevor er gegen eine Wand krache. Der Bereich ist nicht völlig abgetrennt von der Außenwelt wie bei Alex Thomson, aber ebenso geschützt durch eine feste Haube, die aber einen Blick auf den Segeltrimm ermöglicht.

Mit der Formgebung des Rumpfes kommt als Manko eine kürzere Wasserlinie daher. Die wirke sich besonders bei Leichtwind und an der Kreuz negativ aus. Aber diese Bedingungen machen bei der Vendée Globe normalerweise nur einen sehr geringen Prozentsatz aus.

Die Rumpfdurchlässe für die Foils sind weit oben am Rumpf angebracht. © PIERRE BOURAS – L’OCCITANE

Außerdem könnte der Nachteil durch eine andere Innovation ausgeglichen werden. Die Aufnahmen für die Foils sind so hoch am Rumpf angebracht, wie bei keinem anderen IMOCA. Damit können sie so weit eingefahren werden, dass sie nicht durchs Wasser schleifen, wenn sie nicht im Gebrauch sind – also bei sehr leichtem und sehr schwerem Wetter.

Neuer Blick auf die IMOCA Regeln

Ob Samuel mit seinem ersten IMOCA-Design direkt einen großen Wurf landet? Die Experten sind sich nicht sicher. Schließlich ist es auch für den Skipper Armel Tripon die erste Vendée. Zuletzt hatte er sich eher mit Mehrrümpfern beschäftigt und in der Multi50-Klasse die Route du Rhum 2018 gewonnen.

Tripon vergleicht die Form seines Schiffes mit denen eines Wals. © PIERRE BOURAS – L’OCCITANE

Aber der Mini-Transat-Sieger von 2003, der sich danach eher mit überschaubarem Erfolg sieben Jahre lang auf der Figaro-Ochsentour stählte, äußert sich begeistert: “Wir arbeiten mit L’Occitane an einem sehr innovativen Projekt. Dabei wollten wir einen Designer, der einen neuen Blick auf die IMOCA-Regeln wirft. Sam hat wirklich Spaß daran und ist sehr motiviert. Auch für die Werft Black Pepper ist der Bau eines IMOCA Neuland. Sie hat bisher nur einen 18 Meter langen Cruiser gebaut. Aber  sie haben die Herausforderung angenommen.”

Für Tripon ist es eine besondere Chance. Erstmals segelt er mit einem Neubau gegen die Großen der Szene. Wenn Sam Manuard so genial ist, wie einige in der Szene denken, kann Tripon mit “L’Occitane” auf der großen Runde um die Welt viel Spaß haben und vielleicht für eine Überraschung sorgen. Dann dürfte die ästhetisch bisher eher wenig ansprechende Form des 60Fußers einen großen Einfluss auf den modernen Bootsbau haben.

Im Februar werden nun nacheinander die Flügel montiert. Es folgen die Kentertest und Trainingsfahrten. Am 10. Mai startet schon das erste Transatlantik-Rennen von Brest nach Charleston. Danach geht’s zurück über den Teich von New York nach Les Sables. Die Rennmeilen sind wichtig für die Vendée Globe Qualifikation.

Tripon sagt zum hastigen Zeitplan: “Natürlich hätten wir lieber mehr Zeit zum Testen gehabt. Aber bei den beiden Nordatlantik-Regatten gibt es genügend Möglichkeiten, die Zuverlässigkeit zu testen. Wir spielen eine andere Karte als die anderen. Aber es ist nicht anders, um des Andersseins willen.. In dieses Boot haben wir unsere Überzeugungen gesteckt. Um die Wahrheit zu sagen, waren wir angenehm überrascht, dass wir als einzige diesen Design-Weg gewählt haben. Wir sind davon überzeugt. Aber die Wahrheit wird sich erst auf dem Wasser zeigen.”

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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